Neue «Ermittlungspanne»

17. Februar 2012 16:07; Akt: 18.02.2012 16:22 Print

Zweite Zeugin sah Kampusch verschwindenZweite Zeugin sah Kampusch verschwinden

Politiker sind auf neue brisante Details gestossen, die zunächst übersehen wurden. Der Entscheid zur parlamentarischen Untersuchung steht offenbar kurz bevor.

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Dieser Montagmorgen veränderte das Leben der damals 12-jährigen Ischtar A.: Auf dem Schulweg beobachtete A., wie ein Mädchen - Natascha Kampusch - von einem Mann gepackt und in einen weissen Kastenwagen gezerrt wurde. Ischtar A. befand sich 20 Meter vom Tatort entfernt, als sich die Schiebetür des Transporters öffnete und das Opfer von hinten gepackt wurde. A. erzählte ihrer Mutter, ihren Freunden in der Schule und ihrer Lehrerin, was sie gesehen hatte. Später wird sie für die Ermittler Zeichnungen des Vorfalls anfertigen (Bild). Die Augenzeugin wird am Tag nach der Entführung zum ersten Mal von der Polizei befragt - es ist der Beginn eines Befragungsmarathons. Ischtar A. erwähnt einen zweiten Mann, der während der Tat auf der Fahrerseite gesessen sei. Die 12-Jährige macht für die Ermittler eine Zeichnung, auf der sie den Fahrer markiert und den «Buckerl», den sie am Fahrzeug bemerkt. Zudem macht sie sehr präzise Angaben zum Tathergang. Gleichzeitig, in einem anderen Verhörzimmer, erklärt ihre Mutter Rosa A., was ihr ihre Tochter am Vortag berichtet hat. Die Aussagen stimmen überein. Seitdem wiederholte Ischtar A. immer wieder, zwei Männer bei der Entführung gesehen zu haben: den Haupttäter und einen Fahrer. Am Mittwoch nach der Entführung wird die Lehrerin von Ischtar A. zu einer Befragung vorgeladen. Zwar behauptet sie, dass A. zu «verbaler Übertreibung» neige, dennoch werden die Fakten später zeigen, dass A. ihre Version der Entführung stets wahrheitsgetreu wiedergegeben hat. Ischtar A. beschreibt den weissen Kastenwagen sehr genau. Nach der Flucht Kampuschs wird sich A.s Aussage als zuverlässig erweisen - Wolfgang Priklopil hatte Natascha Kampusch mit einem Mercedes vom Typ MB-100 entführt, der genau so aussah, wie sie ihn von Beginn an beschrieb. Zwei Wochen nach der Entführung behauptet A. erneut, dass zwei Männer an der Tat beteiligt gewesen seien. Von Kampusch fehlt zu jenem Zeitpunkt jede Spur. Zwei Tage später wird A. wieder befragt. Ischtar A. wird vom Landesgendarmeriekommando Burgenland für eine neue Aussage vorgeladen. Von Natascha Kampusch fehlt jede Spur. Und einmal mehr ist sie sich «sicher, dass es sich um zwei Männer gehandelt hat». Vier Tage nach Natascha Kampuschs Flucht bestätigt Ischtar A. noch einmal: «Zu diesem Zeitpunkt war es (das Fahrzeug, Anm. d Red.) mit zwei Personen besetzt.» «Das Ganze ist ja schon 8 1/2 Jahre her, ich bin mir trotzdem sicher, dass eine zweite Person dabei war.» Acht Tage nach Kampuschs Flucht gibt es eine Tatrekonstruktion. Ischtar A. muss vor einem Ermittlerteam den Tathergang beschreiben. Im schriftlichen Protokoll wird ihre Version festgehalten: «Die Zeugin verblieb aber bei ihrer Aussage, dass zwei Männer sich im Fahrzeug befanden.» Besonders brisant: Den nun namentlich bekannten Täter Wolfgang Priklopil identifiziert sie als den Mann, der auf dem Beifahrersitz sass und sich mit dem Fahrer unterhielt. Seit mehr als drei Jahren steht es in der Frage nach der Anzahl Täter Aussage gegen Aussage - Ischtar A. spricht von zwei Männern, Kampusch nur von einem Einzeltäter. Der damalige SOKO-Leiter Franz Kröll bestellt beide Frauen zu einer Gegenüberstellung. Anwesend ist zudem Kampusch-Staranwalt Gerald Ganzger. A. erscheint mit ihrer Mutter Rosa. Zu Beginn der Begegnung hält Ischtar A. an ihrer Version fest, zwei Männer im Fahrzeug sitzen gesehen zu haben. Polizeioberst Franz Kröll bezeichnet ihre Aussage als «zulässig». Natascha Kampusch überrascht mit einer erstaunlichen Aussage: Sie habe gemeint, der Entführer könnte ein Angestellter ihres Vaters Ludwig K. sein, der sich an diesem rächen wolle. Anschliessend kommt sie aber auf ihre ursprüngliche Aussage zurück und gibt zu Protokoll, beim Täter habe es sich um Wolfgang Priklopil gehandelt - er habe die Tat alleine begangen. Plötzlich kippt gemäss Protokoll die Augenzeugin: Sie wolle «keinesfalls» die Angaben des Opfern bezweifeln. Ischtar A. gibt gemäss Protokoll zu, dass es sich womöglich doch nur um einen Täter gehandelt haben könnte und dass sie «jetzt endlich ruhig schlafen könne». Ischtar A. widerruft im Rahmen eines Amtsmissbrauchsverfahrens gegen fünf Staatsanwälte diese Aussage und behauptet, nie etwas Derartiges gesagt zu haben.

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Der Unterausschuss, der im Geheimen die Akte Kampusch aufarbeitet, ist fündig geworden. Der Zeitung «Österreich» wurde ein Bericht zugespielt, der es in sich hat. Es geht um Aussagen von Nataschas Schulfreundin Bettina H*. Diese sah Natascha am 2. März 1998, dem Entführungstag, und grüsste sie. Dies war der Polizei bereits bekannt.

Jetzt liegen den Mitgliedern des Unterausschusses Informationen vor, die bisher offenbar nicht untersucht wurden. Demnach sagte Bettina H. dem Sicherheitsbüro der Polizeidirektion in Wien, sie habe kurz vor der Entführung Kampusch einen weissen Bus gesehen mit «abgedunkelter hinterer Scheibe». Kurz danach konnte sie Natascha Kampusch nicht mehr sehen.

Parlamentarischer Untersuchungsausschuss wahrscheinlich

Diese Aussagen sind deshalb erstaunlich, weil sie die Thesen der bisher einzigen Augenzeugin Ischtar A. absolut stützen. Ischtar A. hatte stets von einem weissen Kastenwagen mit schwarzer Abdunkelung und zwei Personen gesprochen, die Natascha Kampusch entführt hätten. Sie wiederholte das mehrmals vor den Behörden. Trotzdem ging die Justiz einer Mehrtätertheorie nie ernsthaft nach und zweifelte die Aussagen von Ischtar A. an.

Wie ein Ausschuss-Mitglied «ÖSTERREICH» anonym bestätigt, steht einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Causa Kampusch nichts mehr im Wege: «Wir verzichten jetzt auf die Ladung neuer Zeugen, der U-Ausschuss ist sehr wahrscheinlich.»

*Name der Redaktion bekannt

(feb)

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  • Mika am 18.02.2012 20:26 Report Diesen Beitrag melden

    Sehr Brutal...

    Eigentlich ist es ziemlich brutal was N. Kampusch erlebt hat... Ich kann verstehen dass sie sich von dem Schock erholen möchte und deshalb nicht darüber redet. Stellt euch vor ihr würdet in ihrer Haut stecken!!! Denkt darüber nach vielleicht versteht ihr dann das Verhalten von N. Kampusch.

  • Peter Keller am 17.02.2012 22:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Stockholm Syndrom 

    Stockholm Syndrom!

    • G. Kessler am 18.02.2012 10:20 Report Diesen Beitrag melden

      Nein

      Tut mir leid aber mit Stockholmsyndrom hat das überhaupt nichts zu tun.

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  • Emma am 17.02.2012 20:43 Report Diesen Beitrag melden

    Zweite Person

    Ischtar's Aussage wegen der zweiten Person, die sie beobachtet hatte, wurde nicht ernst genommen oder gar manipuliert. Inwiefern hat das mit der Aussage der 2. Augenzeuging zu tun? Spricht diese auch von einer zweiten Person? Aus dem Artikel wird man nicht schlau.

    • G. Reber am 17.02.2012 21:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      weisser Kastenwagen

      Die 2. Zeugin erwähnt ebenfalls den weissen Kastenwagen mit hinten abgedunkelten Scheiben. Somit hätten beide Aussagen zusammen quasi auch die Zweitäterversion der 1. Zeugin bekräftigt. Ein nicht unerhebliches Detail.

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