Italien in der Krise

07. November 2011 15:39; Akt: 07.11.2011 15:42 Print

Berlusconis Tage sind gezähltBerlusconis Tage sind gezählt

von Colleen Bar, AP - Berlusconi hat es versäumt, schnell gegen die Schuldenkrise vorzugehen. Nun versprach er eine Vertrauensabstimmung binnen zweier Wochen. Verliert er, muss er abtreten.

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Silvio Berlusconi (Mitte), geboren am in Mailand, ist der älteste Sohn von Luigi Berlusconi und Rosa Bossi. erlangte der junge Berlusconi das Reifezeugnis am Salesianer-Gymnasium in Mailand. 1961 schloss er an der Uni Mailand sein Jura-Studium ab. Mit seiner Diplomarbeit gewann er einen von der Werbeagentur Manzoni ausgeschriebenen Preis über zwei Millionen Lire. Nach einigen Erfahrungen als Immobilienmakler während seiner Studienzeit gründete Berlusconi im Jahr zusammen mit dem Bauunternehmer Pietro Canali sein erstes Unternehmen, die Cantieri Riuniti Milanesi Srl. heiratete er Carla Elvira Lucia Dall'Oglio, mit der er zwei Kinder hat. Im Jahr trat er in die Propaganda Due (P2) ein, ursprünglich eine Freimaurerloge, die in den 1970er Jahren zur Tarnung einer kriminellen politischen Verschwörung missbraucht wurde. reichte Lario die Scheidung ein. b>Zwischen 1963 und 1978 gründete Silvio Berlusconi mehrere Bauunternehmen - viele davon mit Schweizer Investoren. erwarb er den Fernsehsender Italia 1, 1984 den Sender Rete 4 von der Verlagsgruppe Mondadori. Damit wurde Mediaset, das Medienunternehmen des Berlusconi-Konzerns Fininvest, zum grossen Widersacher des einstigen Monopolisten RAI. Berlusconi ist seit 1986 Besitzer des Fussballclubs AC Mailand. Bis 2004 war er Präsident, bis ihn ein Gesetz zur Regelung von Interessenkonflikten zwang, zurückzutreten. Trotz seiner Nähe zum Chef des Partito Socialista Italiano und Ministerpräsidenten Bettino Craxi, der ihn beim Aufbau seines Medienimperiums unterstützte, engagierte sich Berlusconi jahrelang nicht direkt in der Politik. Erst im entstand die politische Bewegung Forza Italia, eine Partei, die sich vor allem um Wähler der politischen Mitte und von Mitte-Rechts bemühte. Dank einer aufwendigen Wahlkampagne, in der Berlusconi seine gesamte Medienmacht einsetzte, wurden die Parlamentswahlen zu einem grossen Erfolg für die Forza Italia. Nach der Wahl bildete Berlusconi eine Regierung mit der Alleanza Nazionale von Gianfranco Fini und der Lega Nord von Umberto Bossi. Bereits am Ende des Jahres verliess Bossi die Regierung im Streit und brachte sie zu Fall. Die nächsten Jahre musste Berlusconi in der Opposition ausharren. Silvio Berlusconi war und ist in zahlreiche juristische Verfahren wegen Bestechung, Steuerbetrug oder Bilanzfälschung verwickelt. Angeblich ging er nur in die Politik, um sich vor dem Gefängnis zu retten. Im gewann Berlusconi zum zweiten Mal die Parlamentswahlen, wiederum begleitet von einem grossen Werbeaufwand. Nach den Wahlen bildete Berlusconi wieder eine Koalition mit der Alleanza Nazionale, der deutlich geschwächten Lega Nord, der christdemokratischen UDC und mehreren Kleinparteien. Vor den Wahlen im übten die italienischen Unternehmerverbände offene Kritik an der Wirtschaftspolitik der vergangenen fünf Jahre, die fast zu einem Nullwachstum geführt hatte. Berlusconi verlor die Wahl gegen das Linksbündnis von Romano Prodi. Ende brach Silvio Berlusconi bei einer Rede zusammen. Der Zwischenfall ereignete sich in Montecatini Terme in der Toskana, bei einem Kongress der Jugendorganisation seiner Partei. Im erlitt Silvio Berlusconi einen persönlichen Tiefschlag: «Mamma Rosa» starb in Mailand im Alter von 97 Jahren. Kurz darauf starb seine Schwester Maria Antonietta. Bei den Parlamentswahlen im gewann Berlusconis Mitte-Rechts-Bündnis aus Popolo della Libertà, Lega Nord und Movimento per l'Autonomia mit deutlichem Vorsprung im Abgeordnetenhaus und im Senat. Am 8. Mai trat Silvio Berlusconi zum dritten Mal in 14 Jahren das Amt des Ministerpräsidenten an. Unter anderem sorgte sein Kommentar nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 für Aufregung: «(...) Ein Teil der muslimischen Welt um 1400 Jahre zurückgeblieben (...)» Auf Unmut bei Teilen der italienischen Öffentlichkeit stiessen auch immer wieder erfolgte ein weiterer Zwischenfall: Der Regierungschef wurde im Zentrum von Mailand von einem Mann mit einem harten Gegenstand - eine Souvenirausgabe des Mailänder Doms - beworfen und niedergestreckt. Immer wieder Anlass zu Kritik gab der direkte Interessenkonflikt in Bezug auf die Medien, da Berlusconi als Ministerpräsident grossen Einfluss auf die staatliche Fernsehanstalt RAI ausüben kann, während er gleichzeitig Miteigentümer der privaten Konkurrenz Mediaset ist. Im warf sein ehemaliger Verbündeter Gianfranco Fini, Präsident der Abgeordnetenkammer, dem Cavaliere einen «autoritären Führungsstil» vor. Schliesslich verliess Fini mit seinen Anhängern die Regierung. Im wurde Berlusconis enger Vertrauter Marcello Dell'Utri in Palermo wegen Verbindungen zur sizilianischen Mafia zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Der Prozess nährte Gerüchte, wonach Berlusconi seinen politischen Aufstieg zu einem erheblichen Teil der Mafia zu verdanken hatte. Am reichten die Oppositionsparteien PD (Partito Democratico) und IDV (Italia dei Valori) einen Misstrauensantrag gegen die Regierung Berlusconi ein. Die Vertrauensabstimmung fand in beiden Parlamentskammern am 14. Dezember statt. Doch Silvio Berlusconi hat es allen gezeigt: Er bleibt im Amt. Das Parlament hat das Misstrauensvotum mit 314 zu 311 Stimmen abgelehnt. Am erhält der Cavaliere einen weiteren schweren Schlag: Die Mailänder Ermittlungsrichterin Cristina Di Censo hat gegen den Premierminister ein Verfahren wegen Amtsmissbrauch und Förderung der Prostitution mit einer Minderjährigen eröffnet. Am schliesslich ist Berlusconi am Ende. Er stellt seinen Rücktritt in Aussicht.

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Italien hat gute Zeiten erlebt, doch nun findet es sich auf dem Boden harter Tatsachen wieder. Die gute Konjunktur der Nachkriegszeit hatte es erlaubt, dass Hunderttausende schon ihrem 50. Geburtstag mit vollen Bezügen in Rente gingen. Die öffentlichen Ausgaben stiegen und brachten aufgeblähte Bürokratien sowie eine politische Klasse hervor, die die Hälfte des Volksvermögens jährlich verbrauchte. Die leichtlebigen Italiener erwarteten wenig von ihrem Staat und scheuten sich nicht, unter dem Tisch für Renovierungen, Zahnbehandlung oder auch nur einen Cappuccino zu zahlen.

Aber die Abrechnung für Jahrzehnte der Ausschweifung kommt, und in der europäischen Staatsschuldenkrise wird ein gesalzener Preis fällig. Ministerpräsident Silvio Berlusconi hat seit 1994 Sex-Skandale und mehrere Untersuchungsverfahren überstanden. Doch nun gleiten dem zähen Regierungschef zunehmend die Zügel aus den Händen. Ihm fehlt die Kraft für einen Wandel.

Hilferuf an den IWF

Während des Wirtschaftsgipfels in Frankreich bat Berlusconi den Internationalen Währungsfonds (IWF), die Reformbemühungen des Landes zu überwachen - eine erniedrigende Entwicklung für die siebtgrösste Volkswirtschaft der Welt.

Nach Griechenland, Irland, Portugal und Spanien droht nun auch Italien eine Regierungskrise. «Berlusconis Zeit ist abgelaufen», schrieb Ferruccio de Bortoli, Chefredakteur des renommierten Corriere de la Sera. «Er riskiert es, seine Partei und das ganze Land herunterzuwirtschaften. Die Partei sollte ihn drängen zu gehen.»

Die Regierungsturbulenzen spiegeln ein wachsendes Unbehagen über die finanzielle Unsicherheit, die sich über das Land ausbreitet. Die Italiener haben sich noch nicht von der Finanzkrise im Jahr 2008 erholt, die Fabriken und Arbeiter lähmte. Fortgesetzte wirtschaftliche Turbulenzen und Sanierungsschritte untergraben das Vertrauen der Verbraucher. Und die Angst wächst, dass Italien, sollte es nicht seine enormen Schulden von 1,4 Billionen Euro bedienen, die Eurozone in den Abgrund reissen könnte - und mit ihr die gesamte Weltwirtschaft.

Hohe Arbeitslosigkeit lässt die Jugend rebellieren

«Wir, die jungen Leute, zahlen den höchsten Preis für die Krise», klagte Giuseppe Muscanera, ein Lehrer aus Bologna, bei einer Oppositionskundgebung am Wochenende in Rom. «Wir können den Wiederaufbau nur mit einer vertrauenswürdigen politischen Klasse beginnen, die wirksame Ideen mitbringt», fügte er hinzu.

Seit einem Jahrzehnt lebt Italien mit hohen öffentlichen Schulden und niedrigem Wachstum, ohne dass die Warnglocken erklungen wären. Anders als ihre Regierung sparen die Privathaushalte viel, und eine Mehrheit ist Eigentümer ihrer Häuser. Das schützte das Land vor Immobilienpleiten und privaten Schuldenkrisen, die andere Volkswirtschaften wie Spanien heimsuchten. Anders als andere europäische Länder - das reiche und stabile Deutschland eingeschlossen - musste Spanien in der globalen Kreditkrise von 2008 seine Banken nicht retten, da diese riskante Geschäfte vermieden hatten.

Doch die staatliche Schuldenkrise der vergangenen zwei Jahre hat das alles verändert. Seit Europa Griechenland, Irland und Portugal herauskaufen musste, korrigierten die Investoren ihre Meinung über die Risiken europäischer Staatsanleihen. Aus Furcht vor dem Schlimmsten verkauften viele ihre spanischen und italienischen Anleihen und zogen die sichereren vor, besonders die deutschen.

Zinsen für Staatsanleihen erreichen Rekordwert

Die Wahrscheinlichkeit, dass Italien gerettet werden muss, wächst jedes Mal, wenn die Zinsen steigen. Die Zinsraten für zehnjährige italienische Staatsanleihen erreichten am Freitag mit 6,5 Prozent einen Rekordwert seit Einführung des Euros.

Der neue italienische Zentralbankchef Ignazio Visco beharrt zwar darauf, dass das Land acht Prozent stemmen kann. Doch Extra-Kosten durch den Schuldendienst fressen die Einsparungen auf, die die Regierung mit ihren Sanierungsmassnahmen einsammelt. Diese Art von Niedergang war es, die mehrere Rettungsaktionen für Griechenland notwendig machte.

Souveränitätsverlust schreckt Politiker ab

Viele italienische Politiker sträubten sich gegen den Verdacht, Italien habe seine Souveränität aufgegeben. Die Opposition nutzte dies als Spitze gegen Berlusconi. Doch Wirtschaftsfachleute, einfache Italiener und sogar der über achtzigjährige Staatspräsident Giorgio Napolitano begrüssten nun solche Interventionen von aussen.

Berlusconi versäumte es, schnell wirksame Notmassnahmen einzuleiten. Nun versprach er gesetzliche Schritte bis hin zu einer Vertrauensabstimmung binnen zweier Wochen. Verliert er, muss er abtreten.

Reformen für Jugend und Frauen

Die neuen Massnahmen schliessen den Verkauf von Staatsvermögen in Höhe von etwa 3,7 Milliarden Euro in jedem der kommenden drei Jahre ein. Dazu gehören auch Steuervergünstigungen, die Arbeitsplätze für junge Leute schaffen sollen. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 29 Prozent. Auch soll Frauen die Rückkehr ins Arbeitsleben geebnet werden - nur 48 Prozent der Italienerinnen haben Jobs. Weitere Gesetze sollen es ermöglichen, dass die Läden Sonntags öffnen und abgeschottete Berufe sollen zugänglich werden. Berlusconi will auch gegen den Widerstand seiner Bündnispartner von der Lega Nord das Rentenalter dem europäischen Trend gemäss auf 67 erhöhen. Internationale Aufsichtsgremien verlangen darüber hinaus Reformen des Arbeitsmarkts und eine Verringerung der Aufwendungen für die Politik.

Präsident Napolitano, der im Falle eines Scheiterns Berlusconis eine Interims-Regierung einsetzen müsste, hat sich bereits mit Parteiführern getroffen, um Alternativen zu erörtern. Er versicherte aber auch, dass er nicht handeln werde, bevor nicht klar sei, wie die Mehrheit im Parlament sich aufstellt. Guido Crosetto, ein Abgeordneter aus Berlusconis Partei, sagte: «Ich weiss nicht, wie viele Tage diese Regierung noch hat. Es ist klar, dass eine Mehrheit von nur wenigen Stimmen nicht lange weitermachen kann.»

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  • Toni Monti am 07.11.2011 17:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Keine Kompetenz

    Keine Kompetenz, von rechts bis links... Ich als italiener sage nur das die Schweiz ein Vorbild ist, ein Federalismus sollte die neue innovative lösung sein, junge Leute die wirklich etwas verändern wollen in Italien...

  • Christian Müller am 07.11.2011 17:15 Report Diesen Beitrag melden

    Die Stirn bieten

    Wenn haben die Italiener als Alternative zu bieten. Wer ist besser als Berlusconi. Niemand ist mächtiger und reicher als er. Niemand kann ihm die fast faltenfreie Stirn bieten. Die Opposition muss jemand herausbringen, der fähig ist Italien aus den Schulden zu holen. Dann kann Berlusconi abtreten.

  • A. Berger am 07.11.2011 17:08 Report Diesen Beitrag melden

    Zu wenig schnell

    Welcher Politiker ging schnell gegen die Schuldenkrise vor? Keiner. Alle spielen sie doch auf Zeit und hoffen auf ein Wunder.