Giftmord an Kims Halbbruder

18. Februar 2017 21:07; Akt: 18.02.2017 21:07 Print

Das Geheimleben von Nordkoreas Führung

von Bernard Darko, AP - Der Mord an Kim Jong-uns Halbbruder dürfte wohl der spannendste Verschwörungs-Thriller sein, von dem die Nordkoreaner nie erfahren werden.

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«Seit sein Halbbruder 2011 die Macht übernahm, gab es den fixen Befehl zur Ermordung Kim Jong-nams», heisst es beim südkoreanischen Geheimdienst. Dabei sei es nicht so, dass Kim Jong-nam (r.) eine reale Gefahr für Kim Jong-un (l.) darstellte – vielmehr gehe der Befehl zur Exekution seines Halbbruders auf Kim Jong-uns Paranoia zurück. Der Personenkult um die Kim-Dynastie gehört zum öffentlichen Leben in Nordkorea. Der Platz mit den riesigen Statuen von Kim Il-sung und Kim Jong-il in Pyongyang ist ein Pilgerort für Menschen aus dem ganzen Land. (16. April 2012) Ein Foto von 1981 zeigt Kim Jong-nam mit seinem Vater Kim Jong-il. Der Junge sei das Ein und Alles für seinen Vater gewesen, von dessen Grossvater, Staatsgründer Kim Il-sung, aber abgelehnt worden, da das Kind aus einer inoffiziellen Beziehung stammte. Am Dienstag, 14. Februar, war der 45-jährige Kim Jong-nam in Malaysia getötet worden. Offenbar haben ihn zwei Agentinnen vergiftet. Zwei Frauen sollen ihn ermordet haben: Ein südkoreanischer TV-Sender zeigt in den Nachrichten den Halbbruder von Kim Jong-un, Kim Jong-nam, sowie die beiden Tatverdächtigen vor einem Restaurant in Pyongyang, Nordkorea. (15. Februar 2017) Eine Aufnahme der Überwachungskamera soll eine der Verdächtigen zeigen. (14. Februar 2017) Verstossen, weil er Disneyland sehen wollte: Der getötete Kim Jong-nam ist grosses Thema in den südkoreanischen Medien. (14. Februar 2017) Dieses Bild soll Kim Jong-nam am Flughafen Narita in Tokio zeigen. (4. Mai 2001) Kim Jong-il (rechts), Ende 2011 verstorben, und sein Sohn und designierter Nachfolger Kim Jong-un bei einer Militärparade zu Ehren der Arbeiterpartei Nordkoreas. (10. Oktober 2010) Der 33-jährige Kim Jong-un liebt die grossen Posen, wie etwa diese Selbstinszenierung auf dem höchsten Berg Nordkoreas, dem 2750 Meter hohen Mount Paektu. (18. April 2015) Kim Jong-un ist der dritte und jüngste Sohn von Kim Jong-il. Er gilt als unberechenbarer und grausamer Diktator. Im Dezember 2013 liess er seinen Onkel Jang Song-thaek (links), die graue Eminenz des Staates, hinrichten. (16. Februar) 2012) Der heutige Herrscher Nordkoreas (im Bild eingekreist) soll als Jugendlicher in der Schweiz gelebt haben, wo er ein Internat im Kanton Bern besuchte. Zudem studierte er an der Uni Genf. (Bild ohne Datumsangabe) Kim Jong-nam ist der älteste Bruder von Kim Jong-un. Er war als Nachfolger von Kim Jong-il vorgesehen gewesen, fiel aber in Ungnade. (28. Juli 2011) Kim Jong-il herrschte von 1994 bis Ende 2011. Als der «Geliebte Führer» starb, herrschte in ganz Nordkorea – weitgehend staatlich verordnet – grosse Trauer. (28. Dezember 2011) Seit der Staatsgründung 1948 wird Nordkorea von drei Generationen der Kim-Dynastie regiert. Kim Il-sung (1912–1994) verstand sich als Kommunist. Der erste Herrscher der Kim-Familie hat Kultstatus in Nordkorea. (21. Mai 1987) Während seiner 17-jährigen Herrschaft ging es Kim Jong-il (1941–2011) vor allem um Machterhaltung und Modernisierung des international isolierten Landes. (23. August 2002) Kim Jong-un – hier mit Ehefrau Ri Sol-ju und hochrangigen Militärs – macht dort weiter, wo sein Vater aufhörte. Parolen sind die Leitlinien der Kim-Diktatur zur Erziehung des Volkes. Das letztjährige Motto lautete: «Verwandeln wir das Land in ein sozialistisches Märchenland.» (18. Februar 2016)

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Die Regierung Nordkoreas enthält ihrer Bevölkerung so einiges vor. Falls die Nordkoreaner vom Tod von Kim Jong-nam erfahren würden, bräuchte die Regierung Nordkoreas vermutlich ein paar gute Erklärer, denn die wenigsten werden wissen, dass Kim überhaupt einen Halbbruder hatte.

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Kaum ein Land auf der Welt frönt einem so eifrigen Personenkult um sein Führungspersonal wie Nordkorea. Jegliche Information über den Machthaber wird sorgsam abgebürstet und ausgewählt, wodurch sogar grundlegende Details wie etwa Kims genaues Alter dem Volk verborgen bleiben.

Klare Erbfolge

Da scheint es fast vorhersehbar, dass die Existenz eines Halbbruders – und gerade die eines in der Führung in Pyongyang als rebellisch und freigeistig verrufenen – nie Teil der offiziellen Erzählung über Nordkoreas Herrscher war. Einfacher erscheint es wohl der Führung, die Erbfolge und Machtfrage so klar und direkt wie möglich zu gestalten. Im Grossen und Ganzen bedeutet das für die Kim-Dynastie: Grossvater, Vater und Sohn.

Vor diesem Hintergrund wirkt es wie eine Ironie der Geschichte – oder auch nicht –, dass die Berichte über das Attentat auf Kim Jong-nam am Flughafen von Kuala Lumpur zu einer Zeit kommen, in der das Land sich auf eine der grössten Feiern zu Ehren der Herrscherfamilie des Jahres vorbereitet.

Keine Meldung über Kim Jong-nams Tod

Anlass ist der «Tag des leuchtenden Sterns», der Jahrestag der Geburt des verstorbenen Führers Kim Jong-il, der sowohl Kim Jong-uns als auch Kim Jong-nams Vater war. Der einzige Feiertag, der noch wichtiger wäre, ist der «Tag der Sonne», an dem der Geburtstag von Kim Jong-uns Grossvater und Staatsgründer Kim Il-sung begangen wird, der auch als «ewiger Präsident» verehrt wird.

Tatsächlich ist die Kim-Verherrlichung in Nordkorea jederzeit zu besichtigen. Jahr für Jahr werden sogar Blumenfestivals mit Begonien und Orchideen namens «Kimilsungia» und «Kimjongilia» veranstaltet. Am Mittwoch etwa wurden in der Hauptstadt Pyongyang in Vorbereitung auf den grossen Feiertag schon Eiskunstlauf- und Schwimmwettbewerbe abgehalten. Eine Meldung über Kim Jong-nams Tod in den Staatsmedien? Fehlanzeige.

Sachlage schon lange problematisch

Auch andere Mitglieder im Stammbaum der Kims finden kaum oder gar nicht Erwähnung. Da wäre etwa Kim Jong-uns jüngere Schwester Kim Yo-jong, der eine gewichtige Rolle in der Führungsriege nachgesagt wird, was viele Nordkoreaner ebenfalls überraschen dürfte. Ihr Name taucht von Zeit zu Zeit auf offiziellen Gästelisten oder bei der Nennung von Parteiposten auf, wenn auch ohne jede nähere Erläuterung.

Kims anderer Bruder Kim Jong-chul und seine ältere Halbschwester Kim Sul-cong sollen ebenfalls Mitglieder der kommunistischen Partei sein und dort einen guten Stand haben. Bei Kim Jong-nam jedoch soll die Sachlage seit langem problematischer gewesen sein.

In Ungnade gefallen

Ehe sich Kim Jong-un als der klare Erbe seines Vaters herausschälte, galt sein Halbbruder einigen Beobachtern im Ausland als der mögliche Führer der neuen Generation in Nordkorea. Allerdings soll Kim Jong-nam in Ungnade gefallen sein, als er im Jahr 2001 an einem Flughafen in Japan erwischt wurde. Der junge Mann wollte dem Vernehmen nach das Disneyland in Tokio besuchen.

Jahrelang lebte Kim Jong-nam ausserhalb Nordkoreas. Er hat zudem einen Sohn, der in Frankreich studierte. Doch sind nur wenige solide Fakten über seine Person erhältlich. Er hatte sich sporadisch öffentlich geäussert und angedeutet, dass das Land Reformen brauche, um zu überleben. Zudem stellte er die Erbfolgeherrschaft in Nordkorea infrage. Zugleich deutete er an, dass er kein Verlangen nach der Macht seines Halbbruders hatte.

Zu bescheiden für Aufmerksamkeit

Das Tatmotiv für den Mord an Kim Jong-nam bleibt trotz alledem eines von vielen Rätseln rund um die Herrscherdynastie Nordkoreas. Und zu diesen gehört natürlich auch der Machthaber selbst. In den Medien im Land ist er zwar dauerpräsent, doch weiss niemand sicher, ob Kim Jong-un Kinder hat. Es wird vermutet, dass er mindestens eine Tochter hat.

Viele andere biografische Daten zu Kim sind allenfalls schemenhaft. Wenn man nordkoreanische Regierungsvertreter auf die Lücken anspricht, kommt regelmässig als Antwort, dass der junge Machthaber viel zu bescheiden sei, um so viel Aufmerksamkeit zu wollen.

Der Halbbruder von Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un ist tot

(Video: Tamedia/Reuters)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Respect am 18.02.2017 21:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Respekt?

    Der hat jeglichen Respekt gegenüber seinem Volk verloren.

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  • Schämu am 18.02.2017 21:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Armes Volk

    Das ist keine Führung sondern nur Schwäche, wenn man ungebetene einfach eliminieren lässt. Tragisch ist, dass nach Kim kein besserer kommt.

  • 1 Tap am 18.02.2017 21:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Aha bye

    Wäre es ein Erdogan Artikel hätte man 300 negativ Kommentare, aber hier ist js noch gar nix. Ausserdem: China ist auch ein Land das ihr Internet total überwacht, aber ihr kauft alle nur chinesische Produkte, was eine Heuchelei.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • miggeli am 19.02.2017 14:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    nordkorea

    ob man geschaeftlich oder privat in dieses land reist ist doch wohl 1 unterschied.

  • Redsnapper am 19.02.2017 12:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Aus nichts, wird nichts

    Es braucht ja keine enormen phsychologischen Kenntnisse, um zu erkennen, auf welcher Entwicklungstufe dieser Mensch sich befindet. Dass auf der ganzen Welt niemand gegen solche Spezies etwas unternimmt, ist schon sehr speziell.

  • Peter Meier am 19.02.2017 08:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hintergrundwissen

    Irgendwie stehen wenig Facts in den Medien. Kims Halbbruder hat vornemlich in Macau gewohnt, wo er unter speziellem Schutz der Chinesischen Geheimdienste stand. Nun hat er den Fehler gemacht seine geschützte Umgebung zu verlassen und das Regime hat zugeschlagen.

    • Cartman1993 am 19.02.2017 19:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Peter Meier

      wenn man diesen falschen fakten glauben will, ist er schon seit ca. 5 Jahren nicht mehr in korea gewesen

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  • susi am 19.02.2017 07:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    nord korea

    man muss dort nur falsch husten und schon ist man auf der todesliste oder man kommt in eines der beruechtigten todeslager. und die welt schaut zu.

    • Rene am 19.02.2017 09:10 Report Diesen Beitrag melden

      Nordkorea

      Es ist weder nord noch korea sondern nordkorea. Wir leben ja auch nicht in der Schw Eiz

    • Kim am 19.02.2017 10:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Rene

      Sie hätten eine gross Parteikarriere in Nord Korea vor sich.

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  • Toni. S. am 19.02.2017 06:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Seine Unfähigkeit macht ihn Gefährlich...

    Ich finde, dass er mit Brutalität, Einschüchterung und Drohgebärden seine Unfähigkeit als Herrscher verschleiert und das macht ihn Gefährlich. Und das mit dem Fernglas, hat er wohl aus einem Kriegsfilm, wo grosse Feldherren das Geschehen verfolgen...