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Atommüll-Proteste
08. November 2010 06:06; Akt: 08.11.2010 14:22 Print
1000 Castor-Gegner in Lager gesteckt
In der Nacht hat die deutsche Polizei rund 3000 Castor-Gegner weggetragen, die den Atommüll-Transport gestoppt hatten. Hunderte Menschen hält sie in einem improvisierten Lager fest.
Nach der Räumung der Castor-Sitzblockade auf den Schienen beim norddeutschen Harlingen am Montagmorgen hat die Polizei etwa 1000 Demonstranten in Gewahrsam genommen. Die Atomkraftgegner befinden sich laut Polizei in einer Gefangenensammelstelle auf einem Feld bei Harlingen und würden zurzeit mit Essen und Getränken versorgt. Nach Einschätzung von Beobachtern sollen sie solange festgehalten werden, bis der Castor-Zug an Harlingen vorbeigefahren ist.
VideoAm Rande des Castor-Strecke hat sich am Samstag ein Bundespolizist bei Dannenberg mit seiner Dienstwaffe das Leben genommen. Polizeisprecher Christian Poppendieck sagte auf dapd-Anfrage, es gebe keinen Bezug zum aktuellen Castor-Einsatz. Der Selbstmord habe in einer Polizeiunterkunft stattgefunden, und der Beamte habe einen Abschiedsbrief hinterlassen, der den Angehörigen übergeben werde. Die Bundespolizei sei «traurig und betroffen». Spekulationen über einen privaten Hintergrund wollte Poppendieck nicht bestätigen.
Auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) bedauerte den Selbstmord: «Ich bin bestürzt über den Freitod eines Bundespolizisten. Den Angehörigen spreche ich mein tiefes Mitgefühl aus.»
Der mit 123 Tonnen hochradioaktivem Atommüll beladene Zug - er war am Freitag im französischen La Hague gestartet mit dem Ziel Gorleben - hatte am Montagmorgen gegen 8.20 Uhr seine Fahrt von Dahlenburg Richtung Dannenberg fortgesetzt, nachdem er die Nacht über in Dahlenburg gestanden hatte
Im etwa 25 Kilometer entfernten Dannenberg müssen die elf Behälter auf Strassen-Schwertrasporter umgeladen werden. Die Strassenstrecke nach Gorleben war am Montagmorgen nach wie vor von 1600 Menschen blockiert.
Friedliche Räumung
Die Räumung der Schienenblockade von etwa 3000 Castorgegnern im Wendland ist in der Nacht zum Montag weitgehend friedlich verlaufen. Die Aktion bei Harlingen nahe Hitzacker gehe schleppend, aber «absolut friedlich» voran, sagte ein Sprecher der Einsatzleitung der Polizei in Lüneburg der Nachrichtenagentur dapd. Die Bürgerinitiative «X-tausendmal quer» sprach von einem «verhältnismässig friedlichen» Vorgehen der Polizei. Allerdings seien die erschöpften Beamten im Verlauf des Einsatzes rabiater geworden. Die Polizei begann die Räumung gegen 1.40 Uhr mit einem starken Aufgebot. Kurz vor 7 Uhr seien die letzten Castor-Gegner weggetragen worden.
Kirche vermittelt
Nach Angaben der Polizei wurde bei der Räumung eine junge Frau verletzt. Sie habe sich beim Wegtragen gewehrt und sei dabei aus dem Haltegriff der Polizisten mit dem Kopf auf die Erde gefallen, sagte der Sprecher der Einsatzleitung. Sie sei von Ärzten versorgt worden. Vonseiten der Castorgegner wurde dies zunächst nicht bestätigt.
Polizei und Castorgegner führten den weitgehend friedlichen Verlauf zurück auf ein sogenanntes Kooperationsgespräch unter Vermittlung von Kirchenvertretern. Nach Angaben von Wolfgang Ehmke, Sprecher der Bürgerinitiative (BI) Lüchow-Dannenberg, sollte mit einem solchen Runden Tisch ein «exzessiver Einsatz von Polizeigewalt» vermieden werden.
Lehren aus Eskalation vom Sonntag gezogen
Im Verlauf des Sonntags war es vor der schwierigsten Etappe des Castor-Transports ins niedersächsische Atommülllager Gorleben zu massiven Ausschreitungen gekommen. Die Polizei ging teils mit berittenen Beamten sowie Schlagstöcken, Wasserwerfern und Reizgas gegen zeitweise mehrere tausend Demonstranten vor, die immer wieder versuchten, die Bahnstrecke von Lüneburg zum Verladebahnhof in Dannenberg zu besetzen und den Schotter aus dem Gleisbett zu räumen. Einige Demonstranten warfen Feuerwerkskörper, Stöcke und Erdklumpen auf die Polizei und setzten einen Polizei-Räumpanzer in Brand.

(dapd)






















