Nach der Diktatur, Teil I

25. Juni 2011 11:20; Akt: 28.06.2011 08:15 Print

Argentiniens verlorene Kinder

von Karin Leuthold - Seit 30 Jahren kämpfen Argentinier dafür, dass das Schicksal ihrer während der Militärdiktatur entführten Enkelkinder aufgeklärt wird. Bald könnte ihr schwierigster Fall gelöst sein.

storybild

Marcela und Felipe Noble Herrera weigerten sich zehn Jahren lang, mit der Justiz zu kooperieren. (Bild: AP/Natacha Pisarenko)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Argentinien befindet sich in der Aufarbeitungs-Phase – erstmals, 30 Jahre nach dem Ende der Militärdiktatur. Seit die Kirchners 2003 die Macht im südamerikanischen Land übernahmen, wird die systematische Entführung und Aneignung von Kindern politischer Gefangener strafrechtlich verfolgt. Etwa 30 000 Menschen liess das Regime zwischen 1976 und 1983 festnehmen und foltern – und dann verschwinden. Darunter auch Hochschwangere.

Insgesamt wurden nach Schätzungen der Menschenrechtsorganisation «Abuelas de Plaza de Mayo» («Grossmütter der Plaza de Mayo») etwa 500 Jungen und Mädchen in den dunklen Kammern der argentinischen Militärschule ESMA geboren. Die gefangenen Frauen gebaren alleine, nackt, gefesselt und mit verbundenen Augen. Ihre Babys bekamen sie nie mehr zu sehen: Sie wurden von den Folterern entweder selbst adoptiert oder regimetreuen Familien übergeben.

Während der späteren Gerichtsverhandlungen behaupteten die Verbrecher vor dem Richter, sie hätten mit ihrer Aktion nur die «Feinde ausrotten» wollen. In ihrer perversen Auffassung waren die Kinder der Gefangenen «unschuldige Wesen». Es sei darum ihre Aufgabe gewesen, sie aufzunehmen und «umzupolen».

Der schwierige Fall Noble

Im Jahr 1976 «adoptierte» Ernestina Herrera de Noble zwei Babys. Die Frau hatte von ihrem Mann das Medienimperium Clarín geerbt, war schon 51 Jahre alt und kinderlos. Ernestina Noble brauchte zwei Erben. Wahrscheinlich dachte sie damals nicht im Traum daran, dass die dubiose Adoption von Marcela und Felipe ihr eines Tages zum Verhängnis werden könnte.

Im Jahr 2001 kam der Fall Noble erstmals ans Licht. Der damals zuständige Richter Roberto Marquevich hatte in den Akten unzählige Ungereimtheiten gefunden. Die Aussagen zweier Zeugen, die behaupteten, Marcela sei in einer Kartonschachtel vor der Türe der Nobles abgegeben worden, konnte er rasch widerlegen. Die Frau, die angab, Felipe zur Adoption gegeben zu haben, existierte gar nicht. Richter Marquevich liess daraufhin die Witwe Noble – inzwischen eine der mächtigsten Frauen im Land – verhaften. Sie kam dank der Arbeit ihres aggressiven Anwaltteams nach wenigen Tagen frei, Marquevich wurde seines Amtes enthoben.

Erzwungene DNA-Entnahme – aber kein Vergleich

Zehn Jahre lang kämpfte Noble gegen die Forderung der Grossmütter der Plaza de Mayo, die DNA von Marcela und Felipe mit dem Archiv der Nationalen Gendatenbank abzugleichen, in der die Angehörigen der Diktaturopfer ihre Blutproben hinterlegt haben. Dies obwohl das argentinische Parlament im November 2009 ein Gesetz verabschiedete, wonach alle Personen, die während der Juntazeit zur Welt kamen und bei denen der Verdacht besteht, dass sie «adoptiert» wurden, verpflichtet werden, sich einer DNA-Analyse zu unterziehen. Wer nicht freiwillig zur Blutentnahme geht, muss dem Gesetz zufolge akzeptieren, dass ihm zum Zweck der Analyse Haare, die Zahnbürste oder Unterwäsche abgenommen werden.

Jetzt, fast drei Jahrzehnte nach dem Ende des Militärregimes, haben die beiden Adoptivkinder DNA-Tests zur Klärung ihrer Herkunft zugestimmt. Wie der Anwalt von Marcela und Felipe Noble Herrera mitteilte, wollen seine Mandanten mit der DNA-Analyse der «quälenden Ungewissheit» ein Ende bereiten und klären, ob sie als Babys während der Militärdiktatur entführt wurden. Am Freitag werden die beiden angeblich ihre Blutproben unter Aufsicht abgeben.

Streit zwischen Clarín und Kirchner

Vor zwei Wochen hatte ein Richter die neue Blutentnahme angeordnet. Die Datensätze sollen allerdings nur mit denjenigen Familien verglichen werden, deren schwangere Töchter vor Juli 1976 verschwanden. Das Gesetz verlangt aber, dass die gesamte Datenbank überprüft wird. Es kommt nicht ganz überraschend, dass der Richter den Zeitrahmen so eng festlegte: Der Präsident der Kammer, Guillermo Yacobucci, hat im Dezember 2008 die Freilassung von mehreren ranghohen Militärs angeordnet und dürfte auch in diesem Fall auf der Seite des Medienmonopols Clarín sein.

Die Präsidentin der Abuelas, Estela de Carlotto, zeigte sich nach Yacobuccis Verdikt entsetzt: «Die Zeitbeschränkung macht uns grosse Sorgen. Es kommen nur 20 Familien in Frage und das ist sehr schlimm, denn all dies basiert auf den Adoptionsdaten der Nobles, die nicht überprüfbar sind, weil die Ausweise von Marcela und Felipe bekanntlich gefälscht sind.» Carlotto fordert einen Abgleich mit der kompletten Datenbank.

Die Kontroverse um die beiden Erben, die DNA-Tests über Jahre verweigerten, fällt mit einem heftigen Streit zwischen Clarín und der argentinischen Präsidentin Cristina Kirchner zusammen. Die Staatschefin wirft der Clarín-Gruppe, die ihrer Regierung kritisch gegenübersteht, Komplizenschaft mit den früher herrschenden Militärs vor.

Teil II der Serie: «Gebt die Enkel zurück!»

Teil III: «Wie das Militär seine Gefangenen entsorgte»