Minen, Mafia, Moorgebiete

16. September 2015 21:03; Akt: 16.09.2015 21:08 Print

Das erwartet die Flüchtlinge in Kroatien

von C. Freigang - Die ersten Migranten sind auf der Route durch Kroatien. Hier drohen ihnen neue Gefahren.

Die neue Route der Flüchtlinge.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Ungarn macht die Grenzen dicht, die Flüchtlinge weichen aus. Am kürzesten ist die Strecke über das EU-Land Kroatien. Heute Morgen kamen die ersten Flüchtlinge an der serbisch-kroatischen Grenze an. Vor allem Frauen und Kinder erreichten per Bus oder Taxi die serbische Grenzstadt Sid.

Kroatien lässt die Flüchtlinge zwar einreisen. Trotzdem gestaltet sich die Reise für viele schwierig. Über den Landweg einreisen können sie nur im Süden. Wer es weiter nördlich versucht, muss die grüne Grenze, die Donau, überqueren. Dahinter lauert gleich die nächste Gefahr: Im Grenzgebiet liegen Landminen aus dem Balkankrieg.

«Flüchtlinge kennen die Region nicht»

Die Minenfelder seien zwar teilweise markiert, einige Minen hätten sich aber verschoben, weil das Gebiet sehr sumpfig sei, erklärt der Balkan-Experte David Bieber gegenüber 20 Minuten. «Flüchtlinge kennen die Region nicht und verstehen vermutlich auch die kroatischen Minen-Warnschilder nicht.» Er fügt hinzu: «Wenn sie nachts zu Fuss Wälder und Sümpfe durchqueren, kann es gefährlich werden.»

Unterdessen hat die kroatische Regierung reagiert. Laut Spiegel.de sollen Minenräumtrupps in den Streifen zwischen den kroatischen Bezirken Osijek-Baranja und Zupanja nahe der Grenze räumen. Dort liegen auch Anti-Fahrzeug- oder Spring-Splitterminen. Diese reissen Betroffenen Gliedmassen ab – viele sterben sofort.

Angst vor Mafiabanden

Andere Flüchtlinge fürchten sich vor Mafiagruppen in Kroatien: «Leute haben uns gesagt, es gebe hier Mafiabanden und Diebe. Alleine ist es gefährlich, darum versuchen wir, in einer grossen Gruppe zu gehen», sagte ein Syrer dem britischen «Independent». Bieber beruhigt: In Kroatien bestehe kein besonderes Risiko durch Mafiabanden – eher in Serbien. In Kroatien gebe es eher rechtsradikale Gruppen, die Flüchtlinge raushalten wollen. «Wie stark diese Tendenzen sind, wird sich zeigen, wenn dann tatsächlich Tausende Flüchtlinge eintreffen», sagt Bieber.

Sind die ersten Hindernisse in Kroatien überquert, sei die Strecke durchs Land angenehm flach und besiedelt, sagt Bieber. Zwischen der kroatischen Hauptstadt Zagreb und der serbischen Hauptstadt Belgrad fahren regelmässig Busse.

Der Grenzübergang zwischen den beiden Ländern ist für die Migranten ein weiteres Hindernis, denn Kroatien ist kein Schengen-Land. Kroatien will sich mit dem Nachbarland Slowenien über die Einrichtung eines Korridors für Flüchtlinge verständigen. Von der kroatisch-slowenischen Grenze bis zur slowenisch-österreichischen ist es dann nur noch ein Katzensprung.

«Die Ruhe vor dem Sturm»

Wird jetzt auch Kroatien, wie Ungarn, dichtmachen und einen Zaun bauen, um Flüchtlinge rauszuhalten? «So radikale Massnahmen erwarte ich von der sozialdemokratischen Regierung nicht», meint Bieber. Die Menschen hätten keine ablehnende Haltung, sie seien eher besorgt in Anbetracht des möglichen Flüchtlingsansturms.

«Es ist wie die Ruhe vor dem Sturm», sagt Bieber. Man bereite sich auf die Flüchtlinge vor, Medien berichteten relativ sachlich. Das könne sich aber ändern: «Im Herbst stehen Wahlen an. Bei einem Machtwechsel könnte sich die Haltung gegenüber Flüchtlingen ändern.»

Gibt es eine alternative Route?

Flüchtlinge, die noch nicht an der ungarischen Grenze stehen, könnten auch den Weg über Albanien, Montenegro und Bosnien wählen. Doch das ist eher unwahrscheinlich. Laut Bieber geht es den Flüchtlingen darum, die Anzahl Grenzen zu minimieren: «Von Serbien aus gelangt man direkt nach Kroatien. Dann ist man zwar noch nicht im Schengen-Raum, aber in der EU.» Auf der Route über Albanien, Montenegro und Bosnien müssten die Menschen weitere Grenzen überqueren.

Um nach Albanien zu gelangen, müssten die Flüchtlinge ausserdem zuerst den umständlichen Weg nach Westgriechenland hinter sich bringen. Dann sei die die Infrastruktur in Albanien schlecht. Auch Bosnien sei kein ideales Durchreiseland, da das Terrain schwieriger sei, sagt Bieber. Die regelmässigen Bus- und Zuglinien gegen Norden laufen alle über Mazedonien.

Die Probleme der Ost-Route

Und wie sieht es mit der Ost-Route über Bulgarien und Rumänien aus? Auch hier fliesst die Donau fast auf der ganzen Länge der Grenze entlang. In Rumänien gibt es zudem kaum ausgebaute Autobahnen. Doch das ist nicht das grösste Problem: Von beiden Ländern aus müsste man nach Ostungarn einreisen, so Bieber. Bei der verschärften Gesetzeslage in Ungarn sowie einem geplanten Zaun zu Rumänien kein einfaches Unterfangen.

Dann wäre da noch die Möglichkeit, über die Ukraine die EU in der Slowakei oder Polen zu erreichen. Doch das bedeute, die EU erst zu verlassen, um dann wieder einzureisen.