Chodorkowski

17. August 2012 10:51; Akt: 17.08.2012 14:30 Print

«Putin will ihnen eine Lektion erteilen»

Russlands bekanntester Gefangener, Michail Chodorkowski, wirft Wladimir Putin vor, den Pussy-Riot-Prozess zu missbrauchen. Das Gericht bestätige ein Urteil, das anderswo geschrieben wurde.

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Am zu besprechen. : Pussy-Riot-Mitglied Nadescha Tolokonnikowa darf das Gefängnis verlassen. Kaum in Freheit fordert sie ein «Russland ohne Putin». Nadescha Tolokonnikowa zeigt sich in Siegerpose. Kurz davor war bereits Maria Aljochina freigelassen worden. Ein Amnestie-Gesetz ermöglichte ihre Freilassung. Im Hintergrund steht ihr Anwalt Piotr Saikin. In diesem Gefängnis in Nischni Nowgorod sass Aljochina ein. Die 23-jährige Aktivistin und Mutter tritt aus Protest gegen die «unmenschlichen Haftbedingungen» in den Hungerstreik. Tolokonnikowa war in diesem Gefängnis in Krasnojarsk eingesperrt. : Das höchste Moskauer Gericht bestätigt das Urteil gegen die beiden Inhaftierten Pussy-Riot-Mitglieder und wirft Vorwürfe eines politischen Prozesses zurück. «Sie sind keine politischen Häftlinge, sondern einfach nur Rowdys», heisst es. Maria Aljochina, die eine Woche zuvor in den Hungerstreik getreten war, da man sie von ihrer eigenen Bewährungsanhörung ausgeschlossen hatte, wurde in ein Spital eingeliefert. Wende im Prozess gegen drei Mitglieder der russischen Punkband Pussy Riot. Eine der drei verurteilten Frauen, Jekatarina Samuzewitsch, wird im Berufungsverfahren freigesprochen. Die Anwältin von Samuzewitsch sagte vor Gericht, die Aktion habe ohne ihre Mandantin stattgefunden. Samuzewitsch sei bereits wenige Sekunden, nachdem sie die Kirche betreten hatte, festgenommen worden. Als mehrere Pussy-Riot-Künstlerinnen ihr «Punkgebet» aufgeführt hätten, habe sich Samuzewitsch bereits ausserhalb der Kirche befunden. Die zwei anderen Frauen, Maria Alechina und Nadeschda Tolokonnikowa, müssten aber für zwei Jahre ins Gefängnis, teilte das Gericht am mit. Der Berufungsprozess gegen die zweijährige Haftstrafe für die drei Frauen wird fortgesetzt. Die Verteidigung befand das Urteil für falsch: Das Gericht habe in erster Instanz ignoriert, dass es sich um einen politischen und nicht um einen religiösen Protest gehandelt habe, sagte sie. Vor dem Gebäude demonstrierten Anhänger der Band. Die Polizei markierte Präsenz. Zwei Personen wurden festgenommen. Am 17. August 2012 werden die Mitglieder der Punkband Pussy Riot - Jekaterina Samuzewitsch, 30, Maria Aljochina, 24, und Nadeschda Tolokonnikowa, 23 (v.l.) - wegen Rowdytums «aus religiösem Hass» von einem Moskauer Gericht zu je zwei Jahren Straflager verurteilt. Putin kann nicht gnädig sein: Pussy Riot haben ein . «Machen Sie Witze? Natürlich nicht. Eher sollte er uns und Sie um Gnade bitten», schrieb Nadeschda Tolokonnikowa der regierungskritischen Zeitung «Nowaja Gaseta». An ein unanabhängiges Urteil glaubt die 22-Jährige nicht. «Das ist eine Illusion.» Die Anklage gegen die Musikerinnen hatte international Empörung ausgelöst. Auch am Tag der Urteilverküdung kam es vor dem Gerichtssaal in Moskau zu Tumulten und Verhaftungen. Bei den Protesten wurde laut Nachrichtenagentur Interfax der Oppositionsführer ) Bürgerrechtler aus aller Welt haben für den , Proteste gegen Prozess angekündigt. Amnesty International erkennt die drei Musikerinnnen als politische Gefangene an. statt: Der russische Staat und die orthodoxe Kirche gehen hart gegen drei Mitglieder der Punkband Pussy Riot vor. Nadeschda Tolokonnikowam, Maria Aljochina und Jekaterina Samutzewitsch (v.l.) am 8. August 2012 im Gerichtssaal. Bereits am Morgen des , stehen Sicherheitskräfte vor dem Gerichtsgebäude in Moskau präsent. Ebenfalls bereits am Vormittag werden die drei angeklagten Frauen ins Gericht gebracht, im Bild Maria Aljochina. Unterstützung erhalten die drei Pussy-Riot-Mitglieder von der ukrainischen Frauenrechtsbewegung Femen. Am 17. August 2012 fällen sie ein orthodoxes Kreuz, das als Zeichen für die Opfer politischer Repression errichtet worden war. Die für Pussy Riot typischen farbigen Sturmmasken auf einem sozialistischen Monument zu Ehren der sowjetischen Armee in der bulgarischen Hauptstadt Bereits in den Tagen vor der angekündigten Urteilseröffnung kommt es weltweit zu Protesten: Vor dem spanischen Aussenministerium in . Selbst in Südamerika protestierten Frauen gegen den Prozess. Zivile Polizisten verhaften Demonstrantinnen vor der russischen Botschaft in . Drei Demonstrantinnen mit den für Pussy Riot typischen Sturmmasken vor der russischen Botschaft in . Das Symbol von Pussy Riot - und inzwischen ein Symbol für den Protest gegen Putin: Farbige Sturmmasken bei einer Demonstration in am 14. August. Unterstützung für Pussy Riot auch in . Hart gingen die Sicherheitskräfte gegen Demonstranten in vor der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau, wo Pussy Riot Filmaufnahmen machte, die zur Anklage führten. Internationale Künstler solidarisierten sich mit den angeklagten Mitglieder der Frauenband. «Nadeschda rechnet nicht damit, dass Putin ihnen vergeben hat», sagt der Ehemann der angeklagten Nadeschda Tolokonnikowa (im Bild). Er konnte seine Frau nach Monaten erstmals Mitte August im Gefängnis besuchen. Tolokonnikowa gab sich am Rande des Prozesses kämpferisch - obwohl der Mutter einer vierjährigen Tochter mehrere Jahre Haft drohten. Die drei angeklagten Mitglieder der Putin-kritischen Punkband mussten sich während des Prozesses in einem Plexiglas-Häuschen im Gerichtssaal aufhalten. Den Prozess ausgelöst hatte ein lautloser Auftritt der Band in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale. Sie hatten dort Filmaufnahmen gemacht für das Putin-kritische Lied «Gottesmutter, vertreibe Putin». Internationale Bands setzten sich für die drei jungen Frauen ein. haben sich kritisch über die Gefangenschaft der Musikerinnen geäussert. Auch in Russland protestierten Prominente. Die russische Filmregisseurin Olga Darfy tauchte im Juni 2012 am Moskauer Filmfestival in einer Maske auf - eine Anspielung auf die typischen Sturmmasken von Pussy Riot. Ein Künstler hat sich dabei die Lippen zugenäht.

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Es ist ein Prozess, der international für Aufsehen sorgt. Gegen die Kreml-kritische russische Band Pussy Riot wurde am Freitag das Urteil verkündet. Die drei Musikerinnen hatten im Februar die Christ-Erlöser Kathedrale der russisch-orthodoxen Kirche gestürmt und in einer schrillen Aktion die Jungfrau Maria um Erlösung von Präsident Wladimir Putin angerufen. Seit März sitzen sie in Untersuchungshaft. Jetzt wurden sie für schuldig befunden. Sie werden wegen «Rowdytums aus religiösem Hass» verurteilt.

Nachdem sich in den letzten Wochen international bekannte Musiker wie die Red Hot Chili Peppers oder Madonna für die Freilassung von Pussy Riot eingesetzt haben, äusserte sich jetzt auch der prominenteste Gefangene Russlands, Michail Chodorkowski. In einem über Monate geführten Briefinterview mit der «Süddeutschen Zeitung» wirft er Russlands Präsident Wladimir Putin politische Verfolgung vor: «Das Ziel ist es, Kritikern des Regimes eine Lektion zu erteilen», sagt der 49-Jährige. Dass das Kommando von oben kommt, sei unbestreitbar. Er selbst hält im Fall Pussy Riot nur einen Freispruch für gerecht.

Putin verliert sein Ansehen

Chodorkowski war einst der reichste Mann Russlands, bis er in die Mühlen der russischen Justiz geriet. Wegen Betrugs, Veruntreuung, Steuerhinterziehung, Geldwäsche und Öldiebstahl war er in zwei umstrittenen Prozessen zu langjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Das Gericht hält er auch im Fall Pussy Riot nicht für unabhängig: Es werde «nur ein Urteil bestätigen, das anderswo aufgeschrieben wurde – in der Staatsanwaltschaft oder irgendeiner anderen staatlichen Instanz».

Putin wirft er Realitätsverlust vor. Sinkendes Ansehen versuche man mit Repression auszugleichen. Doch das gefährde das Ansehen des Staates nur weiter. Chodorkowski ist überzeugt, dass die Einschüchterung der Bevölkerung nicht das bewirke, was Putin wolle. Staat und Gesellschaft würden noch weiter auseinandertreiben. Der Staatsapparat bringe so «den Mechanismus des arabischen Frühlings in Bewegung, indem er die Menschen vor die Wahl stellt, sich mit dem Bestehenden abzufinden oder zu rebellieren».

Er gehe davon aus, dass Putin immer noch annehme, dass ihn die meisten Menschen in Russland unterstützen. «Aber das ist nicht mehr so.» Nur weil viele bislang keine Alternative zu Putin sehen, sei das noch keine Unterstützung. Chodorkowski ist überzeugt, dass in den nächsten drei bis fünf Jahren eine Opposition entstehen werde, wenn die Mittelklasse einen grösseren Teil der Bevölkerung in allen Grossstädten ausmache.

(ske)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Peter2106 am 17.08.2012 19:43 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht zu fassen

    Nicht zu fassen, wie sich hie eine ganze Menge User hinter die Dreien stellen. Nicht Begriffen?: Die haben gegen in Russland geltendes Recht verstossen und werden somit nach den Gesetzen Russlands behandelt. Wir würden es auch nicht dulden, wenn unsere Gotteshäuser durch solche Rowdies entehrt würden. Den Atheisten mag's freuen.

  • Ajten Serdin am 17.08.2012 17:15 Report Diesen Beitrag melden

    Nur weil es Russland ist...

    Ich frage mich ob die Leute und Celebrities auch kommentieren werden, wenn jemand die selbe in Vatikan oder in eine Sinanagoga macht...................

  • Saint Hilare am 17.08.2012 14:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Glaube ist Tabu!

    Man ist selber frei zu Glauben, was man will, aber mit dem Glauben anderer, sollte man nicht zum Markt gehen!

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • hgai am 18.08.2012 07:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ...

    die verdienen einen Orden

  • Peter2106 am 17.08.2012 19:43 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht zu fassen

    Nicht zu fassen, wie sich hie eine ganze Menge User hinter die Dreien stellen. Nicht Begriffen?: Die haben gegen in Russland geltendes Recht verstossen und werden somit nach den Gesetzen Russlands behandelt. Wir würden es auch nicht dulden, wenn unsere Gotteshäuser durch solche Rowdies entehrt würden. Den Atheisten mag's freuen.

  • Alexander Brot am 17.08.2012 19:13 Report Diesen Beitrag melden

    gehört bestraft

    Ich finde, man sollte auch nicht alles ungestraft machen können und bin der Meinung, dass es schon Rowdytum ist, wenn Personen in einer Kathedrale so einen Sch*** aufführen. Bestraft gehören sie allemal - aber ob das Strafmass (2 Jahre Strafarbeit) so stimmt, kann ich schlecht beurteilen.

  • Chiquis am 17.08.2012 18:57 Report Diesen Beitrag melden

    Russland - keine Demoktratie?

    Ich verstehe das Entsetzen,doch es ist eine reine mediale Aufbauschung uns sonst nichts besonderes. Schaut vor die eigene Haustür hier in der CH. Da werden Männer und Familienväter nachhaltiger durch Urteile geschädigt und dies teilweise nur aufgrund einer Verläumdung, ohne dass sie in Realität Schaden angerichtet haben. Ja, wir haben eine Demoktratie oder nicht?Setzt Euch aktiv für die Rechte ein, welche Euch direkt beeinflussen, danach reicht es auch für weiter...

  • P. Buchegger am 17.08.2012 17:17 Report Diesen Beitrag melden

    Pussy-Riot-Revolution

    Wie wäre es, wenn jetzt gegen Putin eine "Pussy-Riot- Revolution" losgetreten würde? Das heisst, wenn unzählige junge Gruppen im ganzen riesigen Russland das gleiche täten, was die drei Verurteilten taten, bis sämtliche Gefängnisse überquellen würden und so "Zar Putin I" vor der ganzen Welt der Lächerlichkeit preisgegeben würde?