Genfer Nahost-Initiative

23. November 2011 11:24; Akt: 23.11.2011 12:48 Print

«Und plötzlich wird es Frieden geben»«Und plötzlich wird es Frieden geben»

von Kian Ramezani - Die Bedingungen für ein Friedensabkommen zwischen Israel und den Palästinensern sind nicht gut. Dennoch ist es unausweichlich, sagt Politveteran Jossi Beilin im Interview.

storybild

Jossi Beilin am 22. November 2011 an der Konferenz «Genfer Initiative 2.0» an der Universität Genf. (Bild: Keystone/Salvatore di Nolfi)

  • Artikel per Mail weiterempfehlen
Zum Thema
Fehler gesehen?
Fehler beheben!
Senden

Unter Leitung des EDA sind am Dienstag die Initianten der sogenannten Genfer Initiative, eines virtuellen Abkommens zur Beilegung des Nahostkonflikts, in Genf zu Gesprächen zusammengekommen. 20 Minuten Online sprach am Rand mit dem Leiter der israelischen Delegation, Jossi Beilin.

Die Genfer Initiative wurde vor acht Jahren lanciert, aber nie umgesetzt. Was bezwecken Sie mit der Neuauflage?
Jossi Beilin: Die Genfer Initiative als umfassender Friedensplan ist heute konkurrenzlos. Sie diente bereits 2008 als Grundlage für die Verhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern. Mahmud Abbas ist offenbar zu einem Friedensschluss auf ihrer Basis bereit, aber durch den Streit mit der Hamas handlungsunfähig. Der Regierung unter Benjamin Netanjahu fehlt es hingegen am Willen.

Um dies festzustellen, sind Sie kaum nach Genf gereist.
Es geht nicht nur um den Referenzcharakter der Initiative, sondern auch um die Weiterführung der Aufklärungsarbeit. Wir informieren an Schulen, Universitäten und Bürgerversammlungen und haben zu diesem Zweck Büros in Ramallah und Tel Aviv eröffnet. Wir müssen darüber hinaus über ein grundsätzliches Dilemma diskutieren: Begnügen wir uns damit, einen detaillierten Friedensplan mit einem Anhang von 500 Seiten zu erarbeiten oder versuchen wir auch, Lösungen für die momentan festgefahrene Situation zu finden?

Die grossen Linien eines Friedensabkommens sind bekannt, egal ob man sie Clinton-Parameter oder Genfer Initiative nennt. Liegt der Teufel im Detail oder gibt es ein fundamentales Problem mit der Zweistaaten-Lösung?
Das Problem war immer die fehlende Bereitschaft, den Preis für Frieden zu bezahlen. Netanjahu hat genau verstanden, welchen Preis Israel zahlen müsste. Er will ihn nicht bezahlen. Das passt mir zwar nicht, aber seine Regierung wurde von der Bevölkerung gewählt und ist daher legitimiert, diese Haltung zu vertreten.

Die Bevölkerung ist schuld?
65 Prozent auf beiden Seiten sind für eine Zweistaaten-Lösung. Das heisst aber nicht, dass sie automatisch jene Parteien wählen, die eine solche herbeiführen wollen. Die Hamas wurde demokratisch gewählt, aber nicht weil sie Israel nicht anerkennt, sondern aus Frustration gegenüber der Fatah. In Israel wählten 2009 viele Likud, obwohl sie Frieden wollen. Ein Friedensabkommen ist offensichtlich nicht die einzige Sorge der Wähler.

Sie waren selbst lange Abgeordneter der Arbeiterpartei, die nur noch die viertstärkste Fraktion in der Knesset stellt. Ist Israels Linke am Ende?
Israel ist ziemlich genau zweigeteilt. Manchmal hat Mitte-Rechts eine Mehrheit, so wie jetzt. Manchmal Mitte-Links, so wie vorher. In den letzten Wahlen 2009 hat die Linke Kadima gewählt, das heisst aber nicht, dass sie sich in Luft aufgelöst hat. Die Arbeiterpartei wird wieder erstarken. Die Frage ist allerdings, wofür sie in Zukunft stehen wird. Wir wissen es nicht.

Sind Israel und die Palästinenser heute weiter denn je vom Frieden entfernt?
Ganz und gar nicht. Die Gewalt ist dramatisch gesunken. Am weitesten waren wir vom Frieden wohl bei Ausbruch der zweiten Intifada 2000 entfernt. Das war Krieg. Wir hatten es nicht mit Extremisten wie der Hamas, sondern mit einer breit abgestützten Widerstandsbewegung zu tun. Heute können wir sagen, dass die palästinensische Führung gemässigt ist. Es gibt Kooperationen im Sicherheitsbereich wie nie zuvor. Aber eben: Die palästinensische Führung ist derzeit nicht fähig und die israelische nicht willens, ein umfassendes Friedensabkommen abzuschliessen.

Und daran wird sich so schnell auch nichts ändern.
Wer weiss das schon. Es könnte in Israel innert Monaten zu vorgezogenen Neuwahlen kommen. Vielleicht wird jemand Premierminister, der den Frieden zur Chefsache macht – wie Ehud Olmert, der uns damit alle überraschte. Und plötzlich wird es Frieden geben. Die Menschen sind bereit. Sie glauben nicht daran, dass es so weit kommen wird, aber sie sind bereit, den nötigen Preis zu bezahlen. Sogar die Teilung Jerusalems, was vor ein paar Jahren undenkbar gewesen wäre.

Woher rührt dieses Umdenken?
Ich weiss nicht, ob es das Verdienst der Genfer Initiative ist oder einfach der Lauf der Dinge. Es ist letztlich auch egal. Die Menschen in Israel sind heute zu substantiellen Zugeständnissen bereit, früher waren sie es nicht.

Dann ist alles nur eine Frage der Zeit?
Im Prinzip ja. Das Problem ist, dass wir nicht wissen, was in der Zwischenzeit alles passiert. Die Palästinenser sind frustriert, sie gehen vor die UNO, sie versuchen sich mit der Hamas zu versöhnen, weil sie nicht wissen, was sie sonst noch tun sollen. Dafür habe ich Verständnis.

Auch in Israel steigt die Frustration, wenn auch nicht über den festgefahrenen Friedensprozess.
Ja, aber für die Palästinenser ist es schwieriger. Sie leben unter Besatzung. Für die Israelis ist dies kein dringendes Problem. Der Durchschnittsisraeli hätte gerne Frieden und stört sich auch am schlechten Ansehen Israels in der Welt. Doch damit er auf die Strasse geht, braucht es einen echten Anstoss.

Was könnte ein solcher Anstoss sein?
Die Proteste gegen steigende Lebensmittelpreise und unbezahlbare Mieten haben eine Million Israelis auf die Strasse gebracht. Das würde der Konflikt mit den Palästinensern nie schaffen – es sei denn, es passiert etwas völlig Unerwartetes. In Tunesien war es der Tod des Gemüsehandlers Mohamed Bouazizi. Der Auslöser für die erste Intifada 1987 war ein Autounfall im Gazastreifen, bei dem vier Personen ums Leben kamen. Momentan ist alles im Fluss, vieles ist denkbar.

Könnte der Arabische Frühling zum Auslöser werden?
Das glaube ich nicht. Die aktuellen Veränderungen in der Region verunsichern viele Israelis unabhängig von ihrer politischen Couleur. Das heisst nicht, dass sie diese Diktatoren mochten, aber sie hatten sich an sie gewöhnt...

...den Teufel, den wir kennen...
Ja, und jetzt kennen wir ihn nicht mehr. Die Muslimbrüder in Ägypten, der Beinahe-Lynchmord unseres Botschafters in Kairo, das beobachten die Menschen mit Sorge. Wir haben keine Allianz mit den Bösen, aber diese Leute waren eben da. Wir haben mit ihnen verhandelt, Frieden geschlossen – oder Krieg geführt, und selbst dann gelang es uns, einen Waffenstillstand auszuhandeln. Es ist einfach zu sagen, wie wichtig die Demokratie im arabischen Raum ist und dass sie langfristig in unserem Interesse ist.

Ist sie das?
Sicher. Aber es sind noch keine Demokratien. Und die Muslimbrüder werden wenig überraschend überall gewinnen, was weder für diese Länder noch für Israel eine gute Nachricht ist. Auch wenn die Menschen verstehen, dass es längerfristig besser ist, von Demokratien als von Diktaturen umgeben zu sein, macht die Ungewissheit zunächst Angst.

Auch über die Absichten des Iran gegenüber Israel besteht Ungewissheit. Fürchten Sie sich zu Hause in Tel Aviv vor der iranischen Atombombe?
Nein. Ich glaube nicht, dass für mich eine unmittelbare Gefahr besteht – vielleicht im Unterschied zu Netanjahu. Auf der anderen Seite steht ausser Frage, dass wenn Leute wie Mahmud Ahmadinedschad eine solche Waffe hätten, das eine sehr unangenehme Situation wäre.

Inwiefern unangenehm und für wen?
Es würde das Gleichgewicht der Kräfte im Nahen Osten verändern. Sollte der Iran dereinst über eine Atombombe verfügen, wird das Gruppen wie Hamas und Hisbollah stärken und gemässigte Kräfte wie Mahmud Abbas und König Abdullah von Jordanien schwächen. Jene, die mit dem Gedanken spielen, mit Israel Frieden zu schliessen, könnten es sich anders überlegen. Das ist für uns sehr, sehr problematisch. Trotzdem glaube ich nicht, dass von einem atomaren Iran eine direkte, physische Bedrohung für Israel ausgeht.

Verteidigungsminister Ehud Barak sagte kürzlich, das iranische Atomprogramm müsse im Zusammenhang mit seinen Nachbarn gesehen werden. Sehen sie das auch so?
Auf jeden Fall. Schon der Schah wollte die Atombombe. Manchmal war der Irak das Hauptziel, ein anders Mal Saudi-Arabien. Was Barak damit meinte, ist Folgendes: Das ist nicht primär Israels Problem, denn Iran wird nicht Jerusalem oder Tel Aviv bombardieren. Wenn ein Land wie Iran Atommacht wird, ist das ein Problem für die ganze Welt.

20min Login Facebook Connect
Fragen und Antworten rund um die Kommentar-Funktion
«Warum dauert es manchmal so lange, bis mein Kommentar sichtbar wird?»

Unsere Leser kommentieren fleissig - durchschnittlich gehen Tag für Tag 4000 Meinungen zu allen möglichen Themen ein. Da die Verantwortung für alle Inhalte auf der Website bei der Redaktion liegt, werden die Beiträge vorab gesichtet. Das dauert manchmal eben einige Zeit.

«Gibt es eine Möglichkeit, dass mein Beitrag schneller veröffentlicht wird?»

Wer sich auf 20 Minuten Online einen Account zulegt und als eingeloggter User einen Beitrag schreibt oder auf einen Kommentar antwortet, der wird vorrangig behandelt. Hat ein eingeloggter User bereits viele Kommentare verfasst, die freigegeben wurden, so werden seine neuen Beiträge mit oberster Priorität behandelt.

«Warum wurde mein Kommentar gelöscht?»

Womöglich wurde der Beitrag in Dialekt verfasst. Damit alle deutschsprachigen Leser den Kommentar verstehen, ist Hochdeutsch bei uns Pflicht. Sofort gelöscht werden Beiträge, die Beleidigungen, Verleumdungen oder Diffamierungen enthalten. Auch Kommentare, die aufgrund mangelnder Orthografie quasi unlesbar sind, werden das Licht der Öffentlichkeit nie erblicken. (oku)

Haben Sie allgemeine Fragen zur Kommentarfunktion?

Schreiben Sie an feedback@20minuten.ch
Hinweis: Wir beantworten keine Fragen, die sich auf einzelne Kommentare beziehen.

  • chrigi am 24.11.2011 17:03 Report Diesen Beitrag melden

    festgefahrene Situation

    Frieden wirds dort nicht so schnell geben, die Rahmenbedingungen dafür sind schlicht nicht gegeben. Dazu bräuchte es nähmlich eine Veränderung in der Mentalität. Denn selbst wenn beide Seiten Zugeständnisse machen und kurzzeitig Frieden schliessen, ist der Konflikt nicht beendet bis der Wille dazu verschwunden ist. Und das hängt auch mit der Religion zusammen, ist rein politisch also nicht lösbar. Meistens werden solche Konflikte mit Krieg "gelöst" und/oder verschwinden über die Zeit automatisch, da sich das Umfeld ändert. Im Nahost scheint beides nicht einzutreffen.

  • Peter Imhof am 24.11.2011 14:52 Report Diesen Beitrag melden

    Wer verhält sie wie?

    Wie verhält sich Israel denn seit Staatsgründung 1948? Wer hat das Land aktzeptiert u. wer nicht? Wer wurde von 5 Armeen angegriffen mit dem Ziel die Juden zu vernichten? Israel muss sich mehr als jedes andere Land dieser Erde gegen Angriffe fanatischer Terroristen verteidigen. Israel gab für Frieden den Sinai u. den Gazastreifen ab, was haben sie dafür erhalten? Israel wurde vor 67 angegriffen, ohne die "besetzten" Gebiete. Würden die Araber Israel anerkennen u. die Waffen niederlegen gäbe es schon morgen Frieden. Würde Israel die Waffen niederlegen gäbe es morgen kein Israel mehr.

    • Hans Solo am 24.11.2011 17:08 Report Diesen Beitrag melden

      Sie verhält wie Orthographie!

      Dass Israel die Aufteilung des Gebietes mit dem Löwenanteil für sich selbst weitgehend akzeptiert ist der Nation sicher hoch anzurechnen. Im Licht dieser Geste kann man auch über Abweichungen von dieser edelmütigen Position, technische Nebensachen wie Besetzung und Abschottung der Autonomiegebiete, hinwegsehen, wie auch die Zersiedelung und Zerstückelung des Westjordanlandes ob dieser grossen Gnade Israels zum reinen Detail wird.

    • Stevie Wonder am 25.11.2011 06:29 Report Diesen Beitrag melden

      Araber wollen alles!

      @Hans Solo: Ihr ironischer Kommentar entspringt letzten Endes einer seit Jahrzehnten von den Medien gepflegten Verdrehung und Verschleierung der Tatsachen. Fakt ist nämlich, dass die Araber schon vor 1947, konkret 1923, 80% des damaligen Mandatsgebietes zugesprochen bekamen. Daraus entstand dann das heutige Jordanien. Sie waren damit aber nicht zufrieden, sondern wollten mehr und verlangten, dass man 1947 auch die restlichen 20% noch aufteilt. Israel willigte (wieder) ein, die Araber nicht. Sie wollten und wollen immer noch mehr. Eigentlich wollen sie ALLES. Das ist das eigentliche Problem.

    • Peter Imhof am 25.11.2011 08:52 Report Diesen Beitrag melden

      Juden siedeln auf jüdischem Land!

      Israel hat 1948 ein viel kleineres Gebiet aktzeptiert als das welches den Arabern ("Palästinenser) zugesprochen worden ist. Doch die Araber wollten selbst dieses Gebiet nicht den Juden überlassen und griffen das kleine Land an. Das meiste Land wurde von den Juden gekauft, schlechtes Sumpfland zu einem horrenden Preis. Die Arbaber haben mehrmals das Land angegriffen um eszu vernichten, zum Glück immer ohne Erfolg. Das war lange bevor es die "besetzten" Gebiete überhaupt gab. Das sog. Westjordanland, eigentlich Judäa und Samaria genannt, war nie ein Staatsgebiet Namens Palästina.

    • Paul Buchegger am 26.11.2011 15:56 Report Diesen Beitrag melden

      @Peter Imhof : Replik Teil 1

      Mein Gott,sind Sie ein Geschichtsklitterer,dass sich die Balken biegen.Noch selten habe ich etwas Einseitigeres gelesen.Wenn man ganz weit zurück gehen wollte,könnte man ja auch argumentieren,das Hirtenvolk der Israeliten sei vom Osten nach Kanaan ins Land der Philister (daher stammt der spätere Namen Palästina [arabisch Filastin]) eingebrochen und habe diesen das Land streitig gemacht.Vor dem UNO-Teilungsplan (1947) war das Gebiet westl. des Jordans brit. Mandatsgebiet namens Palestine.Die Araber waren mit dem von den Kolonialherren inspirierten Teilungsplan nicht einverstanden.

    • Stevie Wonder am 27.11.2011 08:27 Report Diesen Beitrag melden

      Palästinenser sind keine Philister

      @Peter Imhof: Die Palästinenser sind aber herkuntsmässig keine Nachkommen der Philister, sondern schlicht und ergreifend Arber. Der Name täuscht (womöglich absichtlich) über die wahre Herkunft hinweg. So viel zur Geschichtsklitterung der heutigen Medien.

    einklappen einklappen
  • H. Vetsch am 24.11.2011 12:45 Report Diesen Beitrag melden

    Friede unrealistisch....

    Ein Friede ist nicht möglich, solange Staaten wie USA, EU, Schweiz etc, Israel unterstützen, statt mächtig und massiv Druck zu machen und die Palästinenser in jeder Hinsicht, Militärisch und Finanziel unterstützen!

    • Stevie Wonder am 25.11.2011 05:38 Report Diesen Beitrag melden

      Unser eigener Untergang ...

      Würden wir den Palästinensern - und so indirekt der Hamas - militärisch helfen und Israel fallen lassen, wäre dies unser eigener Untergang. Früher oder später. Frieden kann es nur MIT Israel geben, nicht ohne.

    einklappen einklappen