Toulouse-Attentäter

09. Juli 2012 15:32; Akt: 09.07.2012 15:42 Print

«Ich liebe den Tod, wie ihr das Leben liebt»

Er verhöhnt seine Opfer und die Polizei: In Frankreich sind Gespräche veröffentlicht worden, die der Attentäter von Toulouse mit der Spezialeinheit führte. Angehörige und Behörden sind empört.

Bildstrecke im Grossformat »
Der Bruder des Serienmörders Mohamed Merah wird am 24. März nach Paris verlegt. Zur Polizei sagte er: «Ich bin sehr stolz auf meinen Bruder.» Am Freitag, 23. März 2012 waren Polizisten immer noch in der Wohnung des Attentäters von Toulouse. Durch dieses Fenster soll Mohammed Merah gesprungen sein. Einschusslöcher sind auch am Balkon zu sehen. Die Polizei war mit einem Grossaufgebot vor Ort. Das Wohnhaus von Merah. Im Fernsehen sagt Staatspräsident Nicolas Sarkozy: «Merah war ein Terrorist. Muslime haben damit nichts zu tun.» «Die Republik ist immer am stärksten. Das ist die Lektion, die wir aus dem Vorfall in Toulouse lernen», sagte François Hollande, der Präsidentschaftsikandidat der Sozialisten, nach der erfolgreichen Stürmung aus Paris. Innenminister Claude Guéant (Mitte, mit Brille) stellt sich als erster vor die Medien. Er sei «froh, dass das Problem gelöst sei», sagte er nach der Aktion und bedankte sich bei allen Beteiligten. Laut Guéant (Bild) sei Merah durch die Polizei erschossen worden. Bei der Stürmung der Wohnung sollen drei Polizisten verletzt worden sein. Einer habe Schussverletzungen, zwei weitere stünden unter Schock. Ungefähr um 11 Uhr kommt Bewegung auf. Der Sturm auf die Wohnung des Verdächtigen hat begonnen. Nach einem kurzen Schusswechsel dann die Nachricht, dass Merah tot sei. Polizisten der RAID-Elitetruppen kurz bevor sie am Donnerstag, 22. März in das Haus vorgedrungen sind. Das Medieninteresse ist gigantisch. Auch wenn man vor Ort nicht viel mehr mitkriegt, als anderswo. Am Morgen des 22. März 2012 sind in Toulouse vor dem Haus, in dem sich Mohammed Merah verschanzt hält, Feuerwehrwagen vorgefahren. Ein Zugriff auf das Haus steht unmittelbar bevor. Es ist völlig unklar, ob der mutmassliche Attentäter überhaupt noch lebt. Am Abend des 21. März hat der TV-Sender France 2 veröffentlicht. Das Video soll dem Sender von Bekannten des 23-Jährigen zugespielt worden sein, wie die Zeitung «Le Parisien» berichtete. Die Bilder zeigen einen ... ... in seinem Auto. In der Nacht auf den 22. März waren zu hören. Man vermutet, dass die Polizei eingesetzt hat, um Mohammed Merah überwältigen zu können. Doch noch blieb ein Zugriff der Polizei aus. Sie wartet weiter ab. Gemäss dem französischen Innenminister hat es oberste Priorität, Mohammed Merah lebend festzunehmen. Am Mittwochabend hat die Polizei die Vorbereitungen für einen Einsatz intensiviert. Gas- und Elektrizitätleitungen wurden gekappt. Nach eigenen Angaben bereitet die Polizei die Erstürmung des Gebäudes vor, da sich der Verdächtige nicht ergeben will. Die übrigen Hausbewohner wurden bereits evakuiert. Laut (r.) hatte der Verdächtige geplant, am Mittwoch weitere Morde zu begehen. Der Staatspräsident besucht mit Premierminister François Fillon (l.) den Ort des Geschehens. Er wollte eine Pressekonferenz geben, nachdem das Gerücht die Runde gemacht hat, dass der Verdächtige gefasst sei. Danach fährt er nach Montauban, um an einer Trauerzeremonie für die Attentatsopfer teilzunehmen. Die Umgebung rund um das Haus des mutmasslichen Attentäters ist weiträumig abgesperrt. Aus den Fenstern ihrer Wohnungen beobachten Schaulustige das Geschehen. Kurz nach 14 Uhr am 21. März 2012 vermeldet ein Nachrichtensender, der mutmassliche Attentäter Mohammed Merah sei verhaftet worden. Die Nachricht wurde kurz darauf laut der Nachrichtenagentur Reuters dementiert. Nicht nur Polizisten, auch unzählige Medienleute stehen in der Nähe des Gebäudes. Seit Stunden verhandelt die Polizei mit dem mutmasslichen Attentäter. Er soll ihnen seine ganze kriminelle Lebensgeschichte erzählt haben. In der Nacht auf den umstellt die Polizei ein Haus in Toulouse. Im Gebäude verschanzt sich der Mörder von drei Soldaten nordafrikanischer Herkunft und von vier Juden. Mit einem Bus werden Nachbarn in Sicherheit gebracht. Beim Einsatz, der mitten in der Nacht begann, sollen drei Polizisten verletzt worden sein, einer davon schwer. Der verschanzte 23-Jährige soll während seiner wirren Aussagen in den Verhandlungen vor Ort die Morde an sieben Menschen gestanden haben. Angeblich will er sich stellen. Der französische Innenminister Claude Guéant liess die Mutter des Tatverdächtigen kommen. Sie weigerte sich aber, mit ihrem Sohn zu sprechen. Ein Nachbar erzählt den Medien, was er über den Täter weiss. Offenbar bezeichnet sich der 23-jährige Mohammed Merah als Mujaheddin, also als «Gotteskrieger», der sich für die Verbreitung des Islam einsetzt. Der Bruder des Verdächtigen ist angeblich verhaftet worden.

Chronik eines Serienattentats: Am 22. März 2012 wurde Mohammed Merah, der sich über 32 Stunden in seiner Wohnung verschanzt hatte, durch einen Kopfschuss getötet.

Zum Thema
Fehler gesehen?
Fehler beheben!
Senden

In Frankreich werfen Tonbandaufnahmen der Gespräche zwischen dem Attentäter von Toulouse und der Polizei hohe Wellen. TF1 hatte am Sonntagabend in der Sendung «Sept à Huit» erstmals Auszüge aus den aufgezeichneten Verhandlungen zwischen Mohamed Merah und der Polizei gesendet. Der Franzose hatte im März bei drei Attentaten insgesamt sieben Menschen vor einer jüdischen Schule erschossen, darunter drei Kinder und einen Lehrer. Der 23-Jährige hatte sich als Mitglied des islamistischen Terrornetzwerks Al Kaida bezeichnet. Er wurde am 22. März nach 32-stündiger Belagerung seiner Wohnung von Elitepolizisten erschossen.

Merah erklärte während den langen Verhandlungen mit der Polizei seine Verbrechen. Der junge Mann wirkte dabei erschreckend kaltblütig und zeigte keinerlei Reue. Er machte sich gar über seinen Verhandlungspartner lustig. Er sagte, er habe gewusst, dass der Geheimdienst hinter ihm her sei. «Meine Disko-Besuche, meine modischen Kleider, meine gefärbten Haare» sei Teil «seiner Tarnung» gewesen, meint er.

Über seine Reisen nach Pakistan und Afghanistan sagt der Terrorist: Er habe nicht glauben können, dass der Geheimdienst ernsthaft gemeint habe, dass er sich dort nur in den Ferien befand. «Ihr glaubt wirklich, dass man dort Ferien macht? Ihr habt den grössten Fehler eurer Karriere begangen.» In der viereinhalbstündigen Tonbandaufnahme erzählt der 23-Jährige, in Pakistan «viele Al-Kaida-Brüder» und «zahlreiche europäische Dschihadisten», darunter Franzosen, Spanier und Deutsche, getroffen zu haben.

Attentat war nicht geplant

Einer der schrecklichsten Momente des Gesprächs ist Merahs Schilderung von der Schiesserei vor der jüdischen Schule. Er sagte, er habe an jenem Morgen eigentlich ein Attentat aufs Militär geplant gehabt, das er aber schliesslich nicht habe ausführen können. «Ich nahm wieder mein Motorrad und fuhr zufällig an der Schule vorbei. Es war nicht geplant. Nicht, dass ich es nicht vorgehabt hätte, aber an diesem Morgen wars nicht mein Ziel.»

Der Schluss der Aufnahme ist besonders tragisch. «Seid ihr euch darüber bewusst, dass ihr einen Mann vor euch habt, der vor dem Tod keine Angst hat?», fragte Merah seinen Verhandlungspartner. «Ich liebe den Tod, wie ihr das Leben liebt.» Am Schluss bittet er, noch einmal mit seiner Mutter reden zu dürfen. Die Behörden billigten ihm diese Möglichkeit zu. Doch dann wies er diese wieder zurück und beendete abrupt die Verhandlungen. Kurz darauf wurde er von den französischen Spezialeinheiten mit einem Kopfschuss getötet.

Kein Respekt vor Angehörigen

Innenminister Manuel Valls verurteilte die Entscheidung des Senders TF1, Auszüge der Aufnahmen auszustrahlen. Er warf dem Sender vor, damit «die Familien der Opfer nicht respektiert zu haben». Auch die Angehörigen der Opfer selbst zeigten sich schockiert und entsetzt. Opferanwälte kündigten einen Eilantrag an, um jegliche weitere Ausstrahlung der Tonaufnahmen verbieten zu lassen. Die Rundfunkaufsichtsbehörde CSA erklärte, sie habe den Fernsehsendern empfohlen, auf eine Ausstrahlung zu verzichten.

Es stelle sich zudem die Frage, wie der Sender an die Aufzeichnungen gekommen sei. Die Pariser Staatsanwaltschaft nahm nach Justizangaben Vorermittlungen wegen Verletzung des Ermittlungsgeheimnisses auf. Der Sender rechtfertigte inzwischen die Ausstrahlung mit seinem Informationsauftrag. Die Nachrichtenchefin von TF1, Catherine Nayl, wies den Vorwurf des Sensationsjournalismus zurück. Die gesendeten Auszüge umfassten «sehr wichtige Informationen über die Art und Weise, wie die Männer der Eliteeinheit Raid verhandelt haben», sagte Nayl der Nachrichtenagentur AFP. Das Dokument beweise, dass die Polizisten bis zum Schluss versucht hätten, Merah lebend zu ergreifen.

(kle)