Nach 36 Jahren

16. April 2012 22:14; Akt: 16.04.2012 22:14 Print

Ein lang erwartetes Geständnis

In Argentinien hat der ehemalige Juntachef Jorge Videla erstmals die Ermordung von Oppositionellen während der Militärdiktatur zugegeben. Im Land ist man von seinen Äusserungen «angewidert».

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Der ehemalige argentinische Diktator Jorge Rafael Videla gab in einem neu erschienenen Buch zu: «Wir mussten eine grosse Anzahl Menschen beseitigen». (Bild: Keystone/leo la Valle)

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Überrascht ist in Argentinien über den Inhalt der Beichte von Ex-Diktator Jorge Rafael Videla wohl niemand, geschockt aber schon: Dass die Militärjunta während der Diktatur von 1976 bis 1983 Regimegegner zum Verschwinden brachte, ist nichts Neues. Viele der verantwortlichen Militärs sind inzwischen zu langen – einige sogar zu lebenslangen – Gefängnisstrafen verurteilt worden. So auch Jorge Videla, der am 24. März 1976 die demokratische Regierung von Isabel Martinez de Peron stürzte und sich an die Macht putschte.

Dass Videla aber nach 36 Jahren zum ersten Mal ausgiebig über die systematische Hinrichtung von Oppositionellen spricht, ist ein neuer – und unerwarteter – Aspekt. In einem am Samstag erschienenen Buch gab der ehemalige General zu, dass unter seinem Regime bis zu 8000 Menschen getötet wurden. Die Leichen hätten die Streitkräfte versteckt oder vernichtet, «um Proteste im In- und Ausland zu vermeiden».

Die systematische «Schlussbestimmung» für Regimegegner

«Wir mussten eine grosse Anzahl Menschen beseitigen», sagte Videla dem Journalisten Ceferino Reato während der in seiner Zelle geführten Gespräche. Die ersten Listen von Personen, die festgenommen werden sollten, seien bereits drei Monate vor dem Staatsstreich von den Militärs zusammengestellt worden. Auch Unternehmer, Gewerkschafter, Politiker und Professoren hätten dazu beigetragen.

Über das Schicksal jedes gefassten Oppositionellen wurde laut Videla von einer Arbeitsgruppe unter dem Kommando eines Generals entschieden: Freilassung, öffentlich anerkannte Haft oder «Disposición final» (Schlussbestimmung), womit die Tötung und das Verschwinden der Leiche gemeint war. «Disposición final» heisst auch das Buch Reatos. «Es geht um einen militärischen Begriff für das Ausmustern nutzloser Dinge, zum Beispiel abgenutzte Kleidung», erläuterte Videla. Der Begriff «Endlösung» sei dagegen von der Militärführung nie gebraucht worden.

8000 versus 30 000 Tote

Menschenrechtsorganisationen geben die Zahl der Menschen, die während der Diktatur in Argentinien umgebracht wurden, mit 30 000 an. Das von den Militärs praktizierte «Verschwinden lassen» von Oppositionellen war in vielen Fällen nur schlecht nachzuweisen. Videlas Geständnis stiess bei den «Madres de Plaza de Mayo» sauer auf. Auch Gustavo Nahmias vom Menschenrechtsbüro in Buenos Aires kritisiert Videlas Aussagen: «Man muss klar sagen, dass es sich um einen systematischen Mordplan der Junta handelte. Das war kein Krieg, sondern ein widerliches Verbrechen.»

Videla zeige in seinen Aussagen keine Reue, stellt die Abgeordnete Maria Elena Naddeo fest. So nannte er das Verschwinden lassen von Menschen «Verschleierung eines Todes». «Die Militärs bitten nicht um Vergebung für ihre abscheulichen Taten. Sie versuchen, einen Völkermord zu rechtfertigen.» Sie forderte, dass Videla die Listen vorweist, von denen er sprach.

Der Ex-Diktator war bereits 1985 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu lebenslanger Haft verurteilt, fünf Jahre später aber durch ein Amnestiegesetz begnadigt worden. Da dieser Entscheid 2007 als verfassungswidrig eingestuft wurde, konnten gegen ihn wieder Prozesse angestrengt werden, die zum Teil noch nicht abgeschlossen sind.

(kle)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • J. Meyer am 16.04.2012 22:38 Report Diesen Beitrag melden

    Ideologischer Starrsinn

    Man siehts ja an Breivik wie so mancher Verbrecher sein Recht oder seine Berechtigung in der Darstellung seiner Ideologie sucht, um Verständnis zu erhalten ohne zur Einsicht zu kommen, dass sie nichts anderes als doch um ein Verbrechen handelt, das einesgleichen sucht. Warum dieser Diktator nun nach so vielen Jahren sein Schweigen bricht u Details nennt, vermag ich nicht zu sagen. Aber für Angehörige, mag es noch so brutal sein in den Äusserungen, so wichtig dürfte es für sie sein, endlich zu erfahren, was mit ihren Angehörigen wirklich passierte u wenn möglich, wo sich die Toten befinden.

Die neusten Leser-Kommentare

  • J. Meyer am 16.04.2012 22:38 Report Diesen Beitrag melden

    Ideologischer Starrsinn

    Man siehts ja an Breivik wie so mancher Verbrecher sein Recht oder seine Berechtigung in der Darstellung seiner Ideologie sucht, um Verständnis zu erhalten ohne zur Einsicht zu kommen, dass sie nichts anderes als doch um ein Verbrechen handelt, das einesgleichen sucht. Warum dieser Diktator nun nach so vielen Jahren sein Schweigen bricht u Details nennt, vermag ich nicht zu sagen. Aber für Angehörige, mag es noch so brutal sein in den Äusserungen, so wichtig dürfte es für sie sein, endlich zu erfahren, was mit ihren Angehörigen wirklich passierte u wenn möglich, wo sich die Toten befinden.