Paranoia-Rausch

19. Juli 2011 14:25; Akt: 19.07.2011 19:57 Print

Der «Dünger» für den Drogenwahn

Als Badesalz oder Pflanzendünger getarnte Drogen sind in den USA auf dem Vormarsch. Sie führen bei einigen Konsumenten nicht nur zu bizarrer Paranoia, sondern machen sie auch erschreckend resistent.

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Es ist der Stoff, aus dem Film-Horrortrips sind. Wie im Hollywood-Streifen «Batman Begins»: Da arbeitet der Bösewicht mit einer hochkonzentrierten Drogensubstanz, die er Menschen ins Gesicht bläst, bevor er sich einen Kartoffelsack über das Gesicht zieht. Die Opfer erleben danach einen üblen Film, in dem aus dem Jutesack-Mann ein Maden speiendes Albtraumwesen wird. Und auch der Held Batman wird zum schwarzen Racheengel, als er den Spiess umdreht und dem Schurken quasi einen Schuss seiner eigenen Medizin verabreicht.

Die schlimmsten Eigenschaften von Meth, Kokain, PCP, LSD und Ecstasy

Solche Szenarien sind aber nicht bloss in der Traumfabrik denkbar, sondern kommen in den USA in der Realität immer noch zu oft vor. Grund dafür sind Drogen wie Mephedron oder Methylendioxypyrovaleron, die dem im Jemen angebauten Khat ähneln. Während das Halluzinogen auf der arabischen Halbinsel jedoch langsam und in kleinen Mengen durch das Kauen von Blättern aufgenommen wird, haben europäische und amerikanische Laboranten die Wirkung des Rauschmittels auch durch das Beimischen weiterer Drogen deutlich verstärkt. So sehr, dass den Konsumenten die Sicherungen rausfliegen.

Die Mittelchen mit klingenden Namen wie «Vanilla Sky», «Lunar Wave», «Meow» (gesprochen: Miau) oder «Red Dove» werden als harmlose Badezusätze oder Pflanzendünger verkauft. Mehrere Menschen in Schweden und Grossbritannien mussten sterben, bis eingegriffen wurde. In Grossbritannien, der Schweiz und Resteuropa sind die Substanzen seit 2010 weitgehend verboten, doch in den USA sollen die Drogen in 22 Bundesstaaten noch gekauft werden können. «Wenn Sie die schlimmsten Eigenschaften von Meth, Kokain, PCP, LSD und Ecstasy nehmen und zusammenmischen, haben Sie das, was wir manchmal sehen», sagte Mark Ryan, der Direktor des Giftzentrums von Louisiana, der «New York Times».

Einschneidender Rausch geht unter die Haut

In einer Pressemitteilung seines Instituts warnt der Toxikologe, dass diese «Badezusätze» die schlimmste Substanz seien, die ihm in den letzten 20 Jahren untergekommen sind. «Diese Produkte führen zu einer schweren Paranoia, von der wir glauben, dass sie die Konsumenten dazu bringt, sich selbst oder andere zu verletzen», so Ryan. Kollege Henry Spiller vom Giftzentrum Kentucky ergänzt, dass die Patienten «einen kompletten Bruch mit der Realität» erleben würden: «Sie verlieren [den Bezug zum wahren Leben] völlig.»

Die Auswirkungen sind verheerend: In Indiana sprang ein Mann von einer Verkehrsinsel in die fahrenden Autos, in Pennsylvania drang ein Mann in ein Kloster ein und ermordete einen Priester. Die Zahl der Menschen, die sich wegen des Missbrauchs dieser Substanzen an die US-Giftzentren gewandt haben, stieg von 303 Anrufen 2010 auf 3740 Anfragen - alleine bis Ende Juni 2011.

Dr. Owen Lander beschrieb der «New York Times» den Fall einer Frau, die sich über mehrere Tage selbst schnitt. «Sie sah aus, als wäre sie meilenweit durch Dornengestrüpp gezogen worden», so der Mediziner vom Ruby Memorial Hospital in Morgantown, West Virginia. Die Amerikanerin hatte in ihrem Drogenrausch geglaubt, etwas sei unter ihrer Haut. Dr. Justin Strittmatter aus Panama City in Florida nennt den Fall eines Konsumenten, der nach dem Badesalz-Schnupfen 42 Grad Temperatur entwickelte. «Man konnte ein Ei auf seiner Stirn braten», sagte er der US-Zeitung.

Kein Taser hält die Wilden auf

Die Wirkung der Drogen sei derart stark, dass Anästhesisten zur Vollnarkose greifen würden, um die Betroffenen ruhig zu stellen. Die Badesalz-Süchtigen bereiten sich nicht nur selbst einen Bärendienst, sondern verlangen auch der Ordnungsmacht vollen Körpereinsatz ab. «Ich habe nie eine Droge gesehen, die so schnell einfährt wie diese», sagte Chief David Hayes der «New York Times». Nicht mal Pfefferspray oder Taser könnten die Nutzer zur Räson bringen, ergänzte der Staatsdiener aus Alton.

In dem Örtchen in Illinois war im April eine Frau nach dem «Genuss» des kristallinen Salzes gestorben. Hayes’ Kollege Joseph Murton von der Polizei Pottsville stösst ins selbe Horn. «Wir hatten zwei spezielle Vorfälle, bei denen sie auf sehr gewalttätige Art handelten, getasert wurden und es keine Effekte gab. Eine von diesen beiden war bloss eine kleine Frau, aber es brauchte vier Beamte und zwei Ordner, um sie festzuhalten. So sehr war sie ausser Kontrolle.»

«Mephe ist halt der Teufel»

In den entsprechenden Schweizer Foren sprechen die Erlebnisberichte der Konsumenten von Mephedron eine ähnliche Sprache. Zwar ist von extremen Ausrastern keine Rede, aber User «Grim Reaper» schrieb in einer Diskussion vom Winter 2010: «Ich habs immer gesagt: Mephe ist halt der Teufel, [aber das] heisst ja nicht, dass man den nicht mögen kann.» Ihm antwortet jemand unter dem Pseudonym «Chyb»: «Jetzt fehlt mir nur noch Crack, das will ich auch mal noch probieren, um die Bestätigung zu haben, das Mephedron wirklich das Krasseste ist.»


Schön ist anders: Dieses britische YouTube-Video wurde mit dem Kommentar «Mein Freund auf Mephedron» gepostet.


Ein Bericht des US-Senders ABC über die Drogen vom Juni 2011. Quelle: YouTube

(phi)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Stefan am 19.07.2011 15:35 Report Diesen Beitrag melden

    Totale Falschinformation

    Wo sind den die Beweise für die angeblichen Mephedron Todesopfer? Die gibt es nämlich nicht! Es sterben Jährlich tausende an den folgen von Nikotin und Alkoholkonsum und dies ist Belegbar! Meth = Crystal Meth = Methamphetamin, dies hat rein gar nichts mit Mephedron zu tun. Besser erst informieren anstatt Desinformation und Angst zu verbreiten. Lächerlich der Artikel!

  • Hilti am 19.07.2011 17:48 Report Diesen Beitrag melden

    Also Bitte

    Das problem ist ja wohl nicht, dass dieses "Badesalz" legal ist, sondern, dass die richtig guten Drogen, die man beinahe nebenwirkungslos konsumieren kann, wie Cannabis, MDMA oder LSD illegal sind. Die Leute weichen dann auf irendwelche üblen Designerdrogen aus, die kurzzeitig Legal erhältlich sind, bevor sie unter öffentlichem Entsetzen darüber, wie schlecht doch Drogen im allgemeinen sind, verboten werden. Es war noch nie eine Substanz das Problem sondern der Umgang damit. Also: Alle drogen legalisieren! Jetzt! Dann kommt auch niemand mehr auf die idee "Badesalz" zu konsumieren.

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  • Theo am 19.07.2011 20:35 Report Diesen Beitrag melden

    Schaut den Bericht von ABC

    Das Youtube Video ist die Zeit auf jedenfall wert. Erschreckend dieses Zeug, hoffe das findet den Weg nicht zu uns.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Kerstin Blasius am 28.06.2012 19:39 Report Diesen Beitrag melden

    Reform des BtmG notwendig

    Dank des deutschen BtmG sind berauschende Substanzen mit einer hohen/ungewissen gesundheitsschädigenden Wirkung legal und das vergleichsweise "gesündere" Cannabis ist illegal. Derjenige der auf Alkohol, Zigaretten, Kaffee, Zucker und Glücksspiel zurückgreift ist in der deutschen Gesellschaft bestens aufgehoben. Derjenige der in Deutschland Cannabis raucht muss mit schweren Strafen rechnen.

  • Anna am 08.06.2012 08:06 Report Diesen Beitrag melden

    Gesunder Menschenverstand

    Es wird immer Menschen geben, die sich, bevorzugt, mit günstigen und einfach zu besorgenden "Drogen" zudröhnen wollen. Bitte schön. Solange sie nur sich selbst schaden. Bitte schön. Nur wenn dann die Kosten die Allgemeinheit oder diese auch noch andere Schäden zu tragen hat, geht dies zuweit. Ich bin klar dafür, dass endlich Massnahmen ergriffen werden, die den Grossteil der Bevölkerung schützt und belohnt, die ohne Drogen (legal oder ilegal) auskommt, gesunden Menschenverstand walten lässt und vor allem weiss, was die eigene Gesundheit wert ist. In dem Sinne, schönes Wochenende!

  • Tommy am 07.06.2012 16:16 Report Diesen Beitrag melden

    glaubwürdig?

    Da ich weiss, wie daneben die US-Behörden in Sachen Drogen oft liegen (ich kenne persönlich nur Gras, aber vom Hörensagen scheinen die auch sonst öfters völligen Schwachsinn zu erzählen) weiss ich nicht ob ich dem wirklich glauben soll. Es ist sicher krasses Zeug und ich würde es nie im Leben anrühren, aber die Behörden übertreiben sicher auch masslos und führen alles mögliche auf die bösen Drogen zurück, statt mal ihre Gesellschaft zu hinterfragen.

  • Ti Bo am 07.06.2012 16:15 Report Diesen Beitrag melden

    Keine Drogen?

    Was sind Drogen? Gemäss Definition Substanzen, die irgendwo im Körper irgendwas bewirken. Zum Beispiel Meph, Cannabis, Nikotin, Ethanol (AKA Alk), Koffein. Sogar im Kakao sind verschiedene psychoaktive Substanzen enthalten. Nicht vergessen werden sollten hier auch Adrenalin, Endorphin oder Seratonin, die der menschliche Körper selbst herstellen kann.

  • Silvio Foiera am 21.07.2011 16:33 Report Diesen Beitrag melden

    Hinkender Vergleich

    Während Tauchen langfristig kaum Schäden verursacht, sondern im Gegenteil, den Körper stählt, würde ich diese Aussage für Psychedelika nicht unterschreiben.

    • Ti Bo am 07.06.2012 16:22 Report Diesen Beitrag melden

      Naja..

      Beim Tauchen schüttet aber der Körper ganz viel eigene Drogen aus. Somit geht der Mensch vielleicht auch genau darum tauchen, weil er diese Substanzen will. Ich gehe (auch) deswegen Downhill Skateboarden, weil mein Körper bei einer schön geslideten Hairpin irgendwelche Drogen ausschüttet.

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