Kampf gegen Jihadisten

16. November 2015 10:49; Akt: 16.11.2015 14:57 Print

Können Bodentruppen den IS-Terror stoppen?

Für viele Sicherheitsexperten ist klar: Die Situation in Syrien lässt sich nur mit Bodentruppen lösen. Ob damit der Terror an sich besiegt wird, ist aber fraglich.

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Französische Soldaten steigen in der Nacht nach den Anschlägen am Flughafen Charles de Gaulles im Norden von Paris aus einem Militärflugzeug aus. Die Forderung nach Bodentruppen im Nahen Osten wird lauter. (Bild: Keystone/AP/Michel Spingler)

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Eine Terrorwelle mit Selbstmordattentaten und einem blutigen Angriff auf ein Konzert hat in Paris mindestens 129 Menschen in den Tod gerissen, rund 350 wurden schwer verletzt. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) bekannte sich zu den Attentaten.

Nun prangt plötzlich ein grosses Wort auf Titelseiten, ein Wort, das nun auch von Politikern ausgesprochen wird: Krieg. Der französische Präsident François Hollande sagte dem IS einen «gnadenlosen Kampf» an. Regierungschef Manuel Valls sagte: «Wir werden diesen Krieg gewinnen.» Eine Kriegserklärung? Längst bombardiert Frankreich Syrien aus der Luft. Folgen nun Bodentruppen?

«Ohne Bodentruppen sind Möglichkeiten begrenzt»

«Ich gehe davon aus, dass die Luftangriffe in Syrien und im Irak intensiviert werden», sagte Terrorexperte Lorenzo Vidino zu 20 Minuten. Frankreich fliegt im Rahmen der IS-Koalition ebenfalls Luftangriffe gegen den IS. «Letztlich wird das den IS aber nicht aus seinem Territorium entwurzeln können.» Denn ohne Bodentruppen im Irak und Syrien seien die militärischen Möglichkeiten im Kampf gegen den IS begrenzt.

Auch Sicherheitsexperte Udo Steinbach sagte der Hamburger Morgenpost: «Es führt kein Weg am Einsatz von Bodentruppen vorbei.» Er glaube jedoch nicht, dass die Nato das machen sollte, sondern eine Allianz williger Staaten, insbesondere aus Truppen der Regionalmächte. Steinbach: «Auch Deutschland muss dazu einen Beitrag leisten».

Sieg über Terroristen vor Ort muss nicht Sieg über Terror heissen

Viele Experten schliessen sich dieser Beurteilung an: In Syrien und im Irak sei dem IS nur mit Bodentruppen beizukommen. Doch es gibt auch warnende Stimmen: Islamwissenschaftler Reinhard Schulze sagte in der Sondersendung zu den Pariser Attentaten im SRF: «Wenn wir die Polarisierung so weiterführen, dann ist das Wasser auf die Mühlen des sogenannten Islamischen Staates, der genau diese Polarisierung möchte: Er möchte die Bodentruppen in Syrien haben, er möchte diesen Kampf, er möchte vielleicht sogar in Syrien verlieren.»

Schulze sagte weiter: «Der Islamische Staat ist kein Staat. Den IS gibt es als Netzwerk, auf einer globalen Ebene, Sie finden ihn in Malaysia, in Nigeria, in Algerien, im Jemen.» Es reiche nicht, den IS an einem Ort zu zerstören: «Dann haben sie der Hydra einen Kopf abgeschlagen, und der Kopf wächst woanders nach. Man muss sich fragen, warum diese Hydra-Köpfe wachsen.»

Es braucht mehr gegen den Terror als Polizei und Militär

Auch diese Ansicht ist verbreitet: Der militärische Kampf allein reicht nicht aus, im Gegenteil. «Europa muss nun unbedingt daran denken, dass der IS keine existenzielle Bedrohung darstellt», schreibt Terrorismus-Experte Emmanuel Karagiannis, Senior Lecturer für Defence Studies am Londoner King's College, in «Newsweek». Anders als die Sowjetunion habe der IS nicht die militärische Potenz, Europa zu vernichten. Umso wichtiger sei es nun, dass Europa «verhältnismässig» reagiere – denn, so Karagiannis, mehr militärisches Engagement im Nahen Osten werde «zukünftige Anschläge nicht verhindern».

Die Lösung könne nur eine Mischung aus militärischen und polizeilichen mit gesellschaftlichen und sozialen Massnahmen sein, so Karagiannis. Der Experte: «Die französische und europäische Antwort muss mehr beinhalten als polizeiliche und militärische Massnahmen: Eine neue Politik der Integration für die Menschen am Rand der Gesellschaft – den Nährboden für Rekrutierungsbemühungen. Nur so kann das Übel des Jihadismus besiegt werden.»

(cfr/gbr)