Morde an Journalisten

20. Mai 2017 09:37; Akt: 20.05.2017 09:37 Print

«Die Strafe dafür, über diese Hölle zu berichten»

Die Gewalt der Drogenkartelle gehört in Mexiko zum Alltag. Besonders gefährlich ist es zurzeit für Journalisten.

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Ein Reporter wird aus seinem Auto gezerrt und auf offener Strasse erschossen. Eine Kollegin wird ermordet, als sie gerade ihren Sohn zur Schule bringt. Bewaffnete überfallen einen Journalisten, der nichts ahnend vor einer Autowaschanlage wartet. Szenen wie diese häufen sich derzeit in Mexiko. Allein seit Anfang März hat der Mut zu freier Berichterstattung in dem vom Drogenkrieg gezeichneten Land mindestens sechs Menschen das Leben gekostet.

Am Montag traf es Javier Valdez, Mitbegründer und Kolumnist der Wochenzeitung «Riodoce». Sein letzter Beitrag hatte den Titel «El Licenciado» – was eine Anspielung auf einen unter diesem Spitznamen bekannten Drogenboss gewesen sein könnte. Die organisierte Kriminalität zählte zu den Spezialgebieten des renommierten Reporters. In kritischen Artikeln hatte er oft auch über Korruption und über Gewalt von Seiten der Sicherheitskräfte berichtet.

Worüber berichtete Valdez?

Was genau Valdez zum Verhängnis wurde, ist unklar. Sicher erscheint jedoch, dass ihn irgendwer gezielt zum Schweigen bringen wollte. Dass er in einer gefährlichen Branche arbeitete, war ihm bewusst. Nur in Syrien und Afghanistan werden noch mehr Journalisten umgebracht als in Mexiko. Morddrohungen sind da nichts Ungewöhnliches – und nach Angaben der Zeitung «La Jornada», für die Valdez ebenfalls geschrieben hatte, waren diese zuletzt «von einem anderen Kaliber» gewesen. Kollegen hätten Valdez und seiner Frau daher geraten, das Land zu verlassen.

«Mexiko ist im Laufe des zurückliegenden Jahres noch gefährlicher geworden. Das zeigt sich auch an der Art, in der gekämpft wird», sagt der mexikanische Sicherheitsexperte Alejandro Hope. «Die Spannungen in der Unterwelt haben zugenommen, von daher bringen sich diejenigen, die über so etwas berichten, mehr denn je in brenzlige Situationen.» Nach Angaben des internationalen Sicherheitsberaters Eduardo Buscaglia, der mehrfach für «Riodoce» interviewt worden ist, war Valdez «Verbindungen zwischen Politik, Gesellschaft und kriminellen Gruppen» auf der Spur.

Bestechungsgelder annehmen oder sterben

In mehreren der Bundesstaaten, in denen zuletzt Journalisten getötet oder verletzt wurden, haben sich nach Regionalwahlen gerade die politischen Machtverhältnisse verändert. Die Kartelle könnten deswegen gezwungen sein, sich anzupassen und neue illegale Bündnisse zu schmieden, sagt der Sicherheitsfachmann Raul Benitez. Im nordwestlichen Sinaloa ist dadurch, dass der Drogenboss Joaquin «El Chapo» Guzmán gefasst und an die USA ausgeliefert wurde, zudem ein Machtvakuum entstanden. Hier – ebenso wie in Chihuahua, Veracruz und Baja California Sur – ist die Mordrate in diesem Jahr generell stark gestiegen.

In diesem Klima der Angst ist die freie Presse zum Teil bereits komplett verstummt. Im nordöstlichen Bundesstaat Tamaulipas werden die Schlagzeilen von kriminellen Banden oder korrupten Beamten praktisch vorgegeben. Selbstzensur ist für viele Journalisten schlicht eine Überlebensstrategie – wer sich weigert, Bestechungsgeld anzunehmen und dafür positiv zu berichten, wird nicht selten unverblümt mit dem Tod bedroht.

Wo bleibt der Staat?

Im Unterschied zu vielen anderen Opfern war Valdez in Mexiko sehr bekannt. Seine brutale Ermordung auf offener Strasse sorgte deswegen für besonders grosse Aufmerksamkeit. Aus Protest gegen die zunehmende Gewalt blieben am Dienstag die Websites einiger mexikanischer Medien schwarz. Im Zentrum von Mexiko-Stadt versammelten sich Journalisten zu einer Demonstration.

«Wir sind uns angesichts dieser Taten darüber im Klaren, dass es nicht bei Worten bleiben darf, sondern eine Reaktion der Regierung erforderlich ist», sagte Innenminister Miguel Angel Osorio Chong. Präsident Enrique Peña Nieto nannte den Mord an Valdez ein «abscheuliches Verbrechen» und veranlasste eine Untersuchung. Er sprach sich für mehr Schutz aus und versprach mehr Ressourcen für Ermittler in Fällen von ermordeten Journalisten.

Neue Machtverhältnisse nach Regionalwahlen

Aus Sicht vieler Journalisten wird von offizieller Seite jedoch viel zu wenig gegen die Gewalt getan. Mitarbeiter der «Riodoce» und anderer Zeitungen erhoben auf einer Pressekonferenz schwere Vorwürfe gegen den Gouverneur von Sinaloa, Quirino Ordaz.

Zwischen den Morden in diesem Jahr gebe es «allem Anschein nach keine Zusammenhänge», sagt der auf Drogenhandel spezialisierte Journalist José Reveles. «Aber sie fallen in einen von Wahlen geprägten Kontext und in ein Umfeld von Spannungen, in dem bestimmte Gruppen möglicherweise Angst schüren wollen.» Die Regierung «ist gelähmt und weiss nicht, was sie tun soll. Und auf diese Art kann sich die Zahl der Gewalttaten vervielfachen», sagt Reveles.

Valdez selbst hatte die Gewalt gegen Journalisten und das Klima der Straflosigkeit in Mexiko oft zum Thema gemacht. «Bei der Berichterstattung bewegt man sich auf einer unsichtbaren Linie, die von bösen Menschen gezogen wird, die im Drogenhandel oder in der Regierung tätig sind», schrieb er einmal. «Man muss sich vor allem und jedem in Acht nehmen.»

Gerade nach dem Mord an der Reporterin Miroslava Breach am 23. März hatte Valdez deutliche Worte gefunden. «Miroslava wurde getötet, weil sie zu viel gesagt hat», schrieb er per Twitter, zwei Tage nachdem die «La Jornada»-Kollegin auf der Auffahrt ihres Hauses neben ihrem Sohn erschossen worden war. «Mögen sie uns alle umbringen, wenn dies die Todesstrafe dafür ist, über diese Hölle zu berichten. Nein zum Schweigen.»

(ap)