Kriegsheimkehrer

06. November 2011 09:29; Akt: 06.11.2011 09:33 Print

«Amerika verliert den Kampf gegen den Suizid»«Amerika verliert den Kampf gegen den Suizid»

Alle 80 Minuten nimmt sich ein US-Veteran das Leben. Obwohl die Gründe bekannt sind, tun sich die Behörden schwer. Dabei steht die Heimkehr Zehntausender Soldaten aus Afghanistan und dem Irak bevor.

Der Kurzfilm «Purple Heart's Final Beat» handelt von den zahlreichen Problemen, mit denen Kriegsveteranen in den USA konfrontiert sind (Video: Youtube/Lightcraft83)
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Das Kriegsveteranenministerium der USA geht davon aus, dass sich alle 80 Minuten ein Kriegsheimkehrer das Leben nimmt. Das ist eine Schätzung, denn nicht alle Bundesstaaten liefern präzise Daten. Während die Meinungen über Ursachen und Lösungen auseinander gehen, besteht am zentralen Befund kein Zweifel: Nur 1 Prozent der amerikanischen Bevölkerung hat Militärdienst geleistet, aber Kriegsveteranen machen 20 Prozent aller Suizide aus. Die Zahlen sind seit Beginn der Kriege in Afghanistan und im Irak zudem sprunghaft angestiegen.

Die Wissenschaft geht davon aus, dass drei Faktoren einen Menschen im Normalfall davon abhalten, sich das Leben zu nehmen: Zugehörigkeit, das Gefühl, gebraucht zu werden und die Aversion gegen Schmerz und Tod. Das Center for a New American Security schreibt in einer aktuellen Studie, dass ein Kriegseinsatz fatalerweise alle drei Barrieren eliminieren kann.

Das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Armee ist grundsätzlich stark ausgeprägt. Umso schmerzvoller wiegt der Verlust dieses Umfelds nach der Heimkehr. Auch die gefühlte Distanz zwischen Heimkehrern und Zivilisten spielt hier hinein. Ebenso kann die grosse Verantwortung, die selbst junge Soldaten in einem Kriegseinsatz übernehmen, nach dem Wiedereintritt in die zivile Arbeitswelt zu einem Gefühl der Nutzlosigkeit führen. Das gilt insbesondere für arbeitlose Veteranen, zumal diese von der schlechten Konjunktur in den USA stärker betroffen sind als Zivilisten. Selbst den stärksten der drei Faktoren können Kriegserfahrungen ausser Kraft setzen. Schmerz, Gewalt und Tod sind ständige Begleiter im Irak und in Afghanistan und können einen Menschen mit der Zeit abstumpfen.

Psychische Probleme sind ein Tabu

Die Studie verweist auf zahlreiche, armee-interne Faktoren, welche die Suizid-Prävention behindern. Das Bedürfnis nach psychologischer Unterstützung ist offenbar gross. Die Helpline des Kriegsveteranenministeriums verzeichnete innerhalb von drei Jahren über 144 000 Anrufe. Doch sobald es um konkrete Hilfestellung geht, werden die Veteranen plötzlich zurückhaltend: So sollen doppelt so viele in anonymen Fragebögen psychische Probleme eingestanden haben als im offiziellen Austrittsgespräch nach einem Kriegseinsatz.

Eine mögliche Erklärung für diese Diskrepanz ist der nach wie vor verkrampfte Umgang mit psychischen Problemen. Das selbe Phänomen existiert in der zivilen Welt, aber im Militär ist es naturgemäss noch ausgeprägter. Wer sich für professionelle Hilfe entscheidet, muss oftmals den Spott von Kameraden über sich ergehen lassen. 43 Prozent der Soldaten, die sich 2010 das Leben nahmen, verzichteten im letzten Monat vor ihrem Tod auf psychologische Betreuung, hält das US-Verteidigungsministerium in einem Bericht fest.

Ein weiteres Problem ist die Gesetzeslage: Die Regierung darf beispielsweise keine Informationen über den privaten Waffenbesitz unter Veteranen sammeln. Dabei wurden 2010 fast die Hälfte aller Suizide nicht mit Dienstwaffen, sondern mit Privatwaffen begangen. Auch das Arztgeheimnis erschwert die Prävention, da Vorgesetzte nicht über den Zustand ihrer Soldaten informiert werden dürfen. Eine Gesetzesänderung wäre möglich, würde aber das Problem der Stigmatisierung wieder verschärfen: Militärpsychologen haben angedeutet, dass sich viele Soldaten gegen professionelle Hilfe entscheiden könnten, wenn sie wissen, dass ihr Vorgesetzter darüber informiert wird.

Gefahr für die Freiwilligenarmee

Die Gefahren, die einem Freiwilligenheer aus solchen Befunden erwachsen kann, hatte schon Gründungsvater George Washington umschrieben: «Die Bereitschaft junger Menschen in den Krieg zu ziehen, egal wie gerechtfertigt dieser sein mag, verhält sich proportional zu ihrer Wahrnehmung, wie Veteranen vergangener Kriege von ihrem Land behandelt und wertgeschätzt werden.» Amerika sei dabei, den «Kampf gegen den Suizid zu verlieren», konstatiert das Center for a New American Security am Schluss seiner Studie. Mit der bevorstehenden Heimkehr Zehntausender Soldaten aus dem Irak und Afghanistan sei die Zeit gekommen, das Problem «effektiver» und mit «grösserer Dringlichkeit» anzugehen.

(kri)

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  • Soldat am 07.11.2011 05:03 Report Diesen Beitrag melden

    Respekt

    Ich war 6 Monate im Kosovo und ein Jahr in Afghanistan und die US-Soldaten die ich kennen gelernt habe waren Menschen aus allen Schichten. Militär ist genau so ein Beruf wie Feuerwehr oder Polizei, man muss dazu nicht aus einem Getto kommen oder perspektivlos sein, was einige hier schreiben ist wirklich erbärmlich. Wir hatten 31 Verletzte und 8 Tote von denen ich viele persönlich kannte. Ich würde mir wünschen das man ein bisschen RESPEKT für Menschen aufbringt die ihr Leben für die Gesellschaft aufs Spiel setzten(wie auch bei Polizei und Feuerwehr üblich). Soldaten machen nicht die Politik!!!

    • Blueman am 07.11.2011 14:50 Report Diesen Beitrag melden

      Doch doch

      Grad Soldaten machen Politik weil sie sich durch die Politik instrumentalisieren lassen. Ausserdem setzt ein Soldat sein Leben nicht für eine Gesellschaft ein, sondern für die Politiker.

    • Alex F. am 07.11.2011 23:46 Report Diesen Beitrag melden

      @ Soldat

      Schauen Sie sich mal den Film "Fahrenheit 9/11" an. Dort erklärt Michael Moore, warum gerade für die armen Menschen das Militär die einzige Möglichkeit auf ein besseres Leben ist. Und bezüglich deiner letzten Aussage: Soldaten (oder ehemalige) sorgen bei einer Tötung für die Politik, da jeder Zwischenfall mit einer Ordonnanzwaffe, ein gefundenes Fressen für die Medien, Politik und all denen, die die Armee abschaffen resp. umfunktionieren wollen, ist. Der Typ, der seine 21-Jährige Freundin im Wallis erschoss, war ein ehemaliger Soldat. Der ist vorbestraft und machte trotzdem die RS.

    • Domi am 08.11.2011 17:46 Report Diesen Beitrag melden

      jaja, die bösen Soldaten

      Das sich Soldaten für Politiker einsetzen ist mir neu, da hat es in der Zwischenzeit wohl wieder eine Reform gegeben. Das Soldaten vorbestraft und gefährlich ist ist mir auch neu, da muss man gleich vor jedem Dienstleistenden Angst haben. Meine Erfahrung ist, dass sich Soldaten an Politikern stören weil diese keine oder nur wenige richtigen und sinnvolle Aufgaben geben können (ist ja nicht das Ziel das man im Dienst herumsitzt). Und was die Waffe angeht, da kenn ich einige die sie noch während der Dienstzeit wieder abgegeben haben.

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  • Fritz Mayer am 06.11.2011 20:58 Report Diesen Beitrag melden

    Oh Wunder

    Von wegen Kampf gegen den Suizid. Was kommt die US Regierung wohl billiger, die medizinische Versorgung - jahrzehntelange Physio- und Psychotherapie für die zurückgekehrten Veteranen - oder einmalig eine Beerdigung? Es kommt ihnen doch sehr gelegen, wenn sich die ausgedienten Männer diskret umbringen. Deshalb wird es auch insgeheim gefördert, z.B. mit der krassen juristischen Bevorteilung der Ehefrauen, die problemlos mit dem Geld abhauben und sich einen unverbrauchten Mann holen können/sollen.

  • martin rüegg am 06.11.2011 19:59 Report Diesen Beitrag melden

    Europa

    vorbereitung ist alles, es kämpfen deutsche,italiener,engländer+franzosen in afghanistan. In Europa ist die lage nicht so drammatisch,nicht dieses ami macho gefühl verinerlicht,so das sie dann zu hause trotzdem noch als gebraucht fühlen,auch wenn sie nicht mehr den harten macho spielen müssen

    • Christine Gerber am 07.11.2011 10:42 Report Diesen Beitrag melden

      Angriff auf die Seele

      In Deutschland befasst sich eine ganze Organisation mit diesem Thema. Empfehlenswert: Die deutschen Soldaten sind nicht anders als die amerikanischen. Ich bin mir auch nicht ganz sicher, wieweit man sich darauf vorbereiten kann, was auf einen zukommt.

    • Marie am 07.11.2011 11:09 Report Diesen Beitrag melden

      Hilfe

      Die Organisation heißt : Bund Deutscher Veteranen. Diese Hilft Soldaten die aus dem 'Krieg' heimkehren und psychische Probleme haben. Vorallem befassen sie sich mit dem Thema PTBS. Allgemein bekannt, leider Interessiert es die wenigsten. Ich schäme mich für unsere Gesellschaft fremd, wie kann man nur so desinteressiert sein?

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