Syrien

06. Juni 2017 10:46; Akt: 06.06.2017 23:25 Print

Kurden erobern erste Häuser vor IS-Hauptstadt

Die «grosse Schlacht» zur Vertreibung der IS-Terrormiliz aus der Stadt Raqqa im Norden Syriens hat begonnen, wie das Rebellenbündnis SDF verkündet.

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Unterstützt von der US-Armee hat ein kurdisch-arabisches Bündnis am Dienstag eine Grossoffensive zur Rückeroberung der nordsyrischen Jihadistenhochburg Raqqa gestartet. Die «grosse Schlacht» zur Vertreibung der Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) aus Raqqa habe begonnen, sagte SDF-Sprecher Talal Sello. Kurz darauf drangen Kämpfer der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) in die östlichen Vororte der Stadt ein.

Die SDF hatten im November eine Offensive gestartet, um auf die IS-Hochburg Raqqa am Euphrat vorzurücken. Das Bündnis aus arabischen und kurdischen Einheiten wurde dabei von der US-Armee mit Luftangriffen, Militärberatern und Spezialkräften unterstützt. Im Mai entschied Washington, dem Bündnis auch Waffen zu liefern.

«Mit den Flugzeugen der internationalen Koalition und den hochentwickelten Waffen, die sie uns geliefert hat, werden wir Raqqa von Daesch (IS) erobern», sagte SDF-Sprecher Sello. Die Lieferung der Waffen war in der Türkei auf scharfe Kritik gestossen.

Bündnis mit Kurden trotz Protest aus Ankara

Ankara betrachtet die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG), die das Rückgrat des SDF-Bündnisses bilden, wegen ihrer engen Verbindungen zur verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) in der Türkei als Terrororganisation. Die türkische Regierung fürchtet, dass die Kurden einen eigenständigen Staat im Norden Syriens schaffen. Trotz der Proteste Ankaras halten die USA aber am Bündnis fest, da sie die SDF als effektive Kraft im Kampf gegen die IS-Miliz schätzen.

Kurz nach Verkündung des Starts der Offensive drangen die SDF-Kämpfer in den östlichen Vorort Al-Meschleb ein, wie die SDF-Kommandeurin Rodschda Felat sagte. Ihre Kämpfer griffen die Stadt von Norden, Osten und Westen an. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte bestätigte, dass das Bündnis mehrere Gebäude in Al-Meschleb eingenommen habe.

Boote mit Flüchtenden bombardiert

Vorbereitet wurde die Offensive von nächtlichen Luftangriffen der US-geführten Anti-IS-Allianz. Laut der oppositionsnahen Beobachtungsstelle wurden bei den Angriffen 21 Zivilisten getötet, die auf Booten über den Euphrat zu entkommen versuchten. Andere Aktivisten bestätigten, dass mehrere Boote auf dem Fluss getroffen worden seien, der durch Raka führt.

Der SDF-Sprecher Sello rief die Zivilisten in der Stadt auf, sich von den IS-Stellungen und der Front zu entfernen. Laut der Anti-IS-Koalition sind bereits knapp 200'000 Menschen aus Raka geflohen. In der Grossstadt lebten zuvor 300'000 Menschen, darunter 80'000, die seit Beginn des Bürgerkriegs aus anderen Landesteilen geflohen waren.

US-Kommandeur dämpft Erwartungen

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen erklärte, immer mehr Einwohner würden aus Raka fliehen. Rund 800 Menschen würden täglich im Flüchtlingslager von Ain Issa im Norden von Raka eintreffen. Kritiker werfen der IS-Miliz vor, die Einwohner von Raka als menschliche Schutzschilde zu missbrauchen und sich zwischen den Zivilisten zu verstecken.

Der Angriff auf Raka werde den Jihadisten und ihrer Idee des «Kalifats» einen «entscheidenden Schlag» versetzen, erklärte der Kommandeur der Anti-IS-Koalition, General Steve Townsend. Der Kampf werde aber «lang und schwierig sein». Die IS-Miliz hatte zuletzt deutlich an Boden verloren und steht auch vor dem Verlust ihrer letzten irakischen Hochburg Mossul.

Raqqa war im März 2013 an Rebellen gefallen, die jedoch Anfang 2014 von Jihadisten vertrieben wurden, die sich später als IS-Miliz formierten und im Juni 2014 Raqqa zur Hauptstadt ihres «Kaliphats» erklärten. Die Extremisten errichteten eine Schreckensherrschaft in der Stadt und richteten zahlreiche Menschen hin, die sich ihnen widersetzten.

(oli/sda)