Louisiana, USA

25. Februar 2017 21:24; Akt: 25.02.2017 21:24 Print

Austern schlürfen und dabei die Küsten retten

von B. Wünsch, AP - Um New Orleans vor stürmischer See zu schützen, werden Dämme aus Beton ins Wasser gebaut. Umweltaktivisten setzen neuerdings auf eine natürlichere Methode.

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Bisher haben die Aktivisten von zwei Umweltorganisationen fast 2600 Tonnen Austernschalen eingesammelt. Ein Viertel davon wurde bereits verwendet, um eine etwa 800 Meter lange Unterwasser-Barriere zu bauen. An jeder der zahllosen Schalen setzen sich bis zu zehn winzige Larven der Muschelart fest. Mit der Zeit vergrössert sich das Riff also von selbst. Gleichzeitig können die Austern pro Tag knapp 100 Liter Wasser filtern – und damit die Wasserqualität in der Umgebung verbessern. In keinem anderen US-Staat ist die Austernfischerei so ergiebig wie in Louisiana – 2015 wurden knapp 6600 Tonnen gefangen. Seit sich die Restaurants zur Hälfte an den Kosten beteiligen müssen, machen nur noch wenige mit. Die Umweltaktivisten haben sich inzwischen um eine Verlängerung der Förderung bemüht, um auch weiterhin ausreichend Austernschalen für neue Riffs zu erhalten. Einige Restaurants bleiben dem Projekt aber schon aus Überzeugung treu – darunter auch der bisher zweitwichtigste Spender, das Bourbon House. Um eines der Riffs zu bauen, werden etwa 700 Tonnen benötigt. Bisher haben die Aktivisten fast 2600 Tonnen Austernschalen eingesammelt. Ein Viertel davon wurde bereits verwendet, um eine etwa 800 Meter lange Unterwasser-Barriere zu bauen. Richie Blink (links) von der National Wildlife Federation und Ben LeBlanc von der LeBlanc Marine Construction studieren die Karte des Riffs. Seit mehreren Tausend Jahren fischen die Menschen am Golf von Mexiko Austern aus dem Meer und verspeisen die vielleicht 30 Gramm an Fleisch.

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Wer in einem feinen Lokal in New Orleans ein paar Austern isst, tut womöglich zugleich etwas für den Küstenschutz. Denn was von der Mahlzeit übrig bleibt, landet nicht einfach im Müll.

Gut zwei Dutzend Restaurants der Stadt beteiligen sich seit 2014 an einem ökologischen Projekt. Die Reste von den Tellern werden dabei 65 Kilometer entfernt in ein Riff verwandelt. Dieses bremst nicht nur gefährliche Wellen. Es bietet auch etlichen Meerestieren einen neuen Lebensraum.

Wasserqualität verbessert sich

Bisher haben die Aktivisten von zwei Umweltorganisationen fast 2600 Tonnen Austernschalen eingesammelt. Ein Viertel davon wurde bereits verwendet, um eine etwa 800 Meter lange Unterwasser-Barriere zu bauen. An jeder der zahllosen Schalen setzen sich dort bis zu zehn winzige Larven der Muschelart fest.

Mit der Zeit vergrössert sich das Riff also von selbst. Gleichzeitig können die Austern pro Tag knapp 100 Liter Wasser filtern – und damit die Wasserqualität in der Umgebung verbessern.

Zum Strassenbau oder als Hühnerfutter verwendet

Seit mehreren Tausend Jahren fischen die Menschen am Golf von Mexiko Austern aus dem Meer, verspeisen die vielleicht 30 Gramm an Fleisch – und werfen den Rest weg. Aus prähistorischen Zeiten sind an den US-Küsten Schalenhaufen von bis zu 180 Metern Länge und 15 bis 30 Metern Höhe erhalten.

Heutzutage landen die Austernschalen meist auf Deponien. Zum Teil werden sie auch zermahlen und dann als Material für den Strassenbau oder als Hühnerfutter verwendet.

Riff hat zu Veränderungen geführt

In keinem anderen US-Staat ist die Austernfischerei so ergiebig wie in Louisiana – im Jahr 2015 wurden knapp 6600 Tonnen gefangen. Trotzdem wurden neue Wellenbrecher hier bis vor kurzem fast durchweg aus Beton oder aus Kalkstein gebaut. Die Idee, es mit einer natürlichen Alternative zu probieren, lieferten Vorgängerprojekte in anderen Teilen des Landes, unter anderem in Texas.

Ein 75 Meter langes und mehr als sechs Meter breites Riff in der Aransas Bay im Süden von Texas habe in den vergangenen fünf Jahren deutlich sichtbare Veränderungen herbeigeführt, sagt Gail Sutton von der Texas A&M University. Auf Fotos aus dem Jahr 2011 ist ein dünner Streifen aus erosionsanfälligem Sand zu sehen.

650 Tonnen Austernschalen

Aktuelle Aufnahmen dagegen zeigen, dass sich Seegras auf dem Sand angesiedelt hat. Die Wurzeln des Seegrases würden den anfälligen Boden stabilisieren, sagt die Forscherin. Vor dem Bau des Riffs hätten die Wellenbewegungen ein solches Wachstum aber stets verhindert.

Dieses Beispiel nahmen sich die Coalition to Restore Coastal Louisiana und The Nature Conservancy zum Vorbild. Das im vergangenen November fertiggestellte Riff vor New Orleans besteht aus etwa 650 Tonnen Austernschalen, die in dicht aneinander gereihte Gitterkästen gelegt wurden.

Die Konstruktion schützt die Küsten des Lake Athanasio, der direkt mit dem Wasser des Golfs von Mexiko verbunden ist. Der Erfolg des Projekts werde gemessen, während das Riff im Lauf der Zeit wachse, sagt Kim Reyher, die Leiterin der Coalition to Restore Coastal Louisiana.

Sammelaktion ist Restaurants zu teuer

Die bisher noch nicht verwendeten Austernschalen aus den Restaurants in der Metropole im Mississippi-Delta werden auf einem Gelände der örtlichen Behörden gelagert. Dort trocknen sie zunächst in der Sonne, bis sie für den Einsatz in künftigen Riffs bereit sind. In den ersten drei Jahren wurde das Projekt mit einer Million Dollar subventioniert. Mit dem Geld konnten die beiden Umweltorganisationen die Kosten für das Einsammeln und den Transport der Schalen decken.

Seit die Förderung ausgelaufen ist, werden die Restaurants gebeten, sich zur Hälfte an den Kosten zu beteiligen. Für jeden Sammelbehälter mit einem Fassungsvermögen von etwa 120 Litern werden nun 150 Dollar (150 Franken) berechnet. Vielen der ursprünglich 26 teilnehmenden Lokale ist das jedoch zu viel – der mit 484 Tonnen bisher grösste Lieferant etwa hätte künftig bis zu 3000 Dollar (3000 Franken) im Monat aufbringen müssen. Zurzeit machen daher nur noch zehn Restaurants bei der Sammelaktion mit.

«Wir sind stolz, dass die Hälfte des Riffs aus unserem Restaurant stammt»

Die Aktivisten haben sich inzwischen um eine Verlängerung der Förderung bemüht, um auch weiterhin ausreichend Austernschalen für neue Riffs zu erhalten. Bis auf Weiteres müssen sie allerdings mit gut einem Drittel der bisherigen Mengen zurechtkommen.

Einige Restaurants bleiben dem Projekt aber schon aus Überzeugung treu – darunter auch der bisher zweitwichtigste Spender, das Bourbon House. Nach Schätzungen des Managers Steven Schnell werden hier für das Austern-Recycling nun etwa 900 Dollar (900 Franken) pro Monat fällig. In den vergangenen drei Jahren habe das Restaurant insgesamt etwa 334 Tonnen Schalen gespendet.

«Um eines der Riffs zu bauen, werden etwa 700 Tonnen benötigt», sagt Schnell. «Entsprechend sind wir wirklich stolz darauf, dass die Hälfte eines solchen Riffs direkt aus unserem Restaurant stammt.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Triet am 26.02.2017 06:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geniales Projekt

    Geniales Projekt. Danke für die Arbeit und das Engagement.

  • Morlem am 26.02.2017 08:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Armeleuteessen

    Tolles Projekt. Und an alle die hier von Dekadenz reden. Euch ist schon bewusst, dass die meisten Delikatessen früher Armeleuteessen waren, bis die Gehobene Gesellschaft Geschmack daran gefunden hat, wie z.B Kaviar.

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  • old owl am 26.02.2017 03:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geschmacksache

    Dem Einen schmecken Austern, dem Anderen nicht. "Igitt" zu Austern zu sagen ist hingegen deplaziert. Es hat auch nichts dekadentes an sich...

Die neusten Leser-Kommentare

  • Realist am 26.02.2017 18:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kaviar

    Ich möchte lieber Kaviar. Lässt sich da nichts aus den "Resten" machen? N. B. Tatsächlich das Armenessen damals enden 19-tes Jahrhundert.

  • Irfan A. Godani am 26.02.2017 16:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Austern Liebhaber

    Eine sehr gute Idee! Da sollten sich alle beteiligen.

  • Masi am 26.02.2017 14:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Guten Appetit

    Auf so eine Idee muss man erst einmal kommen. Hut ab. Gute Sache.

  • Markus Meier am 26.02.2017 13:23 Report Diesen Beitrag melden

    Trump wird die Förderung verhindern

    Ginge es um Kaviar... dann ja

  • Ueli am 26.02.2017 10:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ist schon lustig

    Hier geht's um eine gekonnte Küstenrettung durch Austerschalen und ihr redet euch die Köpfe heiss, ob die Dinger schmecken oder nicht. Meine Güte! Es soll Küstenbewohner geben, die weder die Bergwelt noch Gemsen als Delikatesse lieben. Und ausserdem: von den durch Schweizer gegessenen Austern werden ganz sicher keine Küsten gerettet.