Tod in der Badewanne

22. November 2010 13:25; Akt: 22.11.2010 14:25 Print

Uwe Barschel – ein Opfer des Mossad?Uwe Barschel – ein Opfer des Mossad?

von Peter Blunschi - Uwe Barschel findet auch 23 Jahre nach seinem Tod in Genf keine Ruhe. Ein Zürcher Wissenschaftler glaubt, dass der deutsche Politiker ermordet wurde.

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Uwe Barschel während der Pressekonferenz vom 18. September 1987, an der er sein «Ehrenwort» gab, er habe von der Kampagne gegen Björn Engholm nichts gewusst. (Bild: Keystone/Heribert Proepper)

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Der CDU-Politiker Barschel war am 11. Oktober 1987 im Zimmer 317 des Genfer Luxushotels Beau Rivage tot in einer Badewanne gefunden worden, neun Tage nachdem er als Ministerpräsident des Bundeslands Schleswig-Holstein zurückgetreten war. Barschel hatte im Landtagswahlkampf 1987 eine Schmutzkampagne gegen seinen SPD-Widersacher Björn Engholm lanciert, die vom «Spiegel» enthüllt wurde. An einer denkwürdigen Pressekonferenz gab Barschel sein «Ehrenwort», er habe von der Affäre nichts gewusst – eine glatte Lüge, wie sich zeigte.

In dieser Situation habe Uwe Barschel keinen Ausweg mehr gesehen und seinem Leben ein Ende gesetzt, hiess es damals. Allerdings tauchten schon bald Ungereimtheiten auf. Zudem gab es Gerüchte, der Politiker sei in dubiose Waffengeschäfte verwickelt gewesen und deshalb ermordet worden. Barschels Witwe Freya ist bis heute davon überzeugt. Bereits ein Jahr nach seinem Tod hatte der Zürcher Toxikologe Hans Brandenberger in einem Fernsehinterview angedeutet, es gebe starke Indizien für Fremdeinwirkung.

Tödlicher Medikamenten-Mix

Nun hat der heute 89-jährige Brandenberger nachgelegt. In einem Gutachten, das von der «Welt am Sonntag» publiziert wurde, kommt er zum Schluss, dass die chemischen Befunde «einen Mord indizieren». Dabei bezieht er sich auf ein Szenario, dass der ehemalige israelische Agent Victor Ostrovsky bereits 1994 in seinem Buch «Geheimakte Mossad» skizziert hatte. Demnach wurde Uwe Barschel von einem Mordkommando des Mossad umgebracht, weil er zu viel über einen Waffendeal zwischen den «Todfeinden» Iran und Israel gewusst habe, der über Schleswig-Holstein abgewickelt worden sei.

Dieses Szenario stimme mit den Analysedaten «erstaunlich gut» überein, so Brandenberger. Dabei geht es um den Medikamenten-Mix, der laut dem Bericht der Genfer Gerichtsmedizin zu Barschels Tod geführt hat. Im Zentrum steht das Schlafmittel Cyclobarbital, das nach Ansicht des Zürcher Chemikers erst nach den anderen Wirkstoffen in den Körper gelangte, als Barschel «sehr wahrscheinlich» bereits handlungsunfähig gewesen sei. Kurz vor Todeseintritt sei ihm zudem das starke Hypnotikum Noludar verabreicht worden.

Zahlreiche Verschwörungstheorien

Die Komplexität des Mordgeschehens deute darauf hin, «dass ein Profiteam am Werk war», so Hans Brandenbergers Schlussfolgerung. Also doch ein Mossad-Kommando? Der israelische Auslandsgeheimdienst hat seinen früheren Mitarbeiter Ostrovsky für verrückt erklärt. Der Autor selber, der von den deutschen Ermittlern nie offiziell befragt wurde, erklärte sich gegenüber der «Welt am Sonntag» zur Aussage bereit. Der Anwalt der Familie Barschel forderte eine Wiederaufnahme des Verfahrens, ebenso Heinrich Wille, der ehemalige Leitende Oberstaatsanwalt von Lübeck, ein Verfechter der Mord-These.

Allerdings bleibt die Mossad-Spur auch nach den neusten Berichten in erster Linie eine Verschwörungstheorie, wie der renommierte Enthüllungsjournalist Hans Leyendecker in der «Süddeutschen Zeitung» anmahnte. Solche gibt es mehrere: So wurden auch schon der US-Geheimdienst CIA, die DDR-Staatssicherheit und sogar der deutsche Bundesnachrichtendienst (BND) für Barschels Tod verantwortlich gemacht. Alle hatten angeblich zu jenem Zeitpunkt hochrangige Mitarbeiter nach Genf entsandt – eine heisse Spur fand sich jedoch nie.

Leyendecker verweist zudem darauf, dass die meisten mit dem Fall betrauten Wissenschaftler «keine zuverlässigen Angaben über den Zeitpunkt der Medikamenteneinnahme machen wollten». Hans Brandenberger schlägt deshalb vor, das vorhandene Beweismaterial erneut zu untersuchen. Allerdings kam Erhard Rex, der kürzlich in den Ruhestand getretene Generalstaatsanwalt von Schleswig-Holstein, schon 2007 in einem Bericht zum Schluss, dass sich Uwe Barschels wahre Todesursache nicht mehr klären lasse. Der mysteriöse Todesfall in der Genfer Badewanne dürfte ungelöst bleiben.