Apokalypse-Terroristen

18. November 2015 09:09; Akt: 18.11.2015 13:38 Print

Der IS, seine Ziele und seine Stärken

Was will der IS, und warum ist die Terrormiliz so schwer zu bekämpfen? Die Antwort liegt in der besonderen Weltanschauung der Extremisten.

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Die Anschläge von Paris zeigen nach Einschätzung von Experten, dass die Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) ihren Einfluss seit der Gründung ihres «Kalifats» vor 18 Monaten international ausbauen konnte. Was macht die Extremisten so gefährlich? Wie ticken sie überhaupt? Im Folgenden acht Antworten, um den IS zu begreifen.

Was ist der Islamische Staat?

Der Islamische Staat ist eine fundamentalistisch-islamische Terrormiliz, die das Ziel verfolgt, ein grenzüberschreitendes Kalifat zu errichten. Dieser Gottesstaat soll nicht nur Syrien und den Irak, sondern auch den Libanon, Israel, Jordanien und alle muslimischen Länder des Nahen Ostens umfassen. Die Extremisten der Organisation gehören der sunnitischen Glaubensrichtung des Islam an.

Im Islamischen Staat gelten die Gesetze der Scharia: Frauen werden unter Todesdrohungen gezwungen, einen Schleier zu tragen. Sie dürfen ihre Häuser nur verlassen, wenn es absolut notwendig ist. Alle Einwohner müssen fünfmal täglich beten, der Konsum von Drogen, Alkohol und Zigaretten ist verboten. Anhänger werden mit grosszügigen Sozialleistungen belohnt. Andersgläubige, auch Muslime, werden vertrieben oder müssen «Schutzgeld» zahlen.

Woran glaubt der IS?

Der IS hat seine ideologische Basis im Wahhabismus, einer fanatischen Islamvariante aus Saudi-Arabien. IS-Kleriker predigten die nahende Apokalypse, schreibt die US-Zeitschrift «The Atlantic». Die Aufgabe des Kalifats sei es, den Endkampf des «Guten» (einzig die «wahren» Gläubigen) gegen das «Böse» (alle anderen) einzuleiten und die Welt von allem zu reinigen, was vom «wahren Islam» abweiche.

Zu diesem Zweck ruft der IS junge Muslime auf, einem «göttlichen Auftrag» zu folgen und sich dabei auf der Seite der vorherbestimmten Sieger zu stehen.

Welche Ziele verfolgen die Terroristen?

Der IS will vom Kalifat aus die ganze Welt mit einem Terrorkrieg umspannen und vor allem im Westen Chaos stiften und Angst verbreiten.

Die Organisation will dem Islam zur Vorherrschaft verhelfen. Sie verfolgt alle Menschen, deren Glauben von der Koran-Interpretation der Terrormiliz abweicht.

In welchen Ländern gibt es den Islamischen Staat?

Die Kernregion des IS sind der Westirak und der Nordosten Syriens. Doch inzwischen haben sich zahlreiche IS-Zellen in Afrika und Asien eingenistet. Es sind Milizen, die der Zentralführung des IS ihre Unterstützung oder sogar Zusammenarbeit anbieten. Diese Milizen befinden sich in Libyen, Tunesien, Algerien, Ägypten, Libanon, Jemen, Pakistan, Usbekistan, Afghanistan, Russland, Philippinen, Malaysia, Indonesien und Nigeria.

Wie finanziert sich die Terrormiliz?

Die wichtigste Einnahmequelle des Islamischen Staates ist die Ölförderung. Laut dem US-Think-Tank Council on Foreign Relations (CFR) produziert der IS täglich 44'000 Fass aus syrischen und 4000 Fass aus irakischen Ölquellen. Damit verdient der IS zwischen 1 und 3 Millionen US-Dollar — pro Tag. Laut CFR kaufen möglicherweise sogar die Feinde der Terrormiliz das IS-Öl: das Assad-Regime, die Türkei sowie irakische Kurden. Der IS gilt als die reichste Terrororganisation der Welt.

Ausserdem verdient die Miliz Geld mit dem Ausrauben von Lastwagen und Geschäften in ihrem Einflussbereich sowie mit der Beschlagnahmung von Besitz und Vermögen der flüchtenden Christen aus der Region. Laut «Wall Street Journal» erzielt die Organisation um die 100 Millionen Dollar aus dem Verkauf von geplünderten Antiquitäten und Schätzen des Altertums. Mehr zu den Geldquellen des IS lesen Sie hier.

Gibt es innerhalb des IS auch Elitetruppen?

Ja – und sie sind äusserst brutal und zu allem entschlossen. Sie werden als Inghemasijun bezeichnet, was auf Arabisch so viel bedeutet wie «die, die sich in etwas hinein vertiefen». Die Inghemasijun sind auf den Tod im Kampf vorbereitet, tragen Sprengstoffgürtel, um sich im Fall einer Niederlage in die Luft sprengen zu können – und möglichst viele Gegner mit in den Tod zu nehmen. Die Elitekämpfer sehnen sich danach, «in den Himmel zu kommen». Gerade das macht sie so unberechenbar und schwer zu besiegen.

Warum ist es so schwierig, den IS zu bekämpfen?

Die Terrormiliz ist technologisch hochgerüstet, wird von erfahrenen Kämpfern geführt und greift auf eine wachsende Zahl von Rekruten aus aller Welt zurück – vor allem aus Europa. Nach aussen hin präsentiert sich der IS grausam; innerhalb der Miliz dagegen herrscht höchste Disziplin. Die Führung lege hohen Wert auf Organisation und strategisches Vorgehen, heisst es aus irakischen Geheimdienstkreisen. So rücken die Milizen oft im Schutz von Sandstürmen vor und mischen sich unter Zivilisten.

Unbesiegbar sind die Extremisten aber nicht: Anfang Jahr konnte der IS in der syrischen Provinz Kobane zurückgedrängt werden. Der militärische Einsatz sei nur ein Teil der Strategie, schreibt die Zeitung «FAZ»: Um den islamischen Terror dauerhaft zu besiegen, müssten in erster Linie auch dessen theologische Grundlagen neutralisiert werden.

Nehmen die Extremisten Europa weiter ins Visier?

In einer neuen Videobotschaft hat die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) Frankreich und seinen Verbündeten mit weiteren Terrorangriffen gedroht. «Wir erneuern unseren Aufruf an die Muslime in Europa, im ungläubigen Westen und überall, die Kreuzfahrer in ihrer Heimat und wo immer sie sind zu attackieren», sagt ein Sprecher in einem rund elfminütigen Film, der am Montag über das Internet verbreitet wurde. Darin droht ein Kämpfer: «Ich schwöre bei Gott, wir werden Amerika auf seinem eigenen Boden schlagen. Wir werden Rom erobern.»

(kle)