Terror-Propaganda

30. Juni 2014 21:01; Akt: 01.07.2014 05:36 Print

«Männliche Jugendliche finden das anziehend»

In Ego-Shooter-Ästhetik verbreitet die Terrorgruppe Isis ihre Propaganda-Videos – mit deutschen Untertiteln. Ziehen bald Schweizer Gotteskrieger in den Kampf nach Irak?

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Viele Computer- und Videogames, vor allem Vertreter des Shooter-Genres, zelebrieren Krieg und das soldatische Leben. Auf eine ähnliche Kriegsästhetik setzen auch die Propagandafilme der Terrorgruppe Isis. So erinnern Passagen dieser Filmen an Szenen aus Games wie dem abgebildeten «Call of Duty: Ghosts». So wollen die Islamisten nicht nur das Leben der Dschihadisten glorifizieren, sondern auch junge Männer anwerben - auch in Europa. Der von Al-Hayat Media produzierte, aus mehreren Episoden bestehende Film «Klirren der Schwerter» ästhetisiert den Terror und ist professionell produziert. Die Szenen könnten auch aus Games wie «Call of Duty», «Battlefield» und Co. stammen - mit dem Unterschied, dass «Klirren der Schwerter» keine fiktionalen Geschichten erzählt. Die hier gezeigten Szenen scheinen alle echt zu sein. Die Terroristen wissen sehr gut mit modernen Technologien umzugehen. Zerstörungswut 1: Szene aus dem Egoshooter «Battlefield 3» Zerstörungswut 2: Szene aus «Das Klirren der Schwerter, Teil 4». Bemerkenswert ist, dass die Extremisten in ihren Produktionen auch mit Split-Screen-Einstellungen, wie man sie beispielsweise aus der US-Serie «24» kennt, operieren. Häuserkampf im Shooter «Call of Duty: Black Ops 2». Auch in «Battlefield», dem neben «Call of Duty» wohl bekanntesten Ego-Shooter, hinterlässt der Spieler eine Spur der Zerstörung. «Das Klirren der Schwerter» zeigt neben der Bekehrung Ungläubiger, Exekutionen und Drive-By-Shootings auch wiederholt Angriffe auf Konvois und explodierende Militärfahrzeuge. Terror wie im Videogame: Aus der Ich-Perspektive sieht der Zuschauer, wie die Extremisten aus einem fahrenden Wagen Passanten niederschiessen. Gamer kennen solche Szenen. Scharfschützen-Missionen sind fixer Bestandteil von Ego-Shootern. Screenshot aus «Call of Duty: Black Ops». «Das Klirren der Schwerter» bedient sich dieser «Scharfschützen-Ästhetik». Irisblende, Fadenkreuz und Laserpointer wurden offensichtlich erst in der Postporduktion des Films hinzugefügt. Zur Veranschaulichung: Oben eine Szene aus dem Isis-Propagandafilm «Das Klirren der Schwerter, Teil 4», unten eine Szene aus dem Ego-Shooter «Sniper Elite V2». Bei beiden Beispielen endet die Szene nicht mit dem Ziehen des Abzugs... Diese Bilder brachten Ego-Shooter in Verruf: Die berühmt-berüchtigte Flughafenszene aus «Call of Duty: Modern Warfare 2». Während es Spielern in der deutschen Version in besagter Sequenz nicht möglich war, auf unschuldige Zivilisten zu schiessen, konnte man sie in der unzensierten US-Version niedermachen. Schaut man sich «Das Klirren der Schwerter» an, hat es auch oft den Anschein, als exekutierten die Extremisten wahllos ihre Opfer.

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«Und wahrlich, unsere Heerschar ist es, die siegreich sein wird» – die Terrorgruppe Isis lässt in ihren Propaganda-Videos keinen Zweifel daran, dass sie ihr Ziel im Irak mit aller Macht und brutaler Gewalt durchsetzen will: ein neues islamisches Grossreich errichten.

Für dieses Ziel braucht die Terrorgruppe Kämpfer. Und diese wollen sie offenbar auch im deutschsprachigen Raum rekrutieren – zum Beispiel in der Schweiz. Im Internet kursiert derzeit das Video «Das Klirren der Schwerter», hochprofessionell inszeniert und mit deutschen Untertiteln versehen.

Medienpädagoge Philippe Wampfler sagt: «Das Video übernimmt Schlüsselelemente aus einer Videospiel-Ästhetik.» Einzelne Einstellungen erinnerten ihn an Games wie GTA V. Obwohl die gefilmten Szenen zum Teil schreckliche Bilder zeigen – wie das Schiessen auf Autos aus nächster Nähe – versucht der Terror dem Grauen Ästhetik zu verleihen. Wampfler: «Zeitlupenaufnahmen und Wiederholungen erinnern aber auch stark an Hollywood-Filme.»

Jeder Zeifel soll ausgeschaltet werden

Saïda Keller-Messahli, Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam, glaubt, dass mit den Videos vor allem junge Männer abgeholt werden sollen. Das zeige sich am «fiktiven Spielcharakter der Inszenierung, dem Anschein von Abenteuer und Drill». Die Terror-Gruppe wolle den Betrachter für die «göttliche Mission» gewinnen und versuche bei ihm, mittels klarer Trennung von «Gut» und «Böse», jeden Zweifel auszuschalten.

Keller-Messahli hält es für möglich, dass dadurch auch im Westen Gotteskrieger rekrutiert werden können. «Ich glaube, dass es junge Männer gibt, in denen diese Inszenierung positive Resonanz findet.» Philippe Wampfler ergänzt: «Die Aktivitäten werden als attraktiv und vereinbar mit einer fiktionalen Welt dargestellt, welche vor allem männliche Jugendliche anziehend finden und sehr gut kennen.» Dennoch hält er es nicht für wahrscheinlich, dass Schweizer Jugendliche wegen diesen Videos in den bewaffneten Kampf ziehen.

Auch Schweizer im Krieg?

Dennoch geht von der Propaganda im Shooter-Chic eine gewisse Gefahr aus. Extremismus-Experte Samuel Althof sagt: « Das Gefährlichste ist der Prozess der Selbstradikalisierung, meist einzelner Personen. Diese geschieht isoliert Zuhause vor dem Computer über genau solche Propaganda-Videos. »

Diese Menschen, die sich in diesem Radikalisierungsprozess befänden, bräuchten dringend therapeutische Hilfe. Könnten auch in der Schweiz Gotteskrieger rekrutiert werden? Althof: «Ja das ist möglich und auch schon geschehen, jedoch ist das in der Schweiz ein sehr kleiner Personenkreis.»

Wie ernst es die Isis meint, zeigt das so genannte Kalifat, das vor kurzem in der Region ausgerufen und das ihren Anführer Abu Bakr al-Baghdadi zum Kalifen ernannte. Diesen Titel trägt gewöhnlich ein Nachfolger des Propheten Mohammed – mit Anspruch auf die Führung aller Muslime.


Ausschnitte aus dem Isis-Propagandafilm «Klirrende Schwerter»

(hvw/num)