Exil

23. Oktober 2009 12:07; Akt: 23.10.2009 12:18 Print

«Ausserhalb des Iraks, da leben wir»«Ausserhalb des Iraks, da leben wir»

von Omar Sinan, AP - Während in Bagdad abends die Bürgersteige hochgeklappt werden, stürzen sich die Exil-Irakerinnen in der syrischen Hauptstadt Damaskus ins Nachtleben und vergnügen sich auf eine Art und Weise, wie sie in ihrer Heimat lebensgefährlich ist.

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Fröhlich begrüssen fünf Irakerinnen in engen Jeans gegen ein Uhr nachts im Restaurant Al Berdschis in der Altstadt von Damaskus eine Gruppe von Freunden; sie setzen sich zusammen auf eine Wasserpfeife, ein Kartenspiel und ein spätes Nachtmahl. Ein Unding in ihrer Heimat. «Das ist das Leben. Ausserhalb des Iraks, da leben wir», sagt die 37-jährige Rana Sabah, die 2004 mit ihrer Familie geflüchtet ist. «Glauben Sie mir, ich bin überall gewesen: Im Irak sind die Iraker lebendig begraben.»

Die Gewalt im Irak hat zwar nachgelassen, flammt aber immer wieder unvermittelt auf, so dass die meisten Bagdader nach 22.00 Uhr nicht mehr gern ausgehen. Wohlstand zu zeigen, und sei es nur üppiger Goldschmuck, kann gefährlich werden. Zudem ist die Gesellschaft über die Kriegsjahre religiös konservativer geworden. Frauen in modischer oder gar freizügiger Kleidung wie in den gehobenen Vierteln von Damaskus und Amman sind im Irak eine Seltenheit - genauso wie Frauen, die abends alleine ausgehen, oder gemeinsame Unternehmungen junger Leute beiderlei Geschlechts. Dass eine Frau in der Öffentlichkeit Wasserpfeife raucht, wäre im Irak seit jeher ein Skandal gewesen.

«In Amman bin ich ein anderer Mensch»

Viele der hunderttausende Iraker, die seit dem US-geführten Einmarsch 2003 in die Nachbarländer geflohen sind, haben kein leichtes Leben. Sie sind traumatisiert durch den Verlust von Angehörigen, finden im Exil keine Arbeit oder arbeiten schwarz und sehen ihre Ersparnisse zerrinnen. Einige haben die Sitten der Heimat so weit abgestreift, dass manche eine Entfremdung befürchten.

Bassam Abdel Wahid pendelt zwischen Bagdad, wo er arbeitet, und der jordanischen Hauptstadt Amman, wo seine Familie lebt. Für jede Irak-Reise hat er eine Merkliste dessen, was er besser bleiben lässt: kein Goldring, keine schicke Sonnenbrille, keine langen Haare und modische Kleidung, nicht nachts Autofahren und nicht mit der Freundin ausgehen. «All das sind Gewohnheiten, die ich vergessen muss, sobald ich über die Grenze komme», sagt der 27-Jährige. Er fürchtet, in der Heimat sonst seines Lebens nicht sicher zu sein. «In Amman sehe ich anders aus, ich tue andere Dinge, führe ein anderes Leben. Ich bin ein anderer Mensch.»

Rückkehr aus Sorge um Identität

In Bagdad werden abends die Bürgersteige hochgeklappt. Das Nachtleben war voriges Jahr aufgeblüht, als sich die Lage beruhigte. Nach einer Reihe von Anschlägen diesen Sommer bleiben die Leute wieder daheim. «Wir haben es nicht so gut», sagt Essam Dschalal mit Blick auf die Freiheiten der Landsleute im Exil. «Ich meine, im Irak nach zehn Uhr abends auszugehen, das ist Selbstmord.» Der 56-Jährige hätte selbst mit seiner Familie in Kanada bleiben können. Doch 2008 kehrte er zurück, weil, wie er sagt, seine Kinder nicht in der Fremde aufwachsen und ihre Identität verlieren sollten.

Auch Schatha Dawud, die 2004 geflohen war, kam voriges Jahr zurück. Dann kostete sie etwas, das im Exil ganz normal war, beinahe das Leben: Sie wollte abends mit ihren Töchtern zum Essen fahren und wurde an einer Polizeisperre versehentlich beschossen. Wenige Tage danach ging sie wieder nach Syrien. «Wir hätten tot sein können, und weshalb? Nur weil wir Lust auf einen Burger hatten!» In Damaskus gehen die Geschäftsfrau und ihre halbwüchsigen Kinder fast jeden Abend aus, ins Einkaufszentrum oder in den Vergnügungspark, sie tragen Jeans und T-Shirt. «Wir hätten so etwas nie tun können; wir konnten in unserem eigenen Land nicht frei leben. Deshalb gönnen wir es uns jetzt ausserhalb des Iraks.»

Im Restaurant Al Berdschis gibt die Frauenclique ihre Bestellung beim Kellner in syrischem Arabisch auf, das deutlich anders klingt als die irakische Färbung. «Wir haben damit angefangen, um nicht übers Ohr gehauen zu werden», erklärt Sundus Meschrif. «Der syrische Dialekt ist weicher, irgendwie femininer, und man wird besser bedient. Ausserdem fühle ich mich dann wie ein anderer Mensch, weder als Flüchtling noch als Irakerin.»