Diktatoren vor Gericht

09. Juni 2012 14:51; Akt: 06.07.2012 02:27 Print

Gerechtigkeit für die geraubten Kinder?

von Camilla Landbø, Buenos Aires - Während der argentinischen Militärdiktatur wurden rund 500 Kinder von Regimegegnern ihren Müttern entrissen. Nun standen die Juntachefs vor Gericht.

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Die Ex-Diktatoren Reynaldo Bignone (links) und Jorge Videla beim Prozessauftakt im Februar 2011. (Bild: Keystone/AP/Natacha Pisarenko)

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Unzählige Stunden hat das Plädoyer gedauert. Über fünf Tage hinweg lasen die Staatsanwälte die Verbrechen vor, die während der letzten argentinischen Diktatur begangen worden sind. Begangen von diesen alten Herren, die im Gerichtssaal in Buenos Aires so brav nebeneinander sitzen und irgendwie harmlos, einige von ihnen gebrechlich wirken. Wohl gerade deswegen möchte Staatsanwalt Martín Niklison vor den Richtern nochmals verdeutlichen: «Das sind keine armen Greise, diese Menschen durften straffrei alt werden.»

Der elegant gekleidete 86-jährige Ex-Diktator Jorge Videla hört sich fast regungslos an, wofür man ihn anklagt. Der General furcht die Stirn, als er vernimmt, wie viele Jahre Haft die Staatsanwaltschaft verlangt: 50 Jahre. Insgesamt sitzen in Buenos Aires zehn Männer und eine Frau im «Babyraub-Prozess» auf der Anklagebank. Darunter zwei ehemalige Chefs der Militärjunta: Videla und Reynaldo Bignone. Den Angeklagten wird in 35 Fällen vorgeworfen, politischen Gefangenen ihre Neugeborenen geraubt zu haben. Nebst weiteren sieben Armeeangehörigen müssen sich ein Arzt, der die schwangeren Frauen entbunden hatte, und die Ex-Gattin eines Militärs, die eines der Kinder aufgezogen hat, vor Gericht verantworten.

Spezialbehandlung für Schwangere

Von 1976 bis 1983 herrschte in Argentinien eine gewaltsame Militärdiktatur. Oft in Nacht- und Nebelaktionen wurden mutmassliche Regimegegner – darunter viele Studenten, Gewerkschafter, Künstler und Lehrer – verschleppt, in Geheimgefängnisse gesteckt und gefoltert. Ein Grossteil von ihnen wurde getötet und ihre Leichen zum Verschwinden gebracht. Menschenrechtsorganisationen sprechen von über 30 000 Ermordeten. Erst seit 2006 werden gegen die Folterer und Mörder der Diktatur wieder Prozesse geführt – nachdem das Oberste Gericht Argentiniens die Amnestiegesetze 2005 aufhob.

Schwangere Frauen erhielten in den geheimen Haftzentren eine Spezialbehandlung. So schonte man sie etwa vor zu harter Folter und verpflegte sie im Vergleich zu anderen Gefangenen besser. Nach der Geburt durften die inhaftierten Mütter ihre Kinder – wenn überhaupt – nur ein paar Tage bei sich behalten und ihnen die Brust geben. Dann nahmen ihnen die Militärs die Babys weg. Beinahe alle diese Frauen wurden daraufhin umgebracht. Die Neugeborenen wurden in der Regel Familien von Militärs übergeben. Dort wuchsen sie unter falscher Identität auf.

105 Kinder mit DNA-Tests identifiziert

Die Menschenrechtsorganisation Grossmütter der Plaza de Mayo geht davon aus, dass sich die Militärs rund 500 Kinder angeeignet haben. Die Vereinigung wurde Ende 1977 von Frauen gegründet, die zuerst nach ihren eigenen entführten Kindern zu suchen begannen, später auch nach den Babys ihrer Kinder. Die Enkelkinder versuchen sie mit Hilfe einer DNA-Datenbank ausfindig zu machen. Bis heute konnten 105 solcher «Nietos» mit ihren biologischen Familien zusammengeführt werden. Im März 2011 wurden die Grossmütter für ihr Engagement von der UNESCO mit einem Friedenspreis ausgezeichnet.

Selbst die Staatsanwälte sind manchmal den Tränen nahe, während sie Fall um Fall vortragen. Es ist ein überschaubarer Gerichtssaal: Die Zuhörerschaft sitzt nur wenige Meter von den Angeklagten entfernt, getrennt von einer Glasscheibe. In den Plädoyer-Tagen sieht man Videla immer wieder mal einnicken. Dabei legt er den Kopf auf die Schulter seines Sitznachbarn Bignone. Wenn den hochgewachsenen 84-jährigen Bignone die Müdigkeit ebenfalls überkommt, legt er seinen Kopf auf den Schädel von Videla. Und so dösen sie zeitweise gemeinsam – während über Entführung, Folter und Mord berichtet wird. Ist es nur das Alter, das schläfrig macht? Oder sind es auch Reue und Schuldgefühle?

Videla zeigt keine Reue

Das erwarten die Opfer und ihre Angehörigen von den Generälen wohl nicht mehr. Spätestens nach dem diesen April veröffentlichten Interview mit Jorge Videla ist diese Hoffnung gänzlich gestorben. Gegenüber einem argentinischen Journalisten hatte der Ex-Diktator zwar erstmals verschiedene Eingeständnisse gemacht, auch dass Säuglinge Gefangenen entrissen wurden. Aber er verneinte, dass dazu ein systematischer Plan existiert habe. Auch verteidigte er das «Beseitigen» von Regimegegnern während der Diktatur: Die politisch schwierige Situation im Land habe das erfordert.

Nebst dem General sollen auch vier weitere Militärs 50 Jahre Haft erhalten. Für die restlichen Angeklagten verlangen die Staatsanwälte Gefängnisstrafen zwischen 14 und 30 Jahre. Sie sehen es ausserdem als erwiesen an, dass ein systematischer Plan zur illegalen Aneignung von Kindern bestanden habe. Am 5. Juli werden die Richter das Urteil sprechen.

Ende der Anhörung: Videla und Co. stehen auf, plaudern untereinander, hier ein Händeschütteln, dort ein Schulterklopfen oder Lachen. Manchmal guckt Videla indifferent zum Publikum hin. Und schliesslich werden die Angeklagten abgeführt. Der Saal leert sich, auf beiden Seiten der Glasscheibe. Zurück bleibt die sich dumpf anfühlende Gewissheit, dass die Angeklagten nicht verstehen, wieso sie bald verurteilt werden. Zu oft haben sie zu verstehen gegeben: Alles, was sie damals getan haben, sei fürs Vaterland gewesen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Betroffene Mutter am 09.06.2012 19:41 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht besser............

    Was glauben Sie hat die CH Regierung gemacht mit dem "Hilfspaket" Kinder der Landstrasse?????Was geht heute ab mit den "Heimen" z.b. in Brugg; Blick hatte genügend berichtet (und alles wurde von den Verantwortlichen "Vertuscht"!!!!!Also zuerst vor der eigenen Haustüre wischen !!!!!!!

    • Boit am 10.06.2012 08:01 Report Diesen Beitrag melden

      schlecht - schlechter - am schlechtesten

      Einen Vergleich mit den "Kindern der Landstrasse" zu ziehen, finde ich unzulässig. In diesem Prozess geht es um ein totalitäres Regime, welches systematisch Angst und Schrecken unter der Bevölkerung verbreitete. Hinzu kommt, dass das Ausmass unvergleichlich ist. Dass die beiden ihre Taten verteidigen, ist reiner Selbstschutz. Zuzugeben, für den Tod und die Verschleppung Tausender verantwortlich zu sein, ist das eine - zuzugeben, dass das Ganze sinnlos und unmenschlich war, ist das andere. Selbstbestärkung kommt vor Selbstzerfleischung. Lies Bücher - nicht den Blick!

    • Wirklich nicht besser! am 10.06.2012 08:18 Report Diesen Beitrag melden

      Den Nagel auf den Kopf getroffen!

      Pervertierte Machtpolitiker gibt es überall, leider auch in der Schweiz.

    • Trucker-Tino am 10.06.2012 10:45 Report Diesen Beitrag melden

      Richtig!!!

      Richtig! Der Film "Der Verdingbub" und das Buch von Turi Honegger "Die Fertigmacher" zeigen was für unmenschliche Taten damals die Behörden in der Schweiz begannen haben! Viele blieben ungesünd!

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  • Jenny am 09.06.2012 16:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    86- jähriger soll 50 Jahre bekommen.

    Das ist ja lächerlich, die haben ihr leben gelebt und sollen noch ins Gefängnis! Auf kosten des Staats, kommt dazu! Lasst sie hängen diese Verbrecher! Unglaublich wie lange man ungestraft bleiben kann. Schöne neue Welt!

  • Alessandro staub am 09.06.2012 15:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gerechtigkeit

    Sie sollten Verurteil werden! Gut so!

    • heidi am 09.06.2012 16:02 Report Diesen Beitrag melden

      yep.

      Die Frage ist nur, ob das der Fall sein wird. Und ob es ein Urteil sein wird, dass man von Gerechtigkeit reden kann. Ich glaube die Verbrecher werden sich geschickt einem gerechten Urteil entziehen. Aber wir werden sehen.

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  • TrixLuzern am 09.06.2012 15:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wo? ...war der Rest der Welt...derKirche?

    Es ist unentbehrlich,dass solche Diktatoren, egal in welchemAlter, zur Rechenschaft gezogen werden. Was haben die sich wohl gedacht? Diese armen Mütter und Kinder! Da frage ich mich, wo war der Rest derWelt oder die Kirche welche sich dagegen einsetzte? Wurde dies einfach im TV angehört oder gesehen? Oder in der Zeitung gelesen und weiter geblättert? Auch heute passieren noch durch gewisse Diktatoren viele Verbrechen an der Menschlichkeit.Leider kann ich in der warmen Stube nicht viel dagegen unternehmen und muss es den mutigen,engagierten Politiker überlassen!

    • Pesche Klett am 09.06.2012 16:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      die welt?

      sehen wir doch mal nach syrien. oder nach china. oder nach pakistan. das sind alles länder in welchen zeitweilig die menschenrechte mit füssen getreten werden - und zu jedem dieser länder fällt mir ein grund ein warum man nichts machen kann. war früher nicht anders.

    • Hans Schmidt am 09.06.2012 18:05 Report Diesen Beitrag melden

      Alles ruhig im Westen

      @Klett Also in Syrien ist einiges los, aber die haben auch nicht die USA als Schutzmacht im Rücken sowie das in Argentinien der Fall war. Bessere Beispiele wären Bahrein, Saudi-Arabien, Kuweit etc.

    • paul am 09.06.2012 19:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      schutzmacht

      @ hans vielleicht nicht die usa aber dafür russland

    • Schweizerin am 09.06.2012 21:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Ja klar...

      Sehen wir doch einfach mal auf unser Land... Nur einige Jahre vorher... Ich krieg die Krise, wenn meinVater mir erzählt, was hier abging... Er ist Jahrgang 1944... Die Kids wurden in Kinderheimen gesteckt oder verschachert ... Verdingskimder... Also schauen wir erst auf unsere eigene Geschichte...

    • Christoph Blocher am 10.06.2012 08:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Schon verloren...

      Wenn du dich auf die politiker verlässt, hast du schon jetzt verloren! Mehr als krieg erklären, geld sparen und gesetze machen können die nicht!

    • namensloser am 11.06.2012 15:24 Report Diesen Beitrag melden

      verdingkinder

      so schlecht hatten es nicht alle! beim bauernhof von meiner mutter (mit 9 kindern & 1 verdingkind) hatten alle das gleiche Los. die Ältesten (wie meine Mutter) hatten es am härtesten. das verdingkind wurde gleich wie alle anderen behandelt! wir haben bis heute guten Kontakt, auch die grosseltern.

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