Volksseele kocht

29. August 2012 23:55; Akt: 30.08.2012 13:24 Print

«Ich will sehen, wo das Monster lebt»

Die Ex-Frau des belgischen Kinderschänders Marc Dutroux, Michelle Martin, ist in ein Kloster verlegt worden. Doch ein Politiker will die Frau lieber tot sehen und ruft zum öffentlichen Mord auf.

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Auch am Tag nach der vorzeitigen Haftentlassung Michelle Martins wollen sich viele Belgier nicht damit abfinden, dass die wohl meistgehasste Verbrecherin des Landes wieder auf freiem Fuss ist. Die öffentliche Entrüstung über den Umzug der Exfrau und Komplizin des Kinderschänders und Mörders Marc Dutroux in ein südbelgisches Kloster trieb am Mittwoch makabre Blüten: So rief ein flämischer Politiker zur Ermordung Martins auf und erntete dafür, neben heftiger Kritik, auch Zustimmung. Vor dem Kloster in Malonne schrien wütende Demonstranten gegen das empfundene Unrecht an.

«Ich bin gekommen, um zu sehen, wo das Monster lebt.» Mit diesen Worten zitierte die belgische Zeitung «Le Soir» einen der rechten Szene angehörenden Protestierenden in Malonne. Andere reckten anklagende Fotos von Dutroux' Opfern in die Kameras der Fernsehsender. Schon bei ihrer Ankunft am Dienstagabend gegen 22.30 Uhr wurde Martin zudem von mehr als 100 aufgebrachten Demonstranten beschimpft. Einige von ihnen versuchten, Polizeiabsperrungen zu durchbrechen. Medienberichten zufolge harrten zornige Anwohner bis 3.00 Uhr morgens vor den steinernen Mauern des Klosters aus.

Wütende Anwohner vor dem Kloster in Malonne:
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(Quelle: AP Video)

Die kochende Volksseele nutzte der flämische Parlamentarier Jurgen Verstrepen dreist aus: «Ohne zu scherzen, wenn wir zusammenlegen, können wir einen Albaner finden und ihn dafür bezahlen, dass er Michelle Martin kaltmacht ... Kandidaten?», schrieb der Politiker der rechtspopulistischen «Liste Dedecker» auf seiner Twitter-Seite. Und weiter: «Wenn ich es mir recht überlege, die Albaner sind zu teuer geworden - ein Junkie würde es für weniger machen.» Ein gleichlautender Eintrag auf seiner Facebook-Seite fand binnen Stunden Dutzende Befürworter. Zwar ruderte Verstrepen danach zurück und sprach von «Ironie». Politiker anderer Parteien geisselten seine Kommentare dennoch als inakzeptabel und unverantwortlich.

Im abgedunkelten Geländewagen aus dem Gefängnis

Martin hatte das Brüsseler Gefängnis Berkendael am Dienstagabend gegen 20.30 Uhr in einem zivilen Geländewagen mit abgedunkelten Scheiben verlassen. In einen schwarzen Nadelstreifen-Blazer gekleidet sass die dreifache Mutter auf der Rückbank während der gut 75 Kilometer langen Fahrt nach Malonne. Ihr eigener Sohn gab der 52-Jährigen vorab stützende Worte mit auf den Weg. Sie sei «kein Monster, nur eine arme Frau und eine gute Mutter», sagte der Spross aus Martins inzwischen geschiedener Ehe mit Dutroux einem Magazin. Doch die Geächtete ist dieser Tage ein gesamtbelgisches Feindbild, auf ihren Wagen flogen bei der Ankunft in Malonne Steine.

Die Nonnen des Klarissen-Ordens in der Gemeinde von Namur hatten sich bereit erklärt, sie im Rahmen eines strikten Resozialisierungsplans aufzunehmen. Polizisten wurden daraufhin vorsorglich in der Nähe des Konvents stationiert. Schon am Abend der ersten Gerichtsentscheidung waren dort Hunderte wütende Anwohner durch die engen Gassen gezogen, um gegen die Aufnahme Martins zu protestieren. Nur eine Strasse entfernt liegt ein Kindergarten. Die Kosten der dauerhaften Sicherheitsvorkehrungen vor Ort beziffert die Polizeigewerkschaft auf 120 000 Euro pro Monat.

Opfer-Anwalt kritisiert «Reinwaschung» der Geächteten

Im Kloster soll Martin mit den Schwestern an ihrer Resozialisierung arbeiten, das gehört zu den Bedingungen der vorzeitigen Haftbefreiung. Mit den elf Nonnen der Glaubensgemeinschaft wird sie im Haushalt und Garten arbeiten, beten und zurückgezogen hinter Mauern leben. Die dafür veranschlagten 20 Stunden pro Woche seien faktisch Schwarzarbeit, kritisierte der Opfer-Anwalt Georges-Henri Beauthier. Das sei nicht nur illegal, sondern noch dazu moralisch verwerflich: «Sie hilft täglich ein paar Stunden und wird im Gegenzug ernährt und von ihrem Stigma reingewaschen.»

Ungeachtet dessen hatte das höchste belgische Gericht zuvor zwei Berufungsanträge abgeschmettert und Martins 30-jährige Haftstrafe am Dienstag vorzeitig beendet - 14 Jahre vor dem eigentlichen Datum. «Das ist absurd. Aber ich werde es akzeptieren müssen», sagte Pol Marchal, dessen 17-jährige Tochter An von Dutroux ermordet wurde. Martins Anwalt Thierry Moreau sprach dagegen von einer schlichten «Anerkennung der Tatsache, dass wir in einem Land leben, wo für alle das gleiche Gesetz gilt - das finde ich sehr beruhigend».

Dutroux hatte mithilfe seiner damaligen Frau sechs Mädchen zwischen 8 und 19 Jahren entführt, vergewaltigt und zwei von ihnen ermordet. Zwei weitere liess Martin in einem Kellerverlies qualvoll zugrunde gehen, während ihr Mann wegen Diebstahls in Haft sass. Die letzten beiden wurden von der Polizei befreit. Martin beharrte stets darauf, unter dem Einfluss ihres psychopathischen Gatten gestanden und lediglich als Erfüllungsgehilfin gehandelt zu haben. In Belgien hat die Affäre Dutroux bis heute den Rang eines Staatstraumas.

(dapd)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Sara am 30.08.2012 14:02 Report Diesen Beitrag melden

    mysteriös.

    naja also im marc Dutroux fall sind ja einige Dinge schief gelaufen.. akten verschwanden und die Fährten verwischten sich jedesmal, wenn sie in die gehoberen gesellschaften führten!! Die volkseele soll lieber daran interessiert sein, was sich damals genau abspielte und WER da genau seine Finger im Spiel hatte anstatt blind vor Wut seinen Hass auszutoben.. das bringt die armen kinder auch nicht wieder zurück

  • Thomas Meier am 30.08.2012 00:13 Report Diesen Beitrag melden

    Warum Kinderschänder?

    Nicht dass es die Sache besser macht, aber 4 der 6 Opfer von Dutroux wären 17 und (teilweise deutlich) älter. Auch in allen Gutachten wird er als extremer Psychopath, aber nicht als Pädophiler beurteilt. Letztendlich wurde der Fall nie richtig aufgeklärt und die Version, dass Dutroux auch der kranke Handlanger von anderen war, wirkt recht plausible. Ich bin überhaupt kein Fan von Verschwörungtheorien, aber ich glaube, die Hintermänner wurden hier nie bestraft und die Medien wurden einfach mit der Pädophilentheorie abgespeisst, weil da niemand mehr Fragen zum Motiv stellt.

  • BärnerBär am 30.08.2012 00:50 Report Diesen Beitrag melden

    Aufruf zum Mord

    Ein solcher Poltiker beweist, dass er sich gar nicht einmal so sehr von Michelle Martin unterscheidet. Die Wut der Bevölkerung ist mehr als verständlich, führt diese Wut aber zu einer erneut abscheulichen Tat, hat die Bevölkerung sich dem Niveau Martins angepasst.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Sara am 30.08.2012 14:02 Report Diesen Beitrag melden

    mysteriös.

    naja also im marc Dutroux fall sind ja einige Dinge schief gelaufen.. akten verschwanden und die Fährten verwischten sich jedesmal, wenn sie in die gehoberen gesellschaften führten!! Die volkseele soll lieber daran interessiert sein, was sich damals genau abspielte und WER da genau seine Finger im Spiel hatte anstatt blind vor Wut seinen Hass auszutoben.. das bringt die armen kinder auch nicht wieder zurück

  • J. Meyer am 30.08.2012 12:00 Report Diesen Beitrag melden

    Widerspruch in der Rechtssprechung

    Es muss wahrlich ein unerträglicher Gedanke, jenen Menschen "frei" zu wissen, welche so unsägliches Leid über Familien brachte, die niemals mehr eine 2. Chance erhalten. Menschen wie diese gehören für immer hinter Gittern u selbst im Tod hinter Friedhofsmauern begraben. Die demokratische Rechtssprechung kann durchaus gerecht sein, aber gerade durch diese Gerechtigkeit profitieren menschliche Bestien, welche aber mit ihren Opfern keine Gerechtigkeit empfanden, keine Gnade fühlten, die ihnen nun durch das System zuteil wird. Das ist eben der Widerspruch im System.

    • d.g. am 30.08.2012 12:27 Report Diesen Beitrag melden

      Gerechtigkeit gibt es nicht

      Das ewige Märchen der Gerechtigkeit. Gerichte sind nicht dazu da Gerechtigkeit wiederherzustellen. Ich frag mich wie man je auf so einen Gedanken kommen kann. Für die Tötung einer Person oder andere schwere Straftaten gibt es keine Gerechtigkeit. Der Irrglaube der Menschheit dass die Welt je Gerecht wird, ist nichts anderes als naiv. Kein Gericht der Welt wird je der Gerechtigkeit genüge tun. Sie kann bestenfalls "Rachegelüste" (welche verständlich sind) stillen. Wir sollten uns endlich von der Gerechten Welt verabschieden und uns ein eine bessere Welt begeben.

    • Martin Frick am 30.08.2012 14:11 Report Diesen Beitrag melden

      Gnade

      Gnade ist das, was ein Mensch bekommt der sie eigentlich nicht verdient. Daher sollten nur diejenigen Gnade walten lassen können welche der Vorfall betrifft und nicht unbeteiligte Richter welche der Tod von unbekannten rellativ egal ist.

    einklappen einklappen
  • Kinderschänder-Schänder am 30.08.2012 11:57 Report Diesen Beitrag melden

    Nur eine Strasse entfernt liegt ein

    Kindergarten... und: "Martin beharrte stets darauf, unter dem Einfluss ihres psychopathischen Gatten gestanden und lediglich als Erfüllungsgehilfin gehandelt zu haben." Ach ja, wenn das so ist ... mir wird schlecht.

  • David am 30.08.2012 10:55 Report Diesen Beitrag melden

    Christliches Abendland?

    Die "Balance" zwischen Frau Martin und dem Leben ist die Sache zwischen ihr und dem lieben Gott. Wer kann sich christlich nennen, wenn er es nicht für möglich hält, dass Gott sie wandeln kann?

  • Markus am 30.08.2012 10:53 Report Diesen Beitrag melden

    Totalversagen des Staates

    Ich frage mich in solchen Fällen immer wieder wie es zu einem solchen Totalversagen des Staates kommen kann. Das erscheint doch jedem normalen Menschen als schreiende Ungerechtigkeit.