Mahnmal vor Politiker-Haus

27. November 2017 14:41; Akt: 27.11.2017 17:33 Print

AfD-Höcke bezeichnet Künstler als «Terroristen»

Seit Beginn der Mahnmal-Aktion neben dem Haus des AfD-Politikers Björn Höcke wird ein Künstlerkollektiv massiv angefeindet. Es macht trotzdem weiter.

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Die Aktivsten vom «Zentrum für Politische Schönheit» fragten: «Ist der oberste Brandstifter Deutschlands überhaupt Teil seines ‹lieben› deutschen Volkes? Gehört er zum ‹selbstverneinenden europäischen Platzhaltertyp› (Zitat Höcke)?» Sie lieferten Antworten mit Höckes DNA. Angefangen hatte alles am 22. November: Sein «kleines Bullerbü» nannte Björn Höcke in der NZZ einst sein holzvertäfeltes Wohnhaus in Bornhagen. Dieses ländliche Idyll störte Ende November dann allerdings ein Streifenwagen. Aus Sicherheitsgründen, hiess es. Und sie sind der Grund: Aktivisten des «Zentrums für Politische Schönheit» (ZPS), die seit zehn Monaten die Nachbarn von ... ... Rechtsaussen-AfDler Björn Höcke sind. Ihm haben die Aktivisten in unmittelbarer Nähe seines Hauses 24 Stelen hingestellt, ein Pendant zum Holocaust-Mahnmal in Berlin. «Sie sollen Höcke jeden Tag daran erinnern, dass dieses Denkmal tatsächlich für zivilisatorischen Fortschritt steht», sagt Jochen Schom vom ZPS zu 20 Minuten. In den letzten zehn Monaten beobachteten Höckes neue Nachbarn aber auch dessen Haus: Zwischen zwei und zehn Aktivisten sammelten in dieser Zeit «mehrere aufschlussreiche Dossiers» über den 45-Jährigen. Mit dem gesammelten Material wollen sie Höcke allenfalls unter Druck setzen, denn sie verlangen von ihm, dass «Höcke ein öffentliches Bekenntnis abgibt, dass der Holocaust stattgefunden hat und dass er stolz ist auf die Aufarbeitung, die Deutschland seit dem 2. Weltkrieg leistet». Das sei «widerwärtig und abstossend», schäumte Torben Braga, Pressesprecher des AfD-Landesverbands Thüringen, am Telefon mit 20 Minuten. Höcke werde rechtliche Schritte einleiten, zumal das «Stalking», dem er und seine Familie ausgesetzt seien, strafbar sei. Die Aktivisten kontern: «Wir haben weder Höckes Frau noch seine Kinder observiert noch Material über sie gesammelt.»

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Seit vergangener Woche steht neben dem Haus des Thüringer AfD-Landesvorsitzenden Björn Höcke ein Holocaust-Mahnmal im Mini-Format. Das «Zentrum für Politische Schönheit» (ZPS) startete die umstrittene Aktion mit 24 Beton-Stelen, weil der rechtspopulistische Politiker das Berliner Holocaust-Mahnmal in einer Rede im Januar als «Denkmal der Schande» bezeichnet hatte.

Seitdem schlägt der Künstlergruppe eine Welle des Hasses entgegen. Das ZPS habe zahlreiche E-Mails mit Morddrohungen erhalten, bestätigt Sprecher Fabian Adam gegenüber 20 Minuten. Zudem habe es am Freitag einen Anruf der sogenannten «AfD-Totenkopfstandarte» gegeben. «Du wirst erschossen», hört man den Anrufer in dem Telefonat sagen, von dem das ZPS einen Ausschnitt auf Facebook veröffentlicht hat.

Per Funkkopfhörer in Höckes Welt eintauchen

«Der Anrufer nimmt klar Bezug zur SS aus der Nazi-Zeit und ist bereit, uns umzubringen, weil wir seinen geliebten Führer angegriffen haben», sagt Adam. «Und solche Leute fühlen sich von der AfD repräsentiert.» Schon am vergangenen Mittwoch, als die Installation fertiggestellt wurde, wurden die Aktivisten vom «Höcke-Mob», wie Adam ihn nennt, bedroht. Die Demonstranten blockierten die Einfahrt des Grundstücks, auf dem die Stelen stehen, und griffen Journalisten und Künstler an. Es gebe zwar auch Zuspruch, etwa von einem Pfarrer aus der Nachbarsgemeinde, aber ansonsten sei der Grossteil der Anwohner der Künstlergruppe feindlich gesinnt.

Am Wochenende haben die Aktivisten das Mahnmal auf dem Grundstück neben Höckes Haus für die Öffentlichkeit geschlossen – weil sie die Sicherheit der Besucher nicht hätten garantieren können, wie ZPS-Sprecher Adam sagt. Am Montag soll die Installation wieder geöffnet werden. Neu gibt es jetzt einen Audio-Walk, auf dem Besucher per Funk-Kopfhörer «in die reale Welt des Bernd Höcke» eintauchen können, wie die Gruppe auf Facebook schreibt. Wie lange die Aktion andauern soll, ist laut Sprecher Adam noch offen.

Grundstücksbesitzer will ZPS loswerden

Der Besitzer von Höckes Nachbargrundstück hat den Vertrag mit der Künstlergruppe fristlos schriftlich gekündigt. «Diese Kündigung ist aber nicht rechtens. Wir stehen in einem unbefristeten Mietverhältnis, deshalb werden wir das Schreiben nicht beachten», sagt Adam.

Inzwischen hat sich auch Björn Höcke zur Aktion zu Wort gemeldet. «Wer so etwas tut, ist in meinen Augen ein Terrorist», sagte er am Samstag an einer Konferenz des rechtspopulistischen «Compact»-Magazins in Leipzig. Das Zentrum für Politische Schönheit bezeichnete er gemäss «Leipziger Volkszeitung» als «terroristische Vereinigung». Zudem beklagte er, dass seine Familie elf Monate lang von der Gruppe überwacht worden sei. Auf Facebook sammelt die AfD Thüringen Spenden für Höcke «im Rechtsstreit gegen die Belagerung von Höckes Familie durch Linksextremisten».

Am Montagnachmittag gab die Staatsanwaltschaft Mühlhausen zudem bekannt, die ermittle gegen die ZPS-Aktivisten. Geprüft werde ein Anfangsverdacht der versuchten Nötigung, sagte ein Sprecher der Justizbehörde. Zuvor habe es eine entsprechende Anzeige gegeben. Hintergrund sind die ZPS-Forderungen, Höcke solle vor dem Denkmal auf die Knie fallen, um zu verhindern, dass private Details von ihm veröffentlicht würden. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wurde von Höcke selbst bisher keine Anzeige gestellt.

(mlr)