Fall Kampusch - Teil 4

17. Februar 2012 07:30; Akt: 11.04.2012 14:29 Print

Natascha hauste längst nicht mehr im VerliesNatascha hauste längst nicht mehr im Verlies

von K. Leuthold/F. Burch - Natascha Kampusch verbrachte laut eigenen Aussagen 3096 Nächte im Keller. Die Polizei jedoch geht davon aus, dass sie sich im Haus frei bewegen konnte.

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In den Tagen nach Natascha Kampuschs Flucht untersucht ein spezielles Team das Haus von Wolfgang Priklopil. Eine erste einfache Skizze hilft den Ermittlern, das komplizierte Kellersystem zu verstehen. Im , drei Jahre nach der Flucht, wird das Verlies noch einmal gründlich untersucht. Vor allem die tiefe Montagegrube interessiert die Experten. Die werfen ebenfalls Fragen auf. Besonders brisant: Das Verlies wird von den Spezialisten als beschrieben. Überrascht waren die Ermittler von der Tatsache, dass die schwere Tür zum Verlies von innen verschliessbar war. Auf der Aussenseite der Türe war kein Griff angebracht. Im schildert Johann Rzeszut, ehemaliger Präsident des Obersten Gerichtshofs in Wien, in einem Schreiben ans Parlament, dass dieser Umstand ein weiterer Grund sei, den Fall Kampusch neu untersuchen zu lassen. Tatsächlich soll Kampusch im Kellerverlies gehaust haben: Auf den ersten Fotos des Tatorts sehen die Polizisten Damen-Hausschuhe stehen, die kaum der Mutter des Täters gehört haben. Allgemein sind im Haus, in welchem angeblich ein alleinstehender Mann wohnt, zu finden. Im Gang hängt ein «gehäkeltes Täschchen» mit Binden. In einem Koffer finden die Ermittler . Aufgrund der Grösse wird bezweifelt, dass die Kleider Frau Priklopil gehört haben - zumal diese nicht im Haus ihres Sohnes wohnte. In Priklopils Schlafzimmer werden gefunden. Auch , die im Haus gefunden wurden, gehörten wohl kaum der 64-jährigen Waltraud Priklopil. Natascha Kampusch gibt während ihrer ersten ärtzlichen Kontrolle nach der Flucht zu, dass sie beim Entführer habe. Sie habe zudem Kontakt zu den Nachbarn gehabt. In einer weiteren Einvernahme am sagte sie, dass sie jeweils das Haus putzen musste, bevor Priklopils Mutter zu Besuch kam. Im Laufe verschiedener Vernehmungen im Jahr 2006 berichtet die Entführte über und Situationen ausserhalb ihres Verlieses. Sie erwähnt mehrere , ... ... darunter ... ... und ins . Mit Priklopil besucht sie - und mehrere seiner Wohnungen. Sechs Monate vor ihrer Flucht, durfte sie mit dem Entführer ein besuchen. Priklopil soll verschiedene Möglichkeiten geprüft haben, um Kampusch in der Öffentlichkeit zu zeigen, sagte das Mädchen im . Das Paar soll im Winter 2006 sogar in eine geraten sein. Die Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen, liess Kampusch allerdings verstreichen. Ihr «Augenrollen» wurde beim Polizisten nicht erkannt. hätten. Bereits im Jahr 2004 soll Kampusch mit dem Entführer unternommen haben.

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Die Bilder gingen um die Welt. Ein fensterloser Raum, der enger fast nicht sein könnte. Das Kellerverlies, in dem Natascha Kampusch acht Jahre gelebt haben soll und unmenschliche Qualen und Ängste ausgehalten haben muss.

Die Menschen rund um den Globus warteten gespannt auf den ersten Auftritt des Opfers. Wie wird sie reden, wie ist ihr körperlicher Zustand nach acht Jahren in Enge und Dunkelheit? Dann die Bombe. Bereits zwei Wochen nach der Flucht vom 23. August 2006 gibt sie ihr erstes Interview am Fernsehen. Der ORF-Moderator macht vor dem Gespräch darauf aufmerksam, dass Natascha Kampusch ihre Augen, die immer noch extrem lichtempfindlich seien, für längere Zeit immer wieder schliessen müsse. Dies tut sie dann auch während des Interviews. Die Zuschauer waren überrascht, dass sie überhaupt reden konnte.

Bei weiteren Medienauftritten beschrieb Kampusch später, wie sie im Verlies ihr Tag-Nacht-Gefühl verlor, wie sie das Geräusch des Ventilators fast wahnsinnig gemacht habe, wie sie im Keller stets gehofft habe, dass die Polizei sie irgendwann finden würde. In ihrem Buch schreibt sie, der Raum sei für 3096 Nächte ihr Rückzugsraum und Gefängnis zugleich gewesen.

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(Video: 20 Minuten Online)

«Kampusch nutzte mehrere Fluchtmöglichkeiten nicht»

Die Polizeiakten erzählen jedoch eine andere Geschichte (siehe Bildstrecke, Dok. 14): Kampusch selber erklärte nach der Flucht, sie habe die erste Zeit im Verlies bleiben müssen. Dann habe ihr der Entführer Wolfgang Priklopil aber erlaubt, sich im Haus und im Garten aufzuhalten. Bei Gartenarbeiten wurde sie von Nachbarn gesehen. Priklopil und Kampusch machten gemeinsame Ausflüge, sie gingen gar gemeinsam Ski fahren (Bildstrecke, Dok. 17,18,19,20,21).

Der österreichische Abgeordnete Werner Amon, Leiter des Unterausschusses, welcher aktuell den Fall Kampusch durchleuchtet, sagt gegenüber 20 Minuten Online: «Zweifelsohne ist es so, dass sich Natascha Kampusch nicht über die gesamte Zeit ihrer Abhängigkeit hinweg im Verlies aufhalten musste, sondern mit Wolfgang Priklopil vielfach an anderen Orten unterwegs war. Das ist ein Faktum.» (Video)

«...kann nicht als bewohnter Raum angesehen werden»

Wie lange war Kampusch also tatsächlich im Verlies? Ein Polizeibericht besagt, dass der Raum im Keller schon längere Zeit vor Kampuschs Flucht nicht mehr bewohnt war. In einem Aktenvermerk des Landespolizeikommandos vom 4. August 2009 steht: «Im Raum 0 (womit das Verlies gemeint ist, Anm. d. Red.) fällt auf, dass er so, wie er aufgefunden wurde, wohl nicht als bewohnter Raum angesehen werden kann.» (siehe Bildstrecke, Dok. 5) Dafür würden einige Merkmale sprechen:

«1. Der einzige Sessel ist hoch mit Gegenständen belegt, es gibt keine freie Fläche, auf der etwa ein Buch aufgelegt werden kann.
2. Es finden sich keine Lebensmittel.
3. Auf dem WC-Deckel stehen Reinigungsmittel und andere Gegenstände.
4. Es herrscht grosse Unordnung (im Gegensatz zu den anderen Räumen).»

Ein Ermittler, der anonym bleiben will, fügt an: «Das Verlies war schlicht unbewohnbar, ausserdem fand man bei Kampusch gleich nach der Flucht keine Anzeichen dafür, dass sie in diesem Raum gewohnt hatte.» Ihre Haare und Kleider hätten frisch gewirkt. «Hätte sie wirklich im Verlies gewohnt, hätte man es riechen müssen.» In einem Polizeivideo ist zudem klar ersichtlich, dass die schwere Türe zum Verlies nur von innen verschliessbar war (siehe Video). Johann Rzeszut, ehemaliger Präsident des Obersten Gerichtshofs in Wien, schreibt in einer Akte von «der Tür des so genannten Verlieses mit einer gewindeabhängigen Sperreinrichtung, die ohne Mithilfe von der Innenseite (Gegendruck) nicht komplikationsfrei (bloss zufallsabhängig) abgeschlossen werden konnte». Mit anderen Worten: Kampusch musste wohl mit Hand anlegen, wenn sie ins Verlies gesperrt wurde, zum Beispiel, wenn Priklopils Mutter Waltraud zu Besuch war.

Sie durfte in seinem Bett schlafen

Die Polizei hält im Aktenvermerk vom 4. August 2009 zudem fest, dass das Schlafzimmer im Obergeschoss eventuell der hauptsächliche Aufenthaltsort von Natascha Kampusch war - zumindest zuletzt (siehe Bildstrecke, Dok. 12). Im Raum wurden vier BHs gefunden – einer davon trägerlos, was laut der Polizei nicht auf die Verwendung durch eine älteren Dame hindeutet (wie etwa Priklopils Mutter, Anm. d. Red.). Gestützt wird die These durch den Bericht, in welchem vermerkt ist: «Auch durfte sie in den letzten Jahren in seinem Bett schlafen» (siehe Bildstrecke, Dok. 14). In einem Abstellraum im Obergeschoss fanden die Beamten zudem eine Reisetasche mit Damenbekleidung. Darin befand sich neben einer Zahnbürste gar ein Bikini. Die Polizei schreibt: «Es dürfte sich um die Bekleidung der Natascha Kampusch gehandelt haben» (siehe Bildstrecke, Dok. 11).

Warum erzählt Natascha Kampusch – zum Beispiel in ihrem Buch – eine Version, die so nicht stimmen dürfte? Warum wurde nach ihrer Flucht ein Bild von einer Frau gezeichnet, die den Keller quasi nie verlassen konnte und immer dort geschlafen haben soll? Kampusch ist ein Opfer und ihr kann nicht vorgeworfen werden, wie sie ihr erzwungenes Leben mit Priklopil arrangiert hat. Aber: «Man muss sich die Frage stellen, wer ein Interesse daran hat, dass die gesamte Geschichte des Falles Kampusch so dargestellt wird, wie sie dargestellt wurde», sagt Abgeordneter Amon. «Das ist eine der wichtigsten Fragen, die wir uns zu stellen haben.»

Natascha Kampusch wollte keine Stellung zum Fall nehmen. Wolfgang Brunner, der ihre medialen Aktivitäten koordiniert, schrieb 20 Minuten Online: «Frau Kampusch gibt derzeit keine Interviews. Sie hat sich in hunderten Interviews zum Hergang ihrer Entführung geäussert, ebenso handelt ihre Biografie davon.»

Video: Mathieu Gilliand/20 Minuten Online (Mitarbeit: Guido Grandt, Udo Schulze)

Lesen Sie am Montag Teil 5: «Ernst H. - der Freund, der von nichts wissen will»

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  • dave am 19.02.2012 18:17 Report Diesen Beitrag melden

    kam mir damals schon komisch vor...

    ich hatte schon damals das Gefühl dass etwas an der Sache faul ist, nur wäre es sehr taktlos gewesen dies damals schon zu sagen

  • S. Schmidt am 19.02.2012 17:09 Report Diesen Beitrag melden

    Es ist nicht unsere Aufgabe...

    Ich glaube vor allem, dass es Ihr und der Familie nicht gut tut den Fall noch einmal aufzurollen. Es ist schlichtweg nicht unsere Aufgabe jedes Detail zu verstehen, verständlich zu machen und über Natascha Kampusch und Ihre Situation zu richten. Richten wir unsere Energie auf Dinge, die wir ändern können und die Werte schaffen und lassen wir sie in Frieden.

  • Fritz Steiner am 19.02.2012 09:41 Report Diesen Beitrag melden

    Fantasiegebilde

    Ich frage mich schon, ob das Ganze nicht einer zu regen Fantasie entspringt. Eigentlich ist alles voller Widersprüche. Mit acht Jahren soll sie eingelocht worden sein, hatte ebensolange keine Schulbildung und ist jetzt fähig, ein Buch zu schreiben. Fluchtmöglichkeiten hätte sie genug gehabt. Für mich ist diese Geschichte einfach unglaubwürdig.