Erster Stimmungstest

17. Mai 2011 10:25; Akt: 17.05.2011 10:44 Print

Islamisten wollen in Tunesien an die MachtIslamisten wollen in Tunesien an die Macht

von Kian Ramezani - In zwei Monaten wählen die Tunesier ein neues Parlament. Die meisten Parteien sind ihnen allerdings unbekannt – wovon die gut organisierten Islamisten profitieren könnten.

storybild

Der Anführer der tunesischen islamistischen Renaissance-Partei, Rachid Ghanouchi, anlässlich seiner Rückkehr aus dem Londoner Exil am 30. Januar 2011. (Bild: Keystone/AP/Hassene Didri)

  • Artikel per Mail weiterempfehlen
Zum Thema
Fehler gesehen?
Fehler beheben!
Senden

Tunesien mag weder politisch noch wirtschaftlich zu den bedeutendsten arabischen Ländern gehören, doch hier nahm der arabische Frühling seinen Anfang. Was hier passierte, hatte Signalcharakter – und wird ihn vielleicht wieder haben. In etwas mehr als zwei Monaten finden Parlamentswahlen statt, der erste wahre Stimmungstest nach den epochalen Ereignissen in der Region. Wie in Ägypten befinden sich auch in Tunesien die Islamisten in einer aussichtsreichen Lage, was einige beunruhigt. Sollte die säkulare Revolution am Ende ausgerechnet die Religiösen an die Macht befördern?

Knapp 60 Parteien haben sich seit dem Ende der Diktatur gebildet, die meisten allerdings ohne nennenswerten Rückhalt in der Öffentlichkeit. Laut einer Anfang März publizierten Meinungsumfrage können über 60 Prozent der Tunesier keine einzige von ihnen nennen. Allerdings gaben 29 Prozent Sympathien für die islamistische Renaissance-Partei an, mehr als doppelt so viele wie für die zweitplazierte PDP (Mitte-Links).

«Weder säkular noch radikal»

Wie in Ägypten beklagen sich die neuen Parteien, bis zum Urnengang bleibe ihnen zu wenig Zeit zur Vorbereitung. Die Islamisten hingegen können auf jahrelange organisatorische Erfahrung, grosse Mitgliederzahlen und eine hohe Glaubwürdigkeit bauen, die sie sich durch ihre kompromisslose Opposition gegen den ehemaligen Diktator Ben Ali erarbeitet haben. Viele fürchten, Tunesien könnte unter den Islamisten zu einem Gottesstaat nach dem Vorbild Irans werden. Hinter ihren moderaten Positionen vermuten sie ein Wahlkampfmanöver, das ihnen in gemässigten Wählerschichten Zulauf bescheren soll. Sobald die Wahlen vorbei und zu ihren Gunsten entschieden sind, würden sie ihr wahres Gesicht zeigen und islamische Gesetze erlassen.

Die Renaissance-Partei weist diese Vorwürfe zurück. «Wir wollen eine freie, offene und gemässigte Gesellschaft, in der alle Bürger dieselben Rechte besitzen», sagte Abdallah Zouari, ein Mitglied der Parteileitung, gegenüber der «New York Times». Das gelte ebenso für Frauen und Männer wie für Moslems und Nicht-Moslems. «Wir sind nicht wie die Säkularisten, die alle zwingen wollen, säkular zu sein. Ebenso wenig sind wir die Salafisten, die alle zu Moslems machen wollen.» Die Partei vergleicht sich gern mit der türkischen AKP und hat erklärt, an den fortschrittlichen Elementen der tunesischen Verfassung nicht zu rütteln. Polygamie ist in Tunesien verboten, Abtreibung hingegen erlaubt.

Stadt-Land-Gefälle

Die Islamisten dürften vor allem im verarmten Landesinneren gut abschneiden, während ihre Gegner in den Küstenstädten wie Tunis, Sfax und Sousse zu finden sind. Kader Abderrahim vom Institut für internationale und strategische Beziehungen in Paris sagte der «New York Times», für ihn sei entscheidend, ob die westlich-orientierte Elite es akzeptieren kann, dass ein bedeutender Teil der Bevölkerung einen traditionelleren Lebensstil pflegt. Politische Stabilität ist seines Erachtens ohne die Islamisten nicht möglich.

Selbst wenn die Islamisten am 24. Juli einen Sieg davontragen, dürfte ihnen wenig Spielraum für islamisch inspirierte Gesetze bleiben, etwa ein Alkoholverbot oder die Kopftuchpflicht für Frauen. Zahlungskräftige Touristen zu vergraulen, die ohnehin nicht mehr so zahlreich nach Tunesien reisen, könnte der angeschlagenen Wirtschaft den Rest geben. Keine gute Idee, angesichts der zentralen Forderung der Revolution nach mehr Jobs und Wohlstand. Abdallah Zouari gesteht denn auch ein, dass keine Kopftuchpflicht für Frauen geplant sei. Ein Alkoholverbot vielleicht, aber erst in ein paar Jahren.

20min Login Facebook Connect
Fragen und Antworten rund um die Kommentar-Funktion
«Warum dauert es manchmal so lange, bis mein Kommentar sichtbar wird?»

Unsere Leser kommentieren fleissig - durchschnittlich gehen Tag für Tag 4000 Meinungen zu allen möglichen Themen ein. Da die Verantwortung für alle Inhalte auf der Website bei der Redaktion liegt, werden die Beiträge vorab gesichtet. Das dauert manchmal eben einige Zeit.

«Gibt es eine Möglichkeit, dass mein Beitrag schneller veröffentlicht wird?»

Wer sich auf 20 Minuten Online einen Account zulegt und als eingeloggter User einen Beitrag schreibt oder auf einen Kommentar antwortet, der wird vorrangig behandelt. Hat ein eingeloggter User bereits viele Kommentare verfasst, die freigegeben wurden, so werden seine neuen Beiträge mit oberster Priorität behandelt.

«Warum wurde mein Kommentar gelöscht?»

Womöglich wurde der Beitrag in Dialekt verfasst. Damit alle deutschsprachigen Leser den Kommentar verstehen, ist Hochdeutsch bei uns Pflicht. Sofort gelöscht werden Beiträge, die Beleidigungen, Verleumdungen oder Diffamierungen enthalten. Auch Kommentare, die aufgrund mangelnder Orthografie quasi unlesbar sind, werden das Licht der Öffentlichkeit nie erblicken. (oku)

Haben Sie allgemeine Fragen zur Kommentarfunktion?

Schreiben Sie an feedback@20minuten.ch
Hinweis: Wir beantworten keine Fragen, die sich auf einzelne Kommentare beziehen.

  • Mirna B. am 19.05.2011 13:09 Report Diesen Beitrag melden

    Davor hatten alle bereits

    bei Beginn der Revolution gewarnt, obwohl die Islamisten gesagt hatten, dass sie keinen Gottesstaat wollen. Und in Europa wollen sie es natürlich auch nicht. Und von den Minaretten wir natürlich NIE ein Ruf ertönen..Volk! Sieh, was in den Afrikanischen Ländern geschieht und dann siehst Du die Zukunft Europas.

  • tunisiano am 19.05.2011 12:46 Report Diesen Beitrag melden

    wahlfreiheit...

    die tunesier sollen für 1 mal selber wissen was sie wollen wenn sie für ein islamisch partei sind denn ist es auch ok immerhin gabe es keine hilfe von aussen in der zeit wo benali leute getötet hat ganze welt hat zugeschaut also jetzt brauchen die tunesier eure meinungen auf kedenfall nicht demokratie und toleranz jede macht und wählt was er will....thx

  • Ivan R am 19.05.2011 10:43 Report Diesen Beitrag melden

    Lybien Krieg

    Unterstützt den Krieg gegen Gaddafi und wir werden bald das gleiche in Lybien vorfinden. Er ist kein Mann den man sich jeden Tag ansehen würde aber seine Ideen sind gut.