«Charlie Hebdo»-Karikaturist

11. Januar 2015 21:17; Akt: 12.01.2015 08:39 Print

«Wir kotzen auf all unsere neuen Freunde»

Millionen solidarisieren sich mit dem Satiremagazin «Charlie Hebdo» – «Je suis Charlie» nennt sich die Bewegung. «Hebdo»-Karikaturist Holtrop findet das heuchlerisch.

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Zwei mit Kalaschnikows bewaffnete und vermummte Täter stürmen ein Gebäude im Herzen von Paris, in dem sich die Redaktionsräume von «Charlie Hebdo» befinden. 12 Menschen sterben, darunter der Zeitungschef Stéphane Charbonnier (Bild), genannt Charb. Mehrere Personen werden verletzt. Die Angreifer steigen in ein Fluchtauto und liefern sich einen Schusswechsel mit Polizisten in einem Streifenwagen. Ein bereits am Boden liegender, verletzter Polizist wird von einem der Angreifer erschossen. Nach einer Kollision lassen die Attentäter den Fluchtwagen stehen, bringen ein anderes Auto in ihre Gewalt und setzen die Flucht in Richtung Norden fort, wo sich ihre Spur zunächst verliert. Die Polizei findet im ersten Fluchtauto die Identitätskarte von Said Kouachi. Der Fluchtweg der Terror-Brüder. In Charleville-Mézières kommt es zu Razzien. Die Polizei gibt bekannt, dass drei Männer gesucht werden, unter ihnen die beiden 32 und 34 Jahre alten Brüder Chérif (links) und Said Kouachi. In Montrouge, am südlichen Stadtrand von Paris, wird am Morgen eine junge Polizistin von einem Mann erschossen. Die mutmasslichen Attentäter überfallen im Departement Aisne, nördlich von Paris, eine Tankstelle. Deren Besitzer alarmiert die Polizei. Die Polizei durchkämmt bis zum Abend mehrere Ortschaften in der Region. Die Attentäter verschanzen sich in einer Druckerei in einem Industriegebiet nahe dem Flughafen Charles de Gaulle mit einer Geisel. Im Osten von Paris nimmt am frühen Nachmittag ein bewaffneter Mann in einem jüdischen Supermarkt mehrere Geiseln. Der Mann wird als Amedy Coulibaly (32) identifiziert und war laut Ermittlern derjenige, der die Polizistin in Montrouge erschossen hat. Said und Chérif Kouachi stürmen aus der Druckerei und schiessen um sich. Die Polizei tötet die beiden Attentäter. Zeitgleich mit den Geschehnisse in Dammartin-en-Goële stürmt die Polizei den Supermarkt in Porte de Vincennes. Der Geiselnehmer Amedy Coulibaly wird getötet.

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Über 1'700'000 Freunde zählt der Facebook-Auftritt von «Charlie Hebdo» derzeit (Stand 11. Januar). Den Grossteil dieser «Gefällt mir»-Angaben erhielt das Satiremagazin erst nach dem Anschlag auf die Redaktion in Paris, der zwölf Menschen das Leben kostete. Seither säumen Transparente mit der Aufschrift «Je suis Charlie» die Strassen und Plätze rund um den Globus. Der niederländische «Charlie Hebdo»-Karikaturist Bernard Willem Holtrop hat sich nun negativ zu dieser Bewegung geäussert. Der niederländischen Zeitung «Volkskrant» sagte er: «Wir haben viele neue Freunde gewonnen, wie etwa den Papst, Königin Elisabeth oder Wladimir Putin. Ich muss darüber lachen.»

Der 73-Jährige stört sich etwa daran, dass Menschen wie die französische Rechtsaussen-Politikerin Marine Le Pen sich heimlich freuen würden, wenn Islamisten wild um sich schiessen. «Wir kotzen auf all die Leute, die sich plötzlich unsere Freunde nennen», so Holtrop. Viele hätten noch nie eine Ausgabe «Charlie Hebdo» gesehen.

Holtrop könnte tot sein

Vor einigen Jahren seien Menschen in Pakistan auf die Strasse gegangen, um gegen das Blatt zu demonstrieren – ohne dass sie genau wussten, was es für ein Heft war. Jetzt sei es dieselbe Situation, nur umgekehrt. «Aber natürlich ist es eine gute Sache, die Redefreiheit zu verteidigen», sagt der langjährige Wahl-Pariser immerhin.

Auch Holtrop hätte unter den Opfern vom 7. Januar sein können. Dass er noch lebe, habe einen einfachen Grund, wie er gegenüber der französischen «Libération» sagt: «Ich gehe nie an die Redaktionssitzungen – weil ich sie nicht mag. Ich schätze, das hat mir das Leben gerettet.»

(cho)