Proteste

28. September 2014 15:32; Akt: 28.09.2014 15:32 Print

Situation in Hongkong eskaliert

Tausende Demonstranten folgten dem Aufruf von «Occupy Central»: Die Polizei setzt nun Tränengas gegen Demonstranten im Finanzdistrikt ein.

Bildstrecke im Grossformat »
In der Nacht auf den 1. Dezember 2014 kam es in Hongkong zum wiederholten Mal zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizisten. Vier Polizisten wurden verletzt, 40 Personen festgenommen. Am 29. November kam es in Hongkong erneut zu Zusammenstössen. 28 Personen wurden verhaftet. Am 25. November ist es bei der Räumung von Barrikaden zu Zusammenstössen zwischen Demonstranten und Polizisten gekommen. Gegen neun Demonstranten würde wegen Angriffs auf Polizeibeamte und gegen 23 weitere wegen Widersetzung gegen einen Gerichtsbeschluss ermittelt, sagte die Sprecherin. Beamte setzten Pfefferspray ein. Demonstranten bauten am Samstag erneut Sperren aus Kisten und Zäunen auf. Die prodemokratischen Aktivisten haben versucht, das am Vortag aufgegebene Camp im Mongkok-Stadtteil von Hongkong wieder einzunehmen. Dabei kam es zu Zusammenstössen. Am Freitag, 17. Oktober 2014, wurde das Prost-Camp im Stadtteil Mongkok geräumt. Polizisten entfernen die Barrikaden aus Bambus, die die Demonstranten in der Nacht auf Dienstag errichtet hatten. Auch Barrikaden aus Holzpaletten fielen der Räumungsaktion der Polizei zum Opfer. Zu Auseinandersetzungen kam es bei der Aktion am Dienstag nicht. Mit schwerem Gerät rücken die Einsatzkräfte an, um Absperrungen aus Metall wegzuräumen. Ein Demonstrant kontrolliert, ob die Ketten seiner Barrikade halten. In der Nacht errichteten die Protestler eine riesige Barrikade aus Bambus. Die Barrikade sollte eine Hauptstrasse in Hongkong blockieren. In der Nacht auf Samstag, 11. Oktober, haben mehrere hundert Demonstranten auf den Strassen Hongkongs übernachtet. Die prodemokratischen Demonstranten haben zuvor Gespräche mit der Regierung verweigert. Am Montag, 29. November, waren die Strassen vollgestopft. Damals hatte die Regierung zur Ruhe aufgerufen. Leere Strassen: Zehntausende Demonstranten versperrten wichtige Hauptverkehrsadern im Bankenviertel in Central auf der Insel Hongkong und auf der Halbinsel Kowloon. In Hongkong haben sich die Proteste am Montag laut Behördenangaben wieder beruhigt. Die Polizei ist abgezogen. Im Regierungsviertel ging die Polizei noch am frühen Montagmorgen erneut mit Tränengas und Schlagstöcken gegen eine Menschenmenge vor. Auch Tränengas kam immer wieder zum Einsatz. 38 Menschen wurden nach Polizeiangaben verletzt. Mit Gasmasken schützen sich die Beamten. Eine Demonstrantin legt sich mit Polizisten an. Die Polizei in Kampfmontur. Sie schoss mit Tränengas-Granaten auf die Demonstranten, um das Gelände zu räumen. Demonstranten bringen sich in Sicherheit. Die Demonstranten blockierten den Verkehr in Hongkongs Finanzdistrikt. Zehntausende Demonstranten waren dem Aufruf von «Occupy Central» gefolgt. Hongkongs Verwaltungschef Leung Chun Ying bekräftigte zwar Bereitschaft, weitere Gespräche über die Wahlreform abzuhalten. Zugleich zeigte er sich entschlossen, die «unrechtmässigen Besetzungsaktionen von Occupy Central» nicht zu dulden. Die Demonstranten riefen «Schande», als die Polizei Tränengas einsetzte. Die Protestierenden lehnen sich gegen einen Beschluss der kommunistischen Führung Chinas auf, bei der Wahl des Chefs der Sonderverwaltungszone 2017 nur vorab ausgewählte Kandidaten zuzulassen. Es sind inzwischen die schwersten Krawalle in Hongkong, seitdem die ehemalige britische Kronkolonie 1997 wieder Teil Chinas wurde.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Sie wickeln ihre Gesichter in Klarsichtfolie ein, tragen Schutzbrillen, atmen durch nasse Tücher und halten ihre Regenschirme aufgespannt vor sich – es sind die einzigen Waffen, mit denen sich die Demonstranten gegen Tränengas und Pfefferspray wehren. Waffen haben sie nicht, aber sie haben ihre Stimmen – und die rufen immer lauter nach mehr Demokratie in Hongkong.

Zu tausenden sind Aktivisten und Zaungäste am Sonntag in den Finanzdistrikt geströmt – trotz der Warnung der Regierung, dem Aufruf der Organisatoren von «Occupy Central» nicht zu folgen. Waren es während der Woche noch Studenten, die vor dem Regierungsgebäude verharrten, mischen sich nun auch ältere Menschen unter die Demonstranten.

Und um 17.58 Uhr (Ortszeit) knallt es: Die Polizei versucht, die Demonstranten mit Tränengas-Granaten zu vertreiben. Das ätzende Gas versetzt die Protestierenden am Sonntag in die Flucht – vorerst. Zuvor hatten sie eine verkehrsreiche Strasse vor Regierungsgebäuden blockiert und versucht, eine grosse Sitzblockade zu errichten.

«Die Leute fühlen sich schuldig»

Das Tränengas vertreibt die Masse nur bedingt. Zu gut ihre Ausrüstung und vor allem ihr Organisationstalent und die Solidarität. Nachschub-Gassen bilden sich, lange Ketten von hilfreichen Händen, die von hinten alles nach vorne liefern, was gewünscht wird. Kiki, nicht älter als 25 Jahre, reicht Wasserflaschen nach vorne und sagt: «Gewalt hat keinen Platz bei uns, Solidarität schon.» Die Demonstranten strecken immer wieder ihre Hände in die Luft, um zu signalisieren, dass sie keine gewalttätigen Absichten haben.

Für die Bewohner der Finanzmetropole sind die Demonstrationen ein seltener Akt zivilen Ungehorsams. Jimmy (30), ein Vermögensverwalter, der an diesem Tag statt Anzug eine Schutzbrille trägt und lautstark Parolen skandiert, sagt: «Ich musste 30 Jahre alt werden, um das zu erleben.»

Es sei eine Bewegung, die es so in Hongkong noch nie gegeben habe. «Ich glaube, die Leute fühlen sich schuldig, weil die Studenten vormachen mussten, was eigentlich der Job von uns älteren Bürgern gewesen wäre.» Was weiter passieren werde, wisse er nicht. «Der Plan ist, dass wir keinen Plan haben.»

34 Verletzte am Samstag

Der Chefadministrator Hongkongs, Leung Chun Ying, sagte, die Stadtverwaltung werde die Situation in angemessener Weise und in Übereinstimmung mit dem Gesetz regeln. Die chinesische Regierung erklärte, die örtliche Regierung werde voll unterstützt, die illegalen Handlungen zu regeln, wie die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua berichtete.

Am Samstag hatte die Polizei ein von Studenten besetztes Regierungsgelände geräumt. Dabei kam es zu Handgemengen mit mindestens 34 Verletzten, unter ihnen vier Polizisten und elf Regierungsmitarbeiter.

Der Unmut der Demonstranten entzündet sich an der Entscheidung der Führung in Peking im August, keine öffentlichen Kandidaten für die Wahl in Hongkong 2017 zuzulassen. Stattdessen sollen die Aspiranten von einem Komitee aus Pekinger Loyalisten ausgewählt werden. Dabei hatte die kommunistische Zentralregierung ein allgemeines Wahlrecht versprochen.

Nun fordern die Demonstranten lückenlose demokratische Wahlen in der einstigen britischen Kolonie. China übernahm Hongkong 1997 als Sonderverwaltungszone von Grossbritannien. Seitdem steigt die Spannung, wie es mit Hongkong politisch weitergeht.

(num/sda)