Deepwater Horizon

19. April 2011 09:35; Akt: 19.04.2011 12:39 Print

«Aus den Augen, aus dem Sinn»

von Cain Burdeau, AP - Ein Jahr nach der Ölpest hat sich das Ökosystem des Golfs von Mexiko beinahe wieder erholt. Doch Wissenschaftler befürchten noch unsichtbare Folgen.

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Infografik: Das ausgelaufene Öl im Golf von Mexiko

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Mit der Explosion der Bohrplattform «Deepwater Horizon» am 20. April 2010 im Golf von Mexiko begann die grösste Ölpest in der Geschichte der USA. Ein Jahr danach hat sich das Ökosystem nach Einschätzung von Wissenschaftlern beinahe wieder auf den Stand vor dem Unglück erholt. Doch einige Ausreisser wie ein rätselhaftes Delfinsterben sorgen dafür, dass sich die Zuversicht der Experten in die Regenerationsfähigkeit der Natur in Grenzen hält.

In einer Umfrage der Nachrichtenagentur AP bewerteten rund 40 Wissenschaftler den Allgemeinzustand des Golfs mit durchschnittlich 68 auf einer Skala von eins bis 100 Punkten. Das ist nur geringfügig weniger als die 71 Punkte, mit denen sie voriges Jahr den Zustand des Ökosystems vor der Ölpest beurteilten, und eine Verbesserung gegenüber der im Oktober vergebenen Note 65.

Doch die Verschlechterung wichtiger Indikatoren macht vielen Wissenschaftlern Sorgen: Sie verweisen auf das mysteriöse Sterben hunderter junger Delfine und Schildkröten, merkwürdige Flecken auf Krebsen und tote Stellen auf dem Meeresboden.

Umweltschäden schon vor dem Unglück

Wie schon vor der Explosion der Bohrinsel «Deepwater Horizon» am 20. April 2010 ist der Golf eine Region voller Widersprüche. Die Oberfläche wirkt, als sei nie etwas geschehen. Doch in der Tiefe, in entlegenen Marschen und in der Nahrungskette liegen womöglich schwerwiegende Probleme verborgen, die sich vielleicht erst in Jahren herausstellen werden.

Aufs Ganze gesehen habe sich der Golf seiner Ansicht nach wieder fast auf den vorigen Stand erholt, urteilt Wes Tunnell von der Texas A&M University, der einen Bericht für die Entschädigungsstelle verfasst hat. Seine Bewertung ist typisch: 69 Punkte jetzt, 70 vor dem Unglück. Denn die Region leidet schon lange unter Belastungen wie auslaufendem Öl, Überfischung, Wirbelstürmen und dem Schadstoffeintrag aus dem Mississippi, der eine ganze Zone aus Sauerstoffmangel umkippen liess.

Manche Wissenschaftler wie Ed Overton von der Louisiana State University vergeben eine ebenso gute Note wie zuvor. Er sei kürzlich in Alabama gewesen, sagt Overton: «Ich bin einen Kilometer am Strand entlanggegangen, und da war kein einziger Teerklumpen in Sicht. Es war so schön, wie ich es je gesehen habe.»

«Das Öl ist nicht weg»

Einige Fischbestände wie Schnapper und Makrelen haben sich sogar erholt, dank des monatelangen Fangverbots. Dagegen sackte die Durchschnittsnote für den Zustand des Meeresbodens von 86 auf 57 ab. Die Delfine schienen es zunächst gut überstanden zu haben. Doch dann wurden ungewöhnlich viele Kadaver angeschwemmt - 300 seit der Ölpest - und die Bewertung von 75 auf 66 herabgestuft. Der Zustand der Austern wurde um 10 Punkte schlechter beurteilt, der Krabben um 6 Punkte und der Nahrungskette als solcher von 70 auf 64 abgewertet.

Aktuelle Unterwasserbilder nahe der Unglücksstelle und Stimmen von Wissenschaftlern und wirtschaftlich von der Katastrophe Betroffenen an US-Küstenregionen:
(Quelle: AP Video)

«An manchen Stellen mag zwar alles prima sein, aber ganz sicher nicht überall», betont Samantha Joye von der University of Georgia, die nahe der havarierten Bohrinsel verölte tote Stellen auf dem Meeresboden vorgefunden hat. «Das Öl ist nicht weg; es ist bloss nicht da, wo wir es sehen können.»

Vor dem Unglück hätte sie den Meersboden mit 90 Punkten sehr gut beurteilt, jetzt nur noch mit 30. Als Gesamtnote vergibt sie 50 statt vorher 80 Punkte und ist damit am pessimistischsten unter den Forschern. Von Exkursionen brachte sie die Erkenntnis mit, dass ein grosser Teil des unsichtbaren Öls im Wasser und am Meeresgrund von dem Bohrinselunglück stammt, und Bilder im Öl erstickter Krabben und Seesterne.

Keine Entwarnung

Auch in den Marschen im Barataria-Becken in Louisiana fand Eugene Turner von der Louisiana State University Öl im Schlamm und im Sand. «Man riecht es nicht. Man sieht es nicht. Es ist nicht dieser dicke schwarze Schlamm da draussen, aber es ist da», sagt er. Gut sichtbar ist das Öl derzeit nur an ein paar Stellen. Am schlimmsten ist es in Bay Jimmy, wo sich immer noch eine Kruste kilometerlang am Ufer entlangzieht.

«Wer sagt, der Golf sei in Ordnung, ist voreilig», sagt Dana Wetzel vom Mote Marine Laboratory in Florida. «Aus den Augen, aus dem Sinn - aber meiner bescheidenen Meinung nach ist das noch nicht vorüber.»

Der Meeresbiologe Craig Matkin aus Alaska kennt sich mit Langzeitfolgen aus. Nach dem Tankerunglück der «Exxon Valdez» 1989 gingen unmittelbar einige ölverschmierte Wale ein - doch ein Jahr später starben noch viel mehr, wahrscheinlich an dem monatelang mit der Nahrung aufgenommenen Öl. Auch der Heringsfang in der Region brach erst mit Verzögerung ein. «Es gibt wirklich eine Tendenz zu diesem ‹Aus den Augen, aus dem Sinn›, bis dir jemand zeigt, dass das nicht die Wahrheit ist», sagt Matkin. «Das geht nicht einfach weg. Das wird im Laufe der Zeit Auswirkungen haben.»