Tepco überfordert

21. Oktober 2013 20:17; Akt: 21.10.2013 20:17 Print

«Die Lage in Fukushima ist katastrophal»

Der Nuklearfachmann Mycle Schneider sieht in der Fukushima-Atomruine eine Riesengefahr für Japans Bevölkerung. Nötig sei jetzt eine internationale Taskforce, sagt er.

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Luftbild der Nuklearanlage von Fukushima mit den vier schwer beschädigten Atomreaktoren (Foto vom August 2013). (Bild: Keystone/AP Kyodo)

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Nach starken Regenfällen über das Wochenende hat sich die Lage in dem havarierten Nuklearkomplex von Fukushima zugespitzt. Mehr als zehn Auffangbecken für radioaktiv strahlendes Wasser seien überlaufen, teilte der Betreiberkonzern Tepco am Montag mit. In vielen Fällen läge die Strahlungsintensität über den zugelassenen Grenzwerten.

Die Hiobsbotschaften aus Japan verdeutlichen, dass die Probleme in und um Fukushima von einer Lösung weiter entfernt sind denn je. Nach Meinung des deutschen Nuklearexperten Mycle Schneider sind die Behörden und die Betreiberfirma überfordert. In einem Interview mit den «Deutschen Wirtschafts Nachrichten» sagt Schneider: « Die Lage in und um den Standort in Fukushima ist katastrophal.»

Zu wenig Kontrolle und Aufsicht

Das grösste Problem ortet der Fachmann, der einen jährlichen Bericht über den weltweiten Stand der Nuklearenergie herausgibt, in der mangelnden Kontrolle des Betreiberkonzerns Tepco durch die japanische Regierung und die Aufsichtbehörde. Tepco könne «allein herumwursteln», sagt Schneider. Dabei sei der Konzern «ein Unternehmen, das Strom produziert und verkauft, kein Spezialist für Aufräumarbeiten in einer hochkontaminierten Desasterzone.»

Der Experte ruft in Erinnerung, dass in Fukushima etwa das Dreifache der in Tschernobyl freigesetzten Menge von Radioaktivität ausgewaschen worden sei. In Kellergebäuden, in unbehandelten Schlämmen und Filtern befänden sich über 400’000 Kubikmeter kontaminiertes Wassers. Dies zu entsorgen, sei eine «nie dagewesene Herausforderung», sagt Schneider. «Ich verspreche Ihnen, dass das Thema zukünftig für Kopfzerbrechen sorgen wird.»

Einfrieren funktioniert nicht

Die Menge des strahlenden Wassers nimmt ständig zu. «Zur Zeit braucht Tepco alle zweieinhalb Tage einen neuen 1000 Kubikmeter fassenden Tank.» Den Vorschlag, den Boden rund um das Kraftwerk mit Kühlelementen einzufrieren, damit das Wasser nicht versickert oder wegfliesst, hält Schneider für unpraktikabel. «Langfristig muss man zweifellos Wasser entweder verdunsten oder ins Meer ablassen müssen. Das darf aber nur unter strengsten Auflagen und Kontrollen passieren», sagt er. Die Kontaminationswerte müssten unterhalb der Grenzen liegen, die für Reaktoren im Normalbetrieb gälten.

Hoch gefährlich sei insbesondere der vierte Meiler von Fukushima, erklärt Schneider. Dieser Reaktor sei zum Zeitpunkt des Tsunami nicht in Betrieb gewesen, weshalb sich der gesamte Kern in einem Abklingbecken oberhalb des Reaktors befunden habe. «Deshalb ist dort das radioaktive Inventar so gross wie in den anderen drei Abklingbecken zusammen. Auch ist das Gebäude in katastrophalem Zustand und die Entladung dort besonders dringend – und gefährlich. Das Becken ist überschüttet mit Gebäudeteilen, Staub und anderen Explosionsüberresten.»

Angst der Europäer «grotesk»

Gefahren für die Menschen sieht Schneider in erster Linie in Japan. Er sagt: «Ich finde es grotesk, dass sich die Sorgen vieler Menschen in Nordamerika und Europa in dieser Situation vor allem um den eigenen Bauchnabel drehen.» Dabei bestehe schon heute ein erhöhtes kollektives Strahlenrisiko in Japan. «Die Nahrungsmittelsicherheit ist nicht garantiert; allgemeines Misstrauen regiert das Land.»

Nach Meinung des Fachmanns ist jetzt eine kollektive Grossanstrengung nötig. «Es bedarf einer Internationalen Task Force Fukushima (ITFF), die die besten Fachleute in den Schlüsselbereichen zusammenzieht und Zugang zu einem breiten internationalen Netzwerk hat.» Nach seiner Vorstellung soll die ITFF von einer japanisch-internationalen Doppelspitze gemanagt werden und Empfehlungen für kurz-, mittel- sowie langfristige Strategien entwickeln. Doch dürften sich die örtlichen Politiker nicht dahinter verstecken, warnt Schneider. «Die Verantwortung würde selbstverständlich bei den japanischen Institutionen bleiben.»

(sut)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • David S. am 21.10.2013 23:42 Report Diesen Beitrag melden

    Mal richtig angehen...

    Was die Japaner seit 2.5 Jahren da treiben ist reines unter den Teppich kehren, nach dem Motto, das wird schon wieder. Anstatt dass sie sich mal richtig dran setzen. Das ganze ist eine riesige Katastrophe und das erste was die Jungs das tun sollten ist, einen grossen Stützwall am Meer zu bauen, denn das ganze Areal ist instabil und kann jederzeit ins Meer abrutschen. Das ganze sollte international passieren und endlich mal die entsprechenden Ressourcen eingesetzt werden. Nicht nur so absolut nutzlose proforma Lösungen. Der Aufwand muss mal um ein paar Grössenordnungen angehoben werden.

  • n. nohl am 22.10.2013 07:41 Report Diesen Beitrag melden

    meinegüte

    dass seit 2 jahren konstant verseuchtes wasser ins meer läuft ist ja wohl gar nicht sooo schlimm.. wie kann man nur so naiv sein und glauben alles werde gut dort und vorallem JETZT erst anfangen darüber zu diskutieren was geschehen soll.. TUT WAS!!!! wir werden dies noch sowas von zu spüren bekommen, und viel spass beim fisch essen..

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  • spotlite zh am 21.10.2013 21:36 Report Diesen Beitrag melden

    Schöne Aussichten

    Frühe Erkenntnis! Was mich am meisten beunruhigt: Die Japaner sind in Technologie vorsichtig gesagt mindestens nicht schlechter als wir. In der Politik bezüglich Atomkraft wird genauso betrogen und gemauschelt wie bei uns mit den AKW Lobbyisten in Bern. Und eigenartigerweise habe ich das beklemmende Gefühl, dass dieselben Pfeifen wie in der Tepco auch in der Axpo und wie sie alle heissen an der Spitze sitzen. Und dieses Gefühl sagt mir, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis uns auch so ein Ding um die Ohren fliegt. Und dass niemand von denen einen Plan hat, wie man danach damit umgeht.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Ruedi M. am 22.10.2013 10:36 Report Diesen Beitrag melden

    Zur Erinnerung

    Lassen wir diese zwei Fakten einfach mal stehen: Es gab bisher keine Opfer durch die Strahlenkrankheit in Fukushima. Das Erdeben und der Tsunami haben knapp 16'000 Todesopfer gefordert.

  • ZuZu am 22.10.2013 10:11 Report Diesen Beitrag melden

    Ohoi Fukushima

    Wer immer noch an den Atomstrom glaubt, soll doch mal Ferien machen in Fukushima.

  • Michale bilils am 22.10.2013 10:09 Report Diesen Beitrag melden

    Nuklear Power NO THANK S

    Nuklear Power no thanks ! Fukushima soll uns eine Lehre sein. Wir sollten jetzt unserer ATOM Lobby das Fürchten lehren. Keine Disskusion mehr. Abschalten das Zeug das ist alles. Und nur noch erneuerbare Energie !

  • Franz am 22.10.2013 10:04 Report Diesen Beitrag melden

    Japan versaut unsere Meere

    Wieso wird Japan für die großflächige Kontamination der Meere mit radioaktivem Material nicht zur Verantwortung gezogen? Wir alle werden gebüßt wenn wir etwas verbocken. Aber Japan, welche ganze Messstriche und die darin lebenden Tiere und Pflanzen vergiften nicht.

  • TheRealEidgenosse am 22.10.2013 10:01 Report Diesen Beitrag melden

    Hallo Kernkraftfreunde

    Und was nun???????????