BBC-Doku

15. August 2017 19:12; Akt: 15.08.2017 19:12 Print

Wie Saudiarabien kritische Prinzen mundtot macht

Mitglieder der saudischen Herrscherfamilie, die die Regierung kritisieren, leben gefährlich. Eine BBC-Doku rollt das Schicksal von drei entführten Prinzen auf.

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Die Regierung in Saudiarabien betreibt offenbar ein systematisches Programm, um Dissidenten und Abtrünnige aus dem Umfeld des Königshauses zu entführen. Das legt ein Dokumentarfilm nahe, der am Dienstagabend auf BBC Arabic gezeigt wird.

Darin geht es um das Schicksal dreier regierungskritischer saudischer Prinzen, die zwischen September 2015 und Februar 2016 aus dem Ausland nach Saudiarabien entführt wurden. Seither hat die Öffentlichkeit nichts mehr von ihnen gehört.

Flug umgeleitet

Der ranghöchste der drei, Sultan bin Turki, über dessen Entführung der «Guardian» erstmals berichtete, wurde am 1. Februar 2016 gekidnappt. Der Prinz befand sich zusammen mit 20 Mitgliedern seiner Entourage, darunter viele Staatsangehörige westlicher Länder, an Bord eines Flugzeugs auf dem Weg nach Kairo.

In der Luft realisierten die Passagiere, dass ihr Flug in die saudische Hauptstadt Riad umgeleitet wurde. Zwei Mitglieder der Prinzen-Gefolgschaft schilderten der BBC diesen Moment. Prinz Sultan habe geschrien und sich mit den saudischen Flugbegleitern einen Kampf geliefert, als diese plötzlich versteckte Waffen zückten und die Kontrolle über die Maschine übernahmen.

Kampf im Flugzeug

In Riad gelandet, war das Flugzeug sofort von Militärfahrzeugen und bewaffneten Soldaten umzingelt. Der sich wehrende Prinz wurde den Zeugen zufolge in ein Zivilfahrzeug gezerrt. Dabei habe er seiner Entourage noch zugerufen, dass sie alle entführt worden seien und sie die Botschaften ihrer Heimatländer alarmieren sollten. Seitdem wurde er nicht mehr gesehen.

Seine Gefolgsleute, darunter mehrere junge Frauen, wurden drei Tage in Saudiarabien festgehalten. Pässe, Handys und andere elektronische Geräte mussten sie abgeben. Am dritten Tag wurden sie nacheinander zum Flughafen eskortiert und an Bord verschiedener Flugzeuge gebracht. Ihre Geräte hatten sie zurückbekommen, doch abgesehen von einem Foto war alles Bildmaterial, das die Entführung belegen sollte, gelöscht worden.

Schon einmal in Genf entführt worden

Bereits 2003 war der Prinz der BBC zufolge Opfer einer Entführung geworden. Damals wurde er laut eigenen Aussagen in Genf von maskierten Männern überwältigt. Ihm sei mit einer Nadel in den Nacken gestochen worden, dann sei er bewusstlos im Flugzeug nach Riad gebracht worden. Ein Krankenbericht aus einem Spital in Riad untermauert seine Angaben. In Riad sass er abwechselnd im Gefängnis und stand unter Hausarrest, bis ihm 2010 wegen gesundheitlicher Probleme ein Aufenthalt in den USA gestattet wurde.

Im US-Exil erstattete Prinz Sultan bin Turki Strafanzeige bei den Schweizer Behörden und beschuldigte zwei andere Mitglieder des saudischen Königshauses, für seine Entführung von 2003 verantwortlich zu sein. Bis heute ist der Fall nicht abgeschlossen. Die Schweizer Behörden zeigten dem Anwalt des Prinzen zufolge wenig Interesse an der Aufklärung.

Prinzen ahnten Entführungen voraus

Mindestens zwei weitere Prinzen teilen Sultan bin Turkis Schicksal. Der Dissident Prinz Turki bin Bandar, ein früherer Polizeibeamter, der unter anderem für die Überwachung der Königsfamilie zuständig war, wurde im November 2015 entführt. Kurz zuvor hatte er einem Freund noch eine Mitteilung zukommen lassen, wonach er fürchtete, entführt oder ermordet zu werden. In Marokko wurde der Ex-Beamte festgenommen und ins Gefängnis gesteckt, als er nach Frankreich zurückkehren wollte. Wenige Tage später wurde er an Saudiarabien ausgeliefert.

Auch der dritte Entführte, Prinz Saud bin Saif al-Nasr, gestand einem Freund, dass er glaube, wegen seiner oppositionellen Aktivitäten gekidnappt oder getötet zu werden. Wahr wurden seine Befürchtungen im Jahr 2015, als er mit einer russisch-italienischen Unternehmensgruppe Geschäfte machen wollte. Diese liess ihn, wie er glaubte, in einem Privatflugzeug von Mailand nach Rom reisen. Danach war der Prinz wie vom Erdboden verschwunden.

Hier ist ein Ausschnitt aus der BBC-Dokumentation zu sehen.

(mlr)