NOTW-Abhörskandal

19. Juli 2011 05:03; Akt: 20.07.2011 17:18 Print

Toter Journalist bringt Murdoch ProblemeToter Journalist bringt Murdoch Probleme

Der Tod des ehemaligen «News of the World»-Journalisten Sean Hoare ist weiterhin unaufgeklärt. Derweil wurde die Website der «Sun» gehackt – und der Tod von Medienmogul Rupert Murdoch vermeldet.

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Die britische Boulevardzeitung «News of the World» ist nach einem der grössten Medienskandale in der Geschichte des Vereinigten Königreichs eingestellt worden. Im folgenden eine Chronologie von Ereignissen im Zusammenhang mit dem Abhörskandal und ihren Auswirkungen. Der Königshausberichterstatter der «News of the World», Clive Goodman, schreibt einen Artikel über eine Knieverletzung von Prinz William. Der Palast schaltet die Polizei ein, die Ermittlungen aufnimmt. Goodman (im Bild) wird zusammen mit dem Privatdetektiv Glenn Mulcaire festgenommen, weil er in das Voicemail-System von Palastmitarbeitern eingedrungen sein soll. Goodman wird zu vier Monaten Haft verurteilt, Mulcaire (im Bild) erhält eine sechsmonatige Haftstrafe. Der Redakteur Andy Coulson tritt zurück. Der konservative Oppositionsführer David Cameron bittet Coulson (rechts), sein Medienberater zu werden. Coulson sagt vor einem Parlamentsausschuss aus, er habe niemals Abhöraktionen genehmigt. Die ehemalige Chefredakteurin der «News of the World» und später der Schwesterzeitung «The Sun», Rebekah Brooks, wird Chefin des Verlagshauses News International. Der Parlamentsausschuss findet keine Beweise dafür, dass Coulson von den Abhöraktionen wusste. Die Mitglieder erklärten aber gleichzeitig, es sei unvorstellbar, dass ausser Goodman niemand davon Kenntnis gehabt habe. Cameron wird Premierminister. Coulson wird zum Kommunikationschef der neuen Regierung ernannt. Die britische Polizei nimmt erneut Ermittlungen auf. Coulson legt sein Regierungsamt nieder. «News of the World» bezahlt der Schauspielerin Sienna Miller 100.000 Pfund (113.000 Euro), um Vorwürfe einer Abhöraktion außergerichtlich beizulegen. Eine weitere aussergerichtliche Einigung folgt, dieses Mal mit ehemaligen Fußballprofi Andy Gray. Die Zeitung «The Guardian» berichtet, die «News of the World» habe das Handy der ermordeten 13-jährigen Milly Dowler angezapft. Brooks sei in dieser Zeit Chefredakteurin gewesen. Diese lehnt einen Rücktritt ab und erklärt, sie habe nichts von derartigen Aktionen gewusst. Anzeigenkunden der «News of the World» boykottieren die Zeitung. News International kündigt die Einstellung der «News of the World» an. Coulson wird vorübergehend festgenommen. Goodman wird erneut verhaftet, dieses Mal wegen Zahlung von Bestechungsgeldern an Polizisten. Cameron kündigt Untersuchungen an. Die «News of the World» erscheint zum letzten Mal. Verleger Rupert Murdoch (im Bild) fliegt wegen der Krise nach London. Das Konzern News Corp. zieht sein Angebot zurück, den Sender Sky News auszugliedern. Dieser Schritt war Voraussetzung für die geplante Übernahme des Fernsehsenders British Broadcasting (BSkyB). Berichte über versuchte Abhöraktionen gegen führende Mitglieder des Königshauses und den früheren Premierminister Gordon Brown tauchen auf. Cameron unterstützt eine Aufforderung der Opposition an Murdoch, den Kauf von BSkyB nicht länger voranzutreiben. News Corp. verzichtet auf eine vollständige Übernahme von BSkyB. Die ehemalige Chefredakteurin Rebekah Brooks tritt als Chefin des Verlags News International zurückgetreten. Brooks erklärte in einer Mitteilung an die Belegschaft, der Ruf des Unternehmens stehe auf dem Spiel. Die Ex-Chefredakteurin Rebekah Brooks wird festgenommen. Mit ihr ist erstmals eine Top-Managerin des Murdoch-Imperiums in Polizeihaft genommen worden. Der Chef der Londoner Metropolitan Police, Sir Paul Stephenson, tritt zurück. Stephenson war ins Kreuzfeuer der Kritik geraten, als bekannt wurde, dass er sich einen Kuraufenthalt teilweie hatte bezahlen lassen. Einen Tag nach dem Rücktritt des Chefs der Londoner Polizei hat auch dessen Stellvertreter auf die Abhör- und Bestechungsaffäre reagiert und den Hut genommen. Der zweithöchste Beamte bei Scotland Yard, John Yates, gab seinen Rücktritt bekannt.

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Der britische Journalist Sean Hoare, der als Erster zum Abhörskandal um das britische Boulevardblatt «News of the World» ausgepackt hat, ist laut Polizei tot aufgefunden worden, berichtet der «Guardian». Hoare arbeitete für die «Sun» und für «News of the World», bevor er wegen Drogenproblemen gefeuert wurde.

Der Tod von Sean Hoare in dessen Haus werde nicht als verdächtig eingestuft, erklärte die Polizei laut der britischen Inlandsnachrichtenagentur PA am Montag. Der Reporter war von der «New York Times» mit den Worten zitiert worden, das Abhören von Telefongesprächen sei bei der «News of the World» zu Zeiten des damaligen Chefredakteurs Andy Coulson eine weitverbreitete Methode gewesen und die Journalisten seien dazu sogar ermutigt worden. Coulson wurde im Zusammenhang mit dem Skandal inzwischen festgenommen.

Die britische Polizei hat nach eigenen Angaben zwei ehemalige Journalisten der in einen Abhörskandal verwickelten Zeitung «News of the World» beschäftigt. Der Reporter Alex Marunchak sei zwischen 1980 und 2000 als Dolmetscher für Ukrainisch tätig gewesen, teilte Scotland Yard am Montag mit. Er habe dabei auch Zugang zu höchst heiklen Informationen gehabt.

Murdoch-Internetseite geknackt

Die Hackergruppe Lulz Security hat am Montag die Internetseite der britischen Boulevardzeitung «The Sun» geknackt und in einer Falschmeldung den angeblichen Tod von Medienmogul Rupert Murdoch vermeldet. Die Zeitung löschte den Eintrag, wonach der 80-Jährige tot in seinem Garten aufgefunden worden sei, kurz nach der Veröffentlichung am Montagabend. Die «Sun» gehört wie das inzwischen eingestellte Skandalblatt «News of the World» zum britischen Murdoch-Ableger News International.

Besucher der Internetseite wurden auf die Seite von Lulz Security beim Kurznachrichtendienst Twitter weitergeleitet, wo sich die Hacker zu der Attacke bekannten und weitere Aktionen ankündigten. «Diese Geschichte ist nur die Phase eins», hiess es in einer Nachricht. Eine Sprecherin von News International sagte, die britische Zeitungsgruppe habe Kenntnis von dem Onlineangriff.

Lulz Security hatte in den vergangenen Wochen nach eigenen Angaben die Internetseiten von Unternehmen wie Sony und Nintendo, aber auch den US-Senat und den US-Geheimdienst CIA angegriffen. Ende Juni gab die Gruppe ursprünglich das Ende ihrer Aktionen bekannt.

Murdoch bleibt an der Macht

News Corp.-Aufsichtsratsmitglied Thomas Perkins hat Berichte über eine Nachfolgeregelung für den unter Druck geratenen Medienunternehmer Rupert Murdoch zurückgewiesen. Murdoch habe die volle Unterstützung des Aufsichtsrats und es gebe keine Pläne, ihn wegen des Abhörskandals in Grossbritannien zu ersetzen, sagte Perkins am Montag in einem Interview der Nachrichtenagentur AP.

Die Nachrichtenagentur Bloomberg hatte zuvor berichtet, der Aufsichtsrat habe einen Plan für die Nachfolge Murdochs erarbeitet, gemäss welchem der Vorstand für das operative Geschäft, Chase Carey, neuer Vorstandsvorsitzender werden solle.

Eine grundsätzliche Nachfolgeregelung für die Konzernspitze von News Corp. gebe es zwar bereits seit längerem, der Abhörskandal um die mittlerweile eingestellte Boulevardzeitung «News of the World» hätte an den Plänen jedoch nichts geändert.

Murdoch, sein Sohn James und die ehemalige Chefin der britischen Zeitungssparte von News Corp., Rebekah Brooks, werden zu einer Anhörung im britischen Parlament erwartet.

Scotland Yard unter Druck

Im Zuge des Abhörskandals um «News of the World» gerät die Londoner Polizeibehörde Scotland Yard immer mehr unter Beschuss. Nachdem Polizeichef Paul Stephenson wegen der Vorwürfe der Verstrickung seiner Behörde zurückgetreten war, folgte am Montag sein Stellvertreter John Yates.

Yates hatte 2009 entschieden, dass trotz neuer Vorwürfe keine neuen Ermittlungen im Abhörskandal aufgenommen werden und erklärt, seit dem Abschluss eines ersten Verfahrens 2007 lägen keine neuen Beweise vor. Vergangene Woche hatte sich Yates zwar entschuldigt, am Montag waren jedoch Forderungen nach seinem Rücktritt laut geworden.

Stephenson, Chef der Metropolitan Police, wie Scotland Yard offiziell heisst, hatte seinen Rücktritt mit den «Spekulationen und Anschuldigungen» über Verbindungen seiner Behörde zur Zeitungsgruppe News International von Rupert Murdoch begründet.

Luxusferien des Polizeichefs

Er habe sich aber nichts vorzuwerfen, betonte Stephenson, der mit dem vor wenigen Tagen festgenommenen ehemaligen «News of the World»- Vizechefredaktor Neil Wallis in Verbindung gebracht wird.

Der Polizeichef soll Anfang des Jahres fünf Wochen in einem Luxus- Wellness-Hotel verbracht haben, wo Wallis als PR-Berater arbeitete. Daneben arbeitete Wallis nach seinem Wechsel in die PR-Branche als Berater für die Polizei.

Nach Angaben von Innenministerin Theresa May wird die britische Polizei-Aufsichtsbehörde zu möglicher Korruption bei der Polizei ermitteln. Laut dem Inspectorate of Constabulary wurden bereits Vorwürfe gegen vier ehemalige ranghohe Londoner Beamte erhoben.

Stellungnahme Camerons im Parlament

Am Mittwoch will Premierminister Cameron vor dem Unterhaus Stellung zum Abhörskandal nehmen. Er habe das Unterhaus gebeten, seine Sitzungsperiode um einen Tag zu verlängern, damit er die Abgeordneten über die neuen Ermittlungsergebnisse informieren und zu den jüngsten Ereignissen Stellung nehmen könne, sagte Cameron.

An diesem Dienstag sollen zudem News-Corp-Chef Rupert Murdoch, dessen Sohn James und die Ex-Chefredaktorin von «News of the World», Rebekah Brooks, vor dem Medienausschuss des Unterhauses zum Abhörskandal Rede und Antwort stehen.

Brooks war am Sonntag nach einer Vorladung bei der Polizei festgenommen und nach zwölfstündiger Befragung auf Kaution freigelassen worden. Bis zu ihrem Rücktritt am Freitag war sie Chefin von News International. Laut Polizei steht Brooks unter Verdacht, für die Bestechung von Polizisten und das Abhören von Mailboxen mitverantwortlich zu sein.

Opposition fordert Transparenz

Die britische Opposition forderte Cameron unterdessen auf, sein Verhältnis zu Medienmogul Murdoch und anderen Akteuren im Abhörskandal offenzulegen.

Cameron müsse zum Beispiel erklären, ob er mit Murdoch oder dessen Top-Managerin Brooks bei gesellschaftlichen Ereignissen über eine Übernahme des Senders BSkyB gesprochen habe, forderte der Chef der sozialdemokratischen Labour-Partei, Ed Miliband, am Montag.

Die Opposition wirft Cameron vor, ein zu enges Verhältnis zu Murdoch gepflegt zu haben. Der Medienmogul wollte BSkyB übernehmen, gab dieses Vorhaben im Zuge der Affäre um unerlaubte Recherchemethoden aber auf.

Miliband warf Cameron vor, durch frühere Entscheidungen im Hinblick auf Murdochs britischen Unternehmensarm News International heute «gelähmt» zu sein.

(kub/feb/sda/dapd)