Attacken in Deutschland

25. Juli 2016 13:47; Akt: 25.07.2016 13:47 Print

Wann ist es Terror, wann ein Amoklauf?

Mehrere Gewalttaten erschütterten Deutschland in den letzten Tagen. Mal war von einem Terrorakt, mal von einem Amoklauf die Rede. Kennen Sie den Unterschied der beiden Begriffe?

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Die tödlichen Attacken, die sich in Deutschland in den letzten Tagen ereigneten, rücken zwei Begriffe in den Vordergrund: Terror und Amoklauf. Zwischen beiden gilt es zu unterscheiden – obgleich beide dasselbe auslösen: Angst und Verunsicherung der Bevölkerung. Auf diese Wirkung zielt bewusst besonders der Terrorist ab.

Terrorismus ist ein politischer Begriff. Es ist systematisch geplante Gewalt, die sich gegen den gesellschaftlichen Status quo richtet und auf politische, religiöse oder ideologische Veränderung ausgerichtet ist. Dass Terroristen töten und zerstören, ist nur Mittel zum Zweck. Sie wollen vor allem Angst, Schrecken und Verunsicherung in die Gesellschaft tragen. Terrorakte sind unvorhersehbar und nicht zu kontrollieren. Oft richten sie sich gegen die Zivilbevölkerung oder symbolträchtige Ziele. Der Begriff geht auf das lateinische Wort «terrere» zurück, was «erschrecken» oder «einschüchtern» bedeutet.

Amoklauf ist ein psychologischer Begriff. In Asien nannte man sie «amucos» – Krieger, die den Feind ohne Angst vor dem Tod angreifen und vernichten. Heute beschreibt der Begriff blindwütige Aggressionen, mit und ohne Todesopfer. Die meisten Amokläufer sind männlich und mehrheitlich unauffällig, in vielen Fällen ledig oder geschieden. Neben psychisch kranken Tätern gibt es auch Amokläufer, die aus banalen Gründen plötzlich ausrasten. Angst, Demütigung oder Eifersucht haben sich oft lange aufgestaut, bevor es zur Katastrophe kommt. «Amok» kommt aus dem Malaiischen und bedeutet «wütend» oder «rasend». Dazu gibt es auch einen Kriegsruf javanischer und malaiischer Kämpfer: «Amok! Amok!»

Die jüngsten Attacken in Deutschland lassen sich nicht alle einwandfrei den beiden Kategorien zuweisen.

«Grenzbereich»: 18. Juli, Axt-Attacke Würzburg mit fünf Schwerverletzten
Der deutsche Innenminister Thomas de Maizière bezeichnete die Attacke eines 17-jährigen Afghanen als etwas, das «im Grenzgebiet zwischen Amoklauf und Terror» liege. Denn einerseits fanden die Ermittler ein Bekennervideo des jungen Täters, in dem er sich zur Terrormiliz Islamischer Staat bekennt. Andererseits handelte er wie ein Amokläufer, als er auf fünf asiatische Touristen einschlug: Amokläufer wollen meist völlig wahllos und willkürlich möglichst viele Personen verletzen oder töten.

Amoklauf: 22. Juli, Schiesserei vor Münchner Einkaufszentrum mit zehn Toten und 35 Verletzten
Der 18-jährige Deutsch-Iraner hat seine Opfer nach den bisherigen Ermittlungen nicht gezielt ausgesucht. Die Staatsanwaltschaft München schliesst einen politischen Hintergrund der Tat klar aus. Der Täter, der sich nach dem Blutbad selbst richtete, wurde zudem wegen einer psychiatrischen Erkrankung behandelt. Er verfasste zwar ein «Manifest» zu seinen Taten, das wohl aber keine islamistischen Hintergründe hatte, und besuchte Winnenden, den Ort eines früheren Amoklaufs. Nach Angaben der Ermittler spielte der Täter intensiv gewaltverherrlichende Videospiele wie «Counterstrike», auch das offenbar typisch für Amokläufer.

Vermuteter Terrorhintergrund: 24. Juli, Bombenanschlag in Ansbach mit zwölf Verletzten
Bayerns Innenminister Joachim Herrmann hält es für wahrscheinlich, dass der Anschlag am Sonntagabend das Werk eines islamistischen Selbstmordattentäters war.
Der mutmassliche Täter, ein 27-jähriger Flüchtling aus Syrien, starb bei der Explosion in der Nähe eines Open-Air-Konzerts. Aber auch hier ist die Grenze zwischen Terror und Amok nicht eindeutig: Der Syrer versuchte sich schon zwei Mal das Leben zu nehmen. Es ist noch unklar, ob er in suizidaler Absicht handelte oder andere Menschen mit in den Tod reissen wollte.

Eine genauere Zuordnung werden die laufenden Ermittlungen vielleicht noch ermöglichen. In der Zwischenzeit hilft auch die Unterscheidung, wie sie der «Spiegel» etwas lapidar, aber auf sehr einprägsame Art beschrieb: «Amokläufer sind gekränkte, verwirrte Typen. Und Terroristen verwirrte Typen mit Sendungsauftrag.»

(gux)