Biografie

02. Mai 2011 07:46; Akt: 02.05.2011 17:03 Print

Der «Emir» des internationalen Terrors

von Peter Blunschi - Vom jugendlichen Aussenseiter zum Inbegriff des Bösen: Osama Bin Laden war eine schillernde Figur, die fleissig an ihrer eigenen Legende strickte.

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Der Führer des Terrornetzwerks Al Kaida wurde am 2. Mai 2011 von einer US-Sondereinheit in Pakistan erschossen. Bin Laden wurde in weniger als 100 Kilometer von Islamabad entfernt, aufgespürt und liquidiert. Einwohner von Abbottabad berichten, dass sich die Feuergefechte in diesem Anwesen zugetragen haben sollen. Bereits wenige Stunden nach seinem Tod wird - und zwar auf hoher See. Die USA wollen so verhindern, dass sein Grab eine Pilgerstätte wird. US-Präsident Barack Obama liess es sich nicht nehmen, In den frühen Morgenstunden des 2. Mai 2011 (Schweizer Zeit) trat er in Washington D.C. vor die Medien. Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer um den Globus. In den USA - wie hier - versammeln sich die Menschen und feiern den Tod Bin Ladens. Auch in Washington D.C. wird gefeiert. finden sich Tausende ein und skandieren «USA! USA!». Auf das Konto von Bin Laden geht eine ganze Reihe von Terrorakten, allen voran der Am gleichen Tag erfolgte der Angriff auf das Bei beiden Anschlägen - im Bild der Ground Zero in New York - fanden fast 3000 Menschen den Tod. Doch der Terror der Al Kaida beginnt nicht erst mit 9/11: Am ... und in der Hauptstadt Tansanias. Mindestens 224 Menschen sterben. Der Angriff auf den im jemenitischen Aden mit 17 Toten wird ebenfalls Al Kaida zugeschrieben. Auch nach den Anschlägen von New York schlug Al Kaida immer wieder zu, etwa am 191 Menschen fanden den Tod. Am Vier Selbstmordattentäter zünden in drei U-Bahn-Zügen und einem Bus Bomben. 56 Menschen starben. Nach dem 11. September 2001 wird Osama Bin Laden in den USA und vielen Ländern des Westens zum Noch im selben Herbst um die dortigen Al-Kaida-Ausbildungscamps zu zerstören und die regierenden fundamentalislamischen Taliban zu vertreiben. In auf Kuba errichten die USA ein Gefangenenlager für mutmassliche Al-Kaida-Kämpfer, das ausserhalb jeder Rechtsordnung geführt wird und deswegen in den folgenden Jahren im In- und Ausland immer wieder unter Beschuss gerät. Im Dezember 2001 erobern die Alliierten die Al-Kaida-Basis in Um ein Haar wäre ihnen dabei Osama Bin Laden in die Hände gefallen. Doch er kann sich nach Pakistan absetzen. Der Al-Kaida-Führer sollte für fast zehn Jahre der bleiben. Er kann sich dem Zugriff der US-Truppen und -Geheimdienste immer wieder entziehen. Am 20. Juni 2005 sagt CIA-Chef Porter Gos gegenüber dem Magazin «Time», er wisse, wo Bin Laden stecke. Geschnappt wird der Terrorfürst dennoch nicht. Auf Hinweise zum Verbleib des Al-Kaida-Führers setzt der US-Senat im Juli 2007 ein aus. Mehrmals meldet sich der Terrorfürst per so etwa am 7. September 2007. Er erwähnt darin unter anderem den damals frisch gewählten französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy, um die Aktualität des Videos zu beweisen. Nach Bin Ladens Tod steigt die langjährige zum neuen Führer der Al Kaida auf, ... ... – und damit zum meistgesuchten Terroristen der Welt.

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Viele Mythen und Legenden rankten sich um Osama Bin Laden. Vor allem im Westen galt er als Verkörperung des Bösen, als Verantwortlicher für die schlimmsten Terroranschläge des 21. Jahrhunderts mit Tausenden von Toten. Nach den Attentaten vom 11. September 2001 gab US-Präsident George W. Bush die Parole aus: «Wanted: Dead or Alive».

Radikale Islamisten verehrten den Gründer und Anführer der Terrororganisation Al Kaida dagegen und nahmen jede seiner Tonband- und Videobotschaften, die von arabischen Medien und Islamisten-Websites verbreitet wurden, begierig auf. Bin Laden selbst strickte fleissig an seiner Legende. Er inszenierte sich als heldenhafter Kämpfer gegen die «Ungläubigen», erst gegen die Sowjets in Afghanistan, dann gegen die Amerikaner.

In seiner Vision war er der Emir eines neuen Kalifats, eines islamischen Weltreichs, das sich von Afghanistan aus über den ganzen Globus erstreckte, so die «New York Times» in ihrem Nachruf. Diese Reminiszenz an die frühen Jahre des Islam verbreitete er mit modernster Computer- und Satellitentechnologie. Seine Terroristen bedienten sich bei ihren Anschlägen ungeniert den Möglichkeiten jener westlichen Kultur, die er verabscheute.

Sohn eines reichen Unternehmers

Osama Bin Laden wurde 1957 in Saudi-Arabien als siebter Sohn und eines von 57 Kindern des Bauunternehmers Mohammed Awad bin Laden geboren, der dort während des Baubooms ein Vermögen machte. Die Familie hat ihre Wurzeln im Jemen. Osama Bin Laden war elf Jahre alt, als sein Vater bei einem Helikopterabsturz ums Leben kam.

Zu den Mythen um seine Person gehört die Behauptung, er habe in jungen Jahren ein exzessives Leben mit Alkohol und Frauen geführt. Gemäss den meisten Quellen war er aber ein stiller und frommer Junge, bereits mit 17 heiratete er die erste seiner Ehefrauen. Weil sein Vater aus dem Jemen stammte und seine Mutter aus Syrien – sie war die vierte Ehefrau von Mohammed Awad bin Laden – galt Osama in Saudi-Arabien als Aussenseiter.

Ein ungenannter Freund der Familie behauptete in einer vom US-Fernsehsender PBS ausgestrahlten Biographie, Bin Laden habe sich nie ausserhalb des Nahen und Mittleren Ostens aufgehalten. Während seiner Ausbildung in Saudi-Arabien geriet er unter den Einfluss radikaler Islamisten. Sie prägten seine Überzeugung, dass der Grossteil der islamischen Welt, darunter auch die saudischen Herrscher, nicht nach der wahren Lehre des Koran lebte.

Stolz auf die Kalaschnikow

Als sich Bin Laden 1979 den «Gotteskriegern» anschloss, die in Afghanistan gegen die sowjetischen Besatzer kämpften, konnte er in Saudi-Arabien noch Ehre einheimsen. Er half, unter den Augen der USA, den Nachschub an Waffen und arabischen Kämpfern zu organisieren. Ein «Geschöpf der CIA», so ein weiterer Mythos, war Osama Bin Laden jedoch nicht, sein Einfluss auf den Krieg war laut «Guardian» marginal. Später zeigte er gerne seine Kalaschnikow vor, die er angeblich einem von ihm selbst getöteten russischen Soldaten abgenommen hatte. In Wirklichkeit war er wohl nur ein Mal direkt an Kämpfen beteiligt.

Nach Abzug der Russen aus Afghanistan 1989 trat er für kurze Zeit in den Familienkonzern ein. Sein Vermögen soll zeitweilig 300 Millionen Dollar betragen haben. Andere schätzen es auf nur einen Zehntel. Der Golfkrieg gegen den Irak 1991 bedeutete eine neue Wende. Er kritisierte die Stationierung von US-Soldaten in Saudi-Arabien, wo mit Mekka und Medina die heiligsten Orte des Islam liegen. Das brachte die Herrscherfamilie Al Saud gegen ihn auf. Sie entzog ihm die Staatsbürgerschaft.

Unter dem Schutz der Taliban

Bin Laden verliess das Land und wich für fünf Jahre in den Sudan aus. 1996 wiesen ihn die Sudanesen auf amerikanischen Druck aus. Er ging zurück nach Afghanistan, wo die Taliban die Macht ergriffen hatten. Dies erwies sich für Bin Laden als Glücksfall. Unter ihrem Schutz und mit seinem Geld konnte er in den folgenden fünf Jahren sein Terrornetz Al Kaida (die Basis) aufbauen. Fast täglich übte er mit seinen Anhängern Anschläge.

Er ritt gerne mit seinen Pferden aus und gab gerne den traditionellen Heiler. Er verschrieb häufig Honig, sein Lieblingsessen, und Kräuter gegen Erkältungen und andere Erkrankungen. Begleitet wurde er oft von seinen vier Ehefrauen - die maximale Zahl, die das islamische Recht erlaubt. Schätzungen zufolge soll er bis 23 Kinder gehabt haben.

Von den Amerikanern unterschätzt

Die Amerikaner unterschätzten ihn lange. Noch 1997 befand sich sein Name nicht auf der Liste der meistgesuchten Terroristen. Erst mit dem Doppelanschlag auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania 1998 wurde Osama Bin Laden von Präsident Bill Clinton zum «Public Enemy Nr. 1» erklärt. Die CIA verbrachte die nächsten drei Jahre mit der Jagd auf den Al-Kaida-Boss, doch die Spur war nie «heiss» genug, um ihn zu erwischen.

Seit dem 11. September 2001 war Osama Bin Laden seinen Häschern stets einen Schritt voraus. Als die Taliban unter dem Druck der US-Bombardierungen fielen, floh er in die unwirtlichen Gebirgszüge zwischen Pakistan und Afghanistan. Mit knapper Not entkam er aus der Bergfestung Tora Bora, seither blieb er verschwunden. Mehrfach schien seine Festnahme kurz bevor zu stehen, doch Bin Laden gelang immer wieder die Flucht.

Von arabischer Revolution überrascht

Er schwor wiederholt, er sei bereit, für seinen Kampf zu sterben, die Israelis aus Jerusalem und die Amerikaner aus Saudi-Arabien und dem Irak zu vertreiben. «Die Amerikaner können mich nicht lebend bekommen», sagte er einem pakistanischen Journalisten kurz nach der US-Invasion in Afghanistan. «Ich kann ausgelöscht werden, aber nicht meine Mission.»

Obwohl sich vielerorts lokale Al-Kaida-Ableger mit eigenen Anführern gebildet hatten, war die Führungsrolle Bin Ladens in der islamistischen Terrorszene bis zuletzt unumstritten. Von den arabischen Revolutionen wurden er und seine Getreuen dagegen überrascht. Für die grosse Mehrheit der Muslime war er seit dem Al-Kaida-Terror im Irak ohnehin keine Heldenfigur mehr. Sein grösster Wunsch dürfte sich kaum erfüllen: Dass die muslimische Welt sich nach seinem Tod gegen die Amerikaner erheben und sie besiegen wird.

Mit Material von sda und dapd