Kongo

30. Oktober 2008 17:13; Akt: 07.04.2009 11:15 Print

Afrikas krankes HerzAfrikas krankes Herz

von Daniel Huber - Bürgerkrieg, Invasionen, Völkermord: Im kranken Herzen Afrikas mischen sich ethnische Konflikte unheilvoll mit den Folgen einer skrupellosen Kolonialpolitik.

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Nicht zum ersten Mal rückt im Osten der riesigen Demokratischen Republik Kongo ein Warlord mit seiner Rebellenarmee vor, nicht zum ersten Mal fliehen Tausende vor den Schrecken des Bürgerkriegs.

Die Region der zentralafrikanischen Seen, wo die ostkongolesischen Provinzen Nord- und Süd-Kivu an Ruanda und Uganda grenzen, kommt nicht zur Ruhe. Hier, im kranken Herzen Afrikas, kam es immer wieder zu Konflikten, die schliesslich 1994 im Genozid in Ruanda gipfelten, dem in 100 Tagen 800 000 bis 1 000 000 Menschen zum Opfer fielen.

Teile und herrsche

Der Völkermord in dem kleinen ostafrikanischen Land, dessen Folgen wiederum den benachbarten Riesenstaat Kongo destabilisierten, war ethnisch begründet: Hutu brachten Tutsi um.
Die Feindschaft zwischen diesen beiden Gruppen, schon früher von den Kolonialherren geschürt, ist eines der wichtigsten Hindernisse für einen dauerhaften Frieden in der Region.

Die heutigen Staaten Ruanda und Burundi wurden 1899 Teil des kurzlebigen deutschen Kolonialreiches. Als Ruanda und Urundi wurden sie der Kolonie Deutsch-Ostafrika zugeschlagen. Im Ersten Weltkrieg eroberten belgische Truppen aus dem Kongo — der Kongo war zunächst Privatbesitz des belgischen Königs Leopold II., dann belgische Kolonie — die beiden Kleinstaaten, die nach dem Krieg als Völkerbundsmandat in belgischem Besitz blieben.

Schon die Deutschen hatten die einheimische Bevölkerung in «bantuide» Ackerbauern (Hutu) und «hamitische» Viehzüchter (Tutsi) unterschieden, wobei sie — wie danach die Belgier — die Minderheit der Tutsi als «rassisch höherwertig» einstuften und bevorzugten (die Belgier nannten die Tutsi «nègres aristocratiques»). So entwickelten die Hutu im Laufe der Zeit einen Minderwertigkeitskomplex gegenüber den Tutsi, der sich später auf fatale Weise auswirken sollte.
Aus heutiger Sicht scheint es sich jedoch eher um unterschiedliche soziale Gruppen zu handeln, die danach gleichsam «ethnisch aufgeladen» wurden.

Die Hutu-Revolte

In Ruanda kam es, im Gegensatz zu Burundi, mit dem Aufkommen von Unabhängigkeitsbestrebungen zu einer Umkehrung der Verhältnisse: Da es vor allem die zuvor begünstigten und dadurch gebildeteren Tutsi waren, die antikoloniale Gelüste hegten, begannen die Belgier nun, die Hutu zu favorisieren. 1959 stachelten die Kolonialherrren die Hutu zu einer Revolte an, in deren Verlauf es zu den ersten grossen Massakern an Tutsi kam. 200 000 Tutsi flohen in die Nachbarländer, vor allem nach Burundi und in den östlichen Kongo, der ohnehin kulturell und verkehrstechnisch nach Ostafrika hin orientiert ist.

Minderheit in Kivu

Dort, in der Provinz Kivu, lebte schon vor der Kolonialzeit eine Minderheit von Immigranten aus Ruanda und Burundi. Sie wuchs während der belgischen Herrschaft auf nahezu zehn Prozent der kongolesischen Gesamtbevölkerung an, weil die Belgier Arbeiter aus Ruanda für die Plantagen importierten. Nach weiteren Fluchtbewegungen aus Ruanda bildet diese Gruppe heute nach Bakongo und Lumba die drittgrösste Ethnie im Kongo.

Von Lumumba zu Mobutu

1960 zogen die Belgier sich übereilt aus dem Kongo zurück, den sie jahrzehntelang auf das Brutalste ausgebeutet hatten. Das Land versank in Chaos und Bürgerkrieg — wie von der ehemaligen Kolonialmacht geplant, die darauf hoffte, zur Hilfe gerufen zu werden. Belgier und Amerikaner intervenierten, um die wirtschaftliche Ausbeutung und die Westorientierung des rohstoffreichen Landes — Kautschuk, Kupfer, Diamanten — zu garantieren. Belgische Truppen besetzten 1961 die Kupferprovinz Katanga. Die USA veranlassten die Ermordung des ersten kongolesischen Ministerpräsidenten, Patrice Lumumba, und schliesslich die Machtübernahme durch Joseph Mobutu 1965.

Damit begann eine der längsten und schlimmsten Diktaturen Afrikas; Mobutu benannte Kongo in Zaire um und diente fortan als verlässlicher Statthalter für amerikanische, belgische und französische Interessen. Er präsidierte einem System der totalen Korruption und persönlichen Bereicherung, einer «Kleptokratie», in der die natürlichen Reichtümer des Landes in das privates Vermögen des Mobutu-Clans überführt wurden. Mobutus Lizenz zur Ausbeutung des Riesenlandes bestand in seinem strikten Antikommunismus.

Seit der Unabhängigkeit hatte die autochthone Bevölkerung im Osten des Kongo sezessionistische Bestrebungen verfolgt. Die aus Ruanda stammende Minderheit, die bei der seit jeher dort ansässigen Bevölkerung nicht beliebt war, stand diesen Bestrebungen kritisch gegenüber und verbündete sich deshalb mit Mobutu, also der Zentralmacht in Kinshasa. Diese Allianz brachte der Minderheit wirtschaftliche Vorteile ein, machte sie aber zusätzlich unbeliebt.

Teil 2: Genozid und Bürgerkrieg