Britischer Aussenminister

04. Oktober 2017 05:39; Akt: 04.10.2017 08:37 Print

«Zuerst müssen Leichen weggeräumt werden»

Der britische Aussenminister Boris Johnson sorgt mit einer Aussage über die libysche Küstenstadt Sirte für Empörung.

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«Das einzige, was sie noch machen müssen, ist die Leichen wegzuräumen»: Der britische Aussenminister Boris Johnson. (3. Oktober 2017) (Bild: Keystone/Facundo Arrizabalaga)

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Der britische Aussenminister Boris Johnson hat mit einer flapsigen Bemerkung über Tote in Libyen für Empörung gesorgt. Johnson sagte am Dienstag beim Parteitag der konservativen Tories in Manchester, Libyen könne zu einem attraktiven Ziel für Touristen und Investoren werden – vorher müssten in der Küstenstadt Sirte aber erst «die Leichen weggeräumt werden».

Johnson berichtete seinen Parteifreunden über einen Besuch in Libyen im August. Seinen Angaben zufolge sind britische Unternehmen daran interessiert, in Sirte zu investieren. Die Heimatstadt des langjährigen Machthabers Muammar al-Ghadhafi war bis zur Rückeroberung durch Regierungstruppen im Dezember das letzte grössere Gebiet in Libyen, das von der Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) kontrolliert worden war.

«Sie haben die grossartige Vorstellung, aus Sirte das nächste Dubai zu machen», sagte Johnson, der von weissen Stränden, dem «wunderschönen Meer» und «genialen jungen Leuten» schwärmte. «Das Einzige, was sie noch machen müssen, ist, die Leichen wegzuräumen», fügte Johnson hinzu.

Die Schatten-Aussenministerin der Labour-Partei, Emily Thornberry, kritisierte Johnson scharf. «Dass Boris Johnson diese Toten für einen Witz hält, für eine blosse Unannehmlichkeit, bevor britische Unternehmen die Stadt in einen Badeort verwandeln können, ist unglaublich krass, gefühllos und grausam», sagte Thornberry. Die Aussenexpertin der Liberaldemokraten, Jo Swinson, forderte Premierministerin Theresa May auf, Johnson zu feuern. Seine «krasse und unsensible Bemerkung» zeige erneut, dass er seiner Aufgabe nicht gewachsen sei.

Sonst gibt sich Johnson zahm

Nach den jüngsten Sticheleien gegen seine Regierungschefin hat sich der britische Aussenminister Boris Johnson auf dem Parteitag der Konservativen überraschend zahm zum Brexit-Kurs geäussert. Seine Rede war mit Spannung erwartet worden, nachdem er mit Kritik an Premierministerin Theresa May für Schlagzeilen gesorgt hatte.

Stattdessen attackierte er am Dienstag in Manchester Labour-Chef Jeremy Corbyn scharf. Der Oppositionsführer sei mit Blick auf den EU-Austritt Grossbritanniens noch pessimistischer als die Vertreter der EU am Verhandlungstisch in Brüssel. Der Brexit sei eine «demokratische Revolution, die wir in eine kulturelle und technologische Erneuerung verwandeln können», sagte Johnson unter grossem Beifall der Delegierten.

Noch wenige Tage zuvor hatte Johnson die Regierungschefin düpiert, als er in einem Zeitungsinterview «rote Linien» zu den Brexit-Verhandlungen vorgab. Britische Medien spekulierten, Johnson wolle May stürzen, doch in seiner Parteitagsrede gab er sich zahm und betonte, das Kabinett stehe geschlossen hinter Mays Brexit-Kurs.

Die Premierministerin wies unterdessen Forderungen nach einem Rausschmiss Johnsons in einem Interview mit dem Fernsehsender ITV zurück. Johnson sei zwar nicht unkündbar, sie wolle aber auch kein Kabinett von Ja-Sagern. Mays Rede wird am Mittwoch erwartet.

Bei Bürgerrechten Lösung in Sicht

Brexit-Minister David Davis lobte in seiner Parteitagsrede am Dienstag die Fortschritte bei den Brexit-Gesprächen. In der Frage der Rechte von EU-Bürgern in Grossbritannien und Briten in der EU sei sogar eine baldige Lösung in Sicht.

Aus Sicht des EU-Parlaments ist es aber noch zu früh für Gespräche über die künftigen Beziehungen mit Grossbritannien. Diese zweite Phase der Brexit-Verhandlungen sollte aufgeschoben werden, forderte eine breite Mehrheit der Europaabgeordneten am Dienstag in Strassburg.

Noch seien «keine ausreichenden Fortschritte» bei den Themen Bürgerrechte, Nordirland-Konflikt und den finanziellen Verpflichtungen Grossbritanniens erzielt worden, heisst es in der gebilligten Resolution. Das EU-Parlament muss einem Austrittsabkommen am Ende zustimmen.

Demonstrationen zum Auftakt

Der viertägige Parteitag der britischen Konservativen wurde zeitweise von Protesten begleitet. Zum Auftakt am Sonntag gingen etwa 30'000 Menschen gegen den Brexit und den Sparkurs der Regierung auf die Strasse.

Am Montag stürmten Demonstranten eine Veranstaltung mit dem erzkonservativen Abgeordneten Jacob Rees-Mogg, der als Liebling der Brexit-Anhänger gilt. Der gläubige Katholik, der sechs Kinder hat, lehnt Abtreibungen generell ab – auch nach Vergewaltigungen und bei Inzest. Er ist Klimaskeptiker, EU-Kritiker und hatte sich früher für einen Pakt mit der rechtspopulistischen Ukip ausgesprochen.

(chk/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Baselbieter am 04.10.2017 06:42 Report Diesen Beitrag melden

    Warum nicht?

    Ob sich Leute empören über seine Aussage ist egal, denn es was er sagte stimmt im Prinzip schon. Ich war in den 90er in Libyen und das Land war damals eine Reise wert: Schöne Städte und Küsten, römische Tempel und die eindrückliche Sahara. Wenn es General Haftar gelingt das ganze Land zu einen und die Islamisten zu vertreiben könnte Libyen in einigen Jahren durchaus ein attraktives Ferienland werden.

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  • Martin Mayer am 04.10.2017 07:51 Report Diesen Beitrag melden

    Ab 1945

    Hat man in Europa genau das gemacht. Den ganzen Schutt auf die Seite geräumt und ganze Städte wieder aufgebaut.

  • Gratte am 04.10.2017 07:58 Report Diesen Beitrag melden

    Libyen wurde aufgefordert

    Libyen hat nun die Wahl: entweder in derschmerzhaften Vergangenheit zu versinken, oder nach vorne zu schauen und sich wieder aufzubauen. Dazu gehört nun mal, nicht beerdigte Leichen zur letztenRuhe zu begleiten. Wer sich ob dem empört, versteht nichts von Leben und Tod.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Ein Honigdachs am 04.10.2017 18:21 Report Diesen Beitrag melden

    Die andere Seite der medaille

    Jedem der findet das sei nicht so Schlimm weil es die Wahrheit ist soll doch bitte nach libyen reisen und den Leuten ins Gesicht sagen sie sollen ihre Familien und Freunde doch bitte weg tragen damit wir endlich wieder unsere Bäuche in die Sonnen legen können und das Öl für spottpreise aus dem boden saugen dürfen... Nicht die beste aller ideen für einen Hochrangigen representanten der Regierung? Hmm

  • Biker am 04.10.2017 13:06 Report Diesen Beitrag melden

    Sandkasten-Kinder

    Faktisch hat er ja Recht. Aber man kann das auch ein wenig subtiler rüberbringen. Aber Boris war schon immer ein Polteri. Genau wie Trump, Kim, Erdogan etc. Gewisse Leute können einfach mit Worte nicht umgehen. Dass man die dann in der Politik wiederfindet, wo sie wie kleine Kinder trötzeln, beschuldigen, heulen und sonst noch verbal entgleisen, zeigt einfach nur, dass die Leute völlig fehl am Platz sind.

    • Peter E. am 04.10.2017 13:48 Report Diesen Beitrag melden

      @Biker

      Das Gewäsche und die Raute, die Sie persönlich viel subtiler finden, bringen überhaupt nichts. Wir sehen das an den Zuständen auch hier bei uns. Jeden Tag.

    • David Stoop am 04.10.2017 14:20 Report Diesen Beitrag melden

      @Biker

      Faktisch recht zu haben, würde bedeuten, dass er die Fakten richtig hat! D.h. die Grundbedingung dafür wäre, dass in Sirte noch Leichen rumliegen. Ich war jetzt nicht dort, aber ich halte es für äusserst unrealistisch, dass über 9 Monate nach der Rückeroberung noch überall Leichen rumliegen. Leichen haben einfach selten die Angewohnheit monatelang rumzuliegen. ich würde mal in den Raum stellen, dass Boris sich hier nicht an Fakten gehalten hat.

    • Armin am 04.10.2017 15:43 Report Diesen Beitrag melden

      @David

      ... Fakten wurden schon immer überbewertet. Die Show macht's aus, und die Empörung ... (dies gilt für die Politiker als auch für die Medien, welche davon leben)

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  • René am 04.10.2017 12:45 Report Diesen Beitrag melden

    Investoren und ihre Gewinne

    Der britische Aussenminister Boris Johnson ist wenigstens einer, der einen konstruktiven Beitrag zur Neugestaltung der libyschen Küstenstadt Sirte in Aussicht stellt.

  • Anonym am 04.10.2017 12:32 Report Diesen Beitrag melden

    Humor

    Warum über schwarzen Humor lachen, wenn man auch empört sein kann? Virtue Signalling ist heute leider "in".

    • Humor ist, am 04.10.2017 19:14 Report Diesen Beitrag melden

      @ Humor

      wenn man trotzdem lacht? Mag sein. Heute freilich hatten selbst die Briten Mühe, über den Humor hinter dieser Aussage zu lachen. Vielleicht war er selbst ihnen zu schwarz.

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  • Gustav G. am 04.10.2017 12:10 Report Diesen Beitrag melden

    Fahrlässig.

    So etwas zu sagen, begleitet mit einem lächeln, ist ein Wahnsinn. Nicht einmal nach diesen Anschlägen, die die Briten hinnehmen müssen, fragt er sich, wieso sich Leute auch radikalisieren. Er zieht ja denn Hass absichtlich auf die Briten, wenn er sogar Tote so minderwertig bewertet. Macht er dies vielleicht sogar absichtlich um Profit zu erlangen, wenn es dadurch weitere Anschläge gibt? Die anderen unschuldigen Briten sollen vorsichtig sein und dieser Herr hat in der Regierung gar nichts mehr zu suchen mit solchen fahrlässigen Aussagen.