Terroranschlag verhindert

08. September 2011 19:34; Akt: 09.09.2011 10:47 Print

Sie wollten aus Kühlpads eine Bombe bauen

In Berlin konnte offenbar ein Anschlag vereitelt werden. Die Ermittler kamen zwei Verdächtigen auf die Spur, da sie ungewöhnlich grosse Mengen medizinischer Kühlpads bestellt hatten.

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Die Polizei hat am Donnerstag zwei Männer in Berlin festgenommen, die möglicherweise einen Bombenanschlag geplant haben. Kurz vor dem zehnten Jahrestag der Terrorangriffe in den USA ist den Sicherheitskräften der Hauptstadt damit nach monatelangen Ermittlungen offenbar ein Schlag gegen mutmassliche islamistische Terroristen gelungen.

Mehrere hundert Kühlpads geordert

Die Ermittler waren den Verdächtigen durch Bestellungen ungewöhnlich grosser Mengen medizinischer Kühlpads auf die Spur gekommen. Einer oder beide Tatverdächtige - es handelt sich um einen 24-jährigen Deutschen libanesischer Herkunft und einen 28-Jährigen aus dem Gazastreifen - hätten mehrere Hundert dieser Pads geordert.

Die Staatsanwaltschaft wirft den Tatverdächtigen die Vorbereitung einer «schweren staatsgefährdenden Gewalttat» vor. Ein Polizeisprecher sagte, es gebe nach ersten Ermittlungen keine Anhaltspunkte dafür, dass die beiden Komplizen einer terroristischen Vereinigung angehören.

Chemische Substanzen für Bombe beschafft

Beide Männer hatten sich chemische Substanzen beschafft, die für sich allein ungefährlich sind, wie der Polizeisprecher sagte. Zusammengeführt und in grösseren Mengen wäre aber durchaus der Bau eines Sprengsatzes möglich gewesen, der Menschen hätte verletzen oder töten können.

Die Männer sollen sich regelmässig in einem Islamischen Kulturzentrum für religiöse Aufklärung (Ar-Rahman-Moschee) in der Tromsöer Strasse im Stadtteil Wedding aufgehalten haben, das mit einem Grossaufgebot der Polizei durchsucht wurde. Gegen den Verein oder seine Mitglieder wird laut Polizei aber nicht ermittelt.

Zudem durchsuchte die Polizei auch die Wohnungen der Männer in der Heinrich-Schlusnus-Strasse in Neukölln und in der Urbanstrasse in Kreuzberg. In einer Wohnung wurden Flüssigkeiten sichergestellt, die von Kriminaltechnikern untersucht werden. Insgesamt waren rund 230 Beamte im Einsatz. Geleitet werden die Ermittlungen von der Staatsanwaltschaft.

Ein Tatverdächtiger soll Medizin studieren

Wie die Nachrichtenagentur dapd von Nachbarn erfuhr, lebt der 28-Jährige in Neukölln mit einer Frau zusammen und hat Zwillinge. Anwohner beschreiben ihn als Mann von kräftiger Statur mit langem Bart «wie ihn Islamisten tragen». Der zweite Festgenommene, der 24 Jahre alte in Kreuzberg lebende Deutsch-Libanese, soll laut «Bild.de» an der Berliner Humboldt-Universität Medizin studieren.

Die Männer sollen sich bereits vor Monaten zahlreiche Kühlelemente und eine in der Landwirtschaft benutzte Säure besorgt haben, schreibt «Morgenpost Online» weiter. Ins Rollen gekommen seien die Ermittlungen durch Hinweise der Firmen, bei denen die Substanzen bestellt worden waren. Den Betreibern in Berlin und Baden-Württemberg waren die angeforderten Mengen verdächtig vorgekommen. Diese Menge sei «auch für einen Sportverein ungewöhnlich» gewesen, erfuhr dapd aus Sicherheitskreisen.

Operation «Regenschauer» gegen Terrorzelle

Nach Angaben des «Tagesspiegels» gründete die Polizei eine Einsatzgruppe mit dem Titel «Regenschauer» und liess die Tatverdächtigen rund um die Uhr überwachen. Bei dem Kulturzentrum handelt es sich um einen grösseren Gebäudekomplex mit mehreren Nebenräumen, der sich in einer Sackgasse in einem Gewerbegebiet befindet. Die Zufahrt wurde abgesperrt.

Die Polizei schliesst einen Zusammenhang mit dem Jahrestag der Anschläge in New York und Washington am 11. September 2001 oder dem Papstbesuch, der am 22. September in Berlin beginnt, aus. Erst Anfang März war es am Frankfurter Flughafen zum ersten tödlichen islamistischen Anschlag in Deutschland gekommen, bei dem zwei US-Soldaten starben.

Terrorgefahr nach wie vor hoch

Nach Ansicht von Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) zeigen die Ermittlungen, dass die Sicherheitsbehörden «gut aufgestellt und vernetzt sind und eine Gefahrenlage frühzeitig erkennen».

Nach Auffassung der Gewerkschaft der Polizei (GdP) sind die Festnahmen der mutmasslichen Attentäter ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Terrorgefahr nach wie vor auf hohem Niveau ist. Der GdP-Bundesvorsitzende Bernhard Witthaut sagte, die Polizei werde weiterhin mit einem hohen Personal- und Technikeinsatz den Fahndungsdruck auf potenzielle Terroristen hochhalten müssen. Mit Blick auf den Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001 fügte er hinzu, die Polizei werde den «Überwachungsdruck gegenüber der islamistischen Szene aufrechterhalten».

(dapd)