Schutz vor Terror

08. Juni 2017 09:31; Akt: 08.06.2017 09:48 Print

«Betonblöcke werden auch andernorts kommen»

von Ann Guenter, London - Die Anschläge wirken sich auf Londons Stadtbild aus: Poller und Platten sollen Attacken mit Fahrzeugen verhindern.

Eisenbarrieren und Poller: So sollen Londons Brücken vor Terror geschützt werden.
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Betonplatten und gusseiserne Poller erschienen quasi über Nacht, nicht nur auf der London Bridge, sondern auch auf der Westminster Bridge, der Waterloo und der Lambeth Bridge. Es ist der augenscheinlichste Hinweis auf die zwei jüngsten Terrorattacken in der Stadt – abgesehen von den frischen Blumensträussen auf der London Bridge und längst verwelkten Bouquets auf der Westminster Bridge, wo ein britischer Jihadist erst Ende März fünf Menschen mit einem Wagen niedermähte.

Die klobigen Hindernisse auf den Brücken sollen solche Fahrzeugangriffe, zu denen der «Islamische Staat» explizit aufruft, verhindern helfen. Fühlen sich die Londoner damit
sicherer? «Ja, auf jeden Fall», sagt Sylvia (23), eine Passantin auf der Waterloo Bridge. Kritisch beäugt sie die neu angelötete Eisen-Beton-Verlängerung, die den Verkehr vom Trottoir trennt. «Mir wäre es sogar lieber, wenn sie noch etwas länger wäre.»

«Schön ist das nicht, aber was will man machen?»

Bill Nichols, der mit einem Kollegen die Westminster Bridge entlanggeht, hält die Massnahme ebenfalls für nöttig: «Schön ist das nicht, gerade für die Touristen. Aber was will man machen?»

Brücken sind eines der Wahrzeichen Londons, auf vielen verkehren Fahrzeuge, Velofahrer und Passanten. Jetzt sind diese Bauten zum Sicherheitsrisiko geworden. Ein Ende der akuten Terrorgefahr ist nicht absehbar, entsprechend wollen sich die Londoner Behörden nicht festlegen, ob die Barrieren und Poller auf den Brücken lediglich eine temporäre Massnahme sind.

«Brücken sind ikonisch»

Der Londoner Sicherheitsanalyst Will Geddes rechnet jedenfalls damit, dass die Betonblöcke das Stadtbild permanent prägen: «Und nicht nur in London und anderen Städten Grossbritanniens, auch in Frankreich, Deutschland und Italien dürften solche Sicherheitsmassnahmen früher oder später ergriffen werden. Leider müssen wir das Stadtbild unserer Innenstädte der Terrorbedrohung anpassen», sagt er zu 20 Minuten.

Warum Terroristen Brücken ins Visier nehmen und nicht etwa die U-Bahn? «Die Brücken sind ikonisch. Gerade die London Bridge und die Westminster Bridge, beide im Zentrum Londons, sind beide sehr breit, was es einem Fahrzeug leicht erlaubt, auf die Seite der Fussgänger zu gelangen.» Das gelte auch für die Tower Bridge oder etwa die Chelsea Bridge – beide seien ein leichtes Ziel für Anschläge, sagt Geddes. «Immerhin: Die Chelsea Bridge ist nicht im Zentrum Londons und deswegen für Terroristen weniger interessant.»

Erfassen biometrischer Daten als Sicherheitsmassnahme

Sicher vor einem Anschlag sei die Tube, wie die U-Bahn in London genannt wird, deswegen aber nicht: «Terroristen haben ihr Interesse an einem Anschlag in der Tube bestimmt nicht verloren. Zehntausende benutzen die U-Bahn jeden Tag, entsprechend gross ist die Herausforderung für die Sicherheitskräfte. Undercover-Polizisten, Videoüberwachung, Gesichtserkennungsprogramme und viele andere Massnahmen, von denen die Öffentlichkeit nichts weiss, sind im Einsatz.»

Geddes geht davon aus, dass in Zukunft noch weitere Massnahmen dazu kommen werden. «Nicht Metalldetektoren, das wäre bei der schieren Masse an Pendlern schlicht nicht machbar, aber etwa das Erfassen biometrischer Daten.»

Kritik an der Polizei «ungerechtfertigt und unfair»

Nachdem in Grossbritannien so lange Ruhe herrschte, sehen viele drei Attentate in drei Monaten als Desaster. Sicherheitsanalyst Geddes widerspricht: «Desaströs würde ich die Arbeit der Polizei nun sicher nicht nennen, auch wenn diese Attacken grauenhaft sind. Allein seit dem Angriff auf der Westminster-Brücke Ende März konnte sie fünf grosse Attentatspläne vereiteln.»

Man müsse bedenken, dass es in Grossbritannien 23'000 Jihadisten gebe. 3000 davon seien eine potenzielle Bedrohung und auf dem Radar der Polizei. «Nachdem klar wurde, dass einige der Attentäter der London Bridge den Behörden bekannt waren, ist nachvollziehbar, dass es Kritik hagelt.» Doch diese sei ungerechtfertigt und unfair, sagt Geddes. «Die Polizei kann sich ja nicht einmal wehren, denn sie kann ihre Arbeit nicht offenlegen – und auch nicht ihre verbuchten Erfolge beim Aufspüren von Terrorplänen und der Abwehr von Anschlägen.»

Und wie weit muss eine Gesellschaft im Namen der Sicherheit gehen, wenn klar ist, dass es keine hundertprozentige Sicherheit gibt? Das sei die kürzeste Frage für eine sehr, sehr lange Antwort. Behörden und Gesellschaft müssten auf jeden Fall zusammenarbeiten, so der Sicherheitsanalyst. Für ihn stehen nun folgende Fragen im Fokus: «Wer ist für Extremismus empfänglich, wer wird wo von wem rekrutiert und ab wann radikalisiert? Es ist ein weites, vielschichtiges Feld, auf dem wir in den kommenden Jahren viel Arbeit leisten müssen», sagt Geddes.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • allright am 08.06.2017 09:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    23'000 Jihadisten in England?

    Somit wohl 100'000 oder mehr in ganz Europa? "Danke" Merkel und Sommaruga, dass ihr unsere europäische Zivilisation einem baldigen und sicheren Ende zu führt. Wer bald in einem Kalifat leben will, bleibt hier. Alle anderen flüchten aus Europa.

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  • Geissenpeter am 08.06.2017 09:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Super Lösung - Ein Vergleich

    das Haus brennt. Der Bewohner versucht nicht das Feuer zu löschen und den Brandstifter zur Rechenschaft zu ziehen. Nein, er versteckt sich im Zimmer unters Bett und hofft das Feuer kommt nicht bis zu ihm.

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  • Volpone am 08.06.2017 10:15 Report Diesen Beitrag melden

    Ich schäme mich.

    Seit der Flüchtlingswelle kostet es uns Milliarden in jedem Bereich, aber gebracht haben uns diese Menschen noch nichts ausser einem Zettel mit Forderungen. Ich schäme mich für unsere Politik. Desweiteren finde ich es Fragwürdig ,wenn unter tausend nur ein Bombenleger mitzieht, ist das Risiko nicht verhandelbar... Ausser natürlich der Schweizer ist Mensch zweiter Klasse.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Thomas Gross am 09.06.2017 13:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    baron

    die betonblöcke sind schon mal gut. sie zeigen, dass die menschen den terror realisieren und vorkehrungen treffen. aber es würde mich auch nicht wundern, wenn sie unter dem motto alles :"wie bisher" gar nicht auf die anschläge reagieren. noch besser wäre es, wenn vor anschlägen schneller reagiert werden würde, was beim konzert in manchester leider nicht geschah.

  • Denkpause am 09.06.2017 07:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Himmeltraurig ...

    ... dass wir uns von denen, die mit Hoffnung auf ein besseres und friedliches Leben bei uns aufgenommen worden sind, nun schützen müssen.

  • Martin am 08.06.2017 16:16 Report Diesen Beitrag melden

    Konsequenzen tragen

    Klar. Die Flüchtlingswelle ist schuld. Nicht die Kriege, die mit amerikanischen, europäischen und Schweizer Waffen geführt werden. Wer Waffen in Krisengebiete verkauft muss die Flüchtlinge aufnehmen und alle damit verbundenen Konsequenzen tragen. Alles andere ist doch völlig unlogisch!

  • Urs Zurflüh am 08.06.2017 15:15 Report Diesen Beitrag melden

    Mörder, oder?

    Wieso wird der IS immer noch als Islamischer Staat bezeichnet? Mörderstaat ist doch die richtige Bezeichnung. Desgleichen ist zu überlegen, ob die Mordanschläge ( Terror tönt viel zu harmloss) nicht doch auch aus rasistischen Motiven Erfolgen?

  • Benny am 08.06.2017 15:07 Report Diesen Beitrag melden

    Terror

    "Ich denke, wir fühlen uns dadurch sicherer" - Wahre Worte, wir fühlen uns nur sicherer, sind es aber nicht. Abschieben und Migration unter binden.