Bernerin bloggt aus Monrovia

07. November 2014 14:00; Akt: 07.11.2014 14:00 Print

«Das Kopfweh einer Kollegin löst Alarm aus»

Dass die Bernerin Miriam Kasztura in einem Ebola-Behandlungszentrum arbeitet und nicht in einem normalen Spital, zeigt sich an einem sonst harmlosen Vorfall.

Bildstrecke im Grossformat »
Im Ebola-Behandlungszentrum von MFS lernte schnell, wie man einen Schutzanzug korrekt an- und auszieht. Im Ankleideraum befinden sich grosse Spiegel. Nicht um zu sehen, ob man gut aussieht. Man überprüft, dass kein einziges bisschen Haut unbedeckt ist. Allein kann man den Schutzanzug nicht anziehen. Man braucht die Hilfe der Kollegen. Auch die Betreuung von Patienten im Schutzanzug muss man lernen. Miriam Kasztura zieht den Ebola-Schutzanzug an, bevor sie in die Patienten-Zone betritt. lebte sich schnell ein im Ebola-Zentrum von MSF in Liberias Hauptstadt Monrovia. Eindrücke von einem in Monrovia mit den vielen «Sonnenschirmgeschäften»: Diese Länden bestehen aus einem Schirm und einem Tisch mit der Ware drauf. Hier im Zentrum sind die Häuser solide gebaut. Weiter draussen haben sie nur noch Wellblechdächer. Wenn ein grosser Regen kommt - was hier oft der Fall ist - versteht man sein eigenes Wort nicht mehr. In Monrovia gibt es viele gelbe Taxis. Sie werden oft wo voll wie möglich beladen - manchmal mit bis zu sechs Personen. Miriam Kasztura besuchte auch in Monrovia. Diese sind wegen Ebola so überlastet, dass sie Menschen mit anderen Krankheiten und schwangere Frauen abweisen müssen. Die Folge: Es sterben noch mehr Menschen. Überall in Monrovia studieren die Menschen Tipps, wie man Ebola vermeiden kann. Auf dem Markt fällt auf, dass die Menschen möglichst keine Fremden berühren. Solche riesigen Ebola-Plakate sind unübersehbar. Eimer mit Chlorlösung sind ebenfalls überall zu finden. Hier bedienen sich die Menschen, damit sie ihre Umgebung - zum Beispiel in ihren Geschäften - regelmässig desinfizieren können. im Ebola-Behandlungszentrum von MSF in Monrovia angekommen. Hier wird die Berner Pflegefachfrau fünf Wochen im Einsatz sein. Seit August 2014 betreibt die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen dieses Zentrum. Hygiene ist in einer Ebola-Krankenstation oberstes Gebot. Alles wird regelmässig desinfiziert. Hunderte von Gummistiefeln werden jeden Tag desinfiziert. Die Schutzbekleidung wird nach jedem Gebrauch gewaschen. Das Schönste ist es, wenn man geheilte Patienten entlassen kann. Seit März 2014 sind Ärzte ohne Grenzen (MSF) in Westafrika im Einsatz, um die Ebola-Epidemie einzudämmen und Erkrankte zu behandeln. Die Organisation betreibt Ebola-Behandlungszentren in Guinea, Liberia und Sierra Leone. Fast 3'000 MSF-Mitarbeiter arbeiten zurzeit in den drei Ländern. MSF finanziert sich über .

Miriams Ebola-Blog
Die Berner Pflegefachfrau Miriam Kasztura arbeitet für Ärzte ohne Grenzen in Liberias Hauptstadt Monrovia. Für 20 Minuten bloggt die 32-Jährige über ihren Alltag im Epizentrum von Ebola.
Der Schubkarren-Schock
  • ...


Im Ebola-Behandlungszentrum hat Miriam Kasztura (siehe Interview) einen kleinen Schock, als ein neuer Patient eingeliefert wird. Und sie bewundert die Handwerker.

«Heute wurde ich um 4 Uhr morgens von einem gewaltigen Platzregen geweckt. Der Regen machte einen riesigen Lärm auf dem Dach. Erst drei Stunden später beruhigte sich das Wetter. Der Regen brachte aber auch eine willkommene Abkühlung.

Im Behandlungszentrum angekommen, begann als Erstes die Suche nach kleinen Gummistiefeln für mich. Glücklicherweise kannte mich der Gummistiefelverantwortliche bereits und half mir rasch, ein passendes Paar zu finden. Danach ging ich die Laborresultate der Patienten von gestern anschauen. Das Testresultat des 13-jährigen Mädchens war negativ. Um aber sicher zu gehen, dass sie kein Ebola hat, müssen wir den Test heute nochmals wiederholen, denn ihre Symptome haben vor weniger als drei Tagen begonnen.

Half Miriam, ein passendes Paar zu finden: Der Gummistiefelverantwortliche (Bild: Caitlin Ryan/MSF)

Auf dem Weg zur Triage sehe ich sie auf der anderen Seite der Absperrung vor dem Zelt sitzen. Sie sieht ein wenig verloren aus, aber die Ebola-Überlebenden, die jetzt mit MSF arbeiten, besuchen sie oft und das Team der Sozialarbeiter ermöglicht ihr, mit ihrer Familie via Telefon in Kontakt zu sein.

In einem der grossen Zelte für die Verdachtsfälle müssen Renovationsarbeiten durchgeführt werden. Damit das Regenwasser ablaufen kann, schaufeln die Handwerker einen Graben und das bekleidet in kompletten Schutzanzügen. Ich will gar nicht daran denken, wie heiss es in so einem Schutzanzug ist, wenn man harte körperliche Arbeit ausführt. Ein Logistiker überwacht die Handwerker, um sicher zu gehen, dass der Schutzanzug intakt bleibt und nicht verrutscht. Oft fragt er die Arbeiter «Mögt ihr noch? Sagt bitte, wenn ihr eine Pause braucht.»

Sitzen hinter der Absperrung: Die Patienten mit Ebola-Verdacht.(Bild: Caitlin Ryan/MSF)

In der brennenden Mittagssonne bringt ein Mann seinen Bruder zur Triage in einer Schubkarre. Dieser Anblick schockiert mich, denn das habe ich bis jetzt nur in akuten Konfliktzonen gesehen. Irgendwie finde ich es schlimm, dass eine Person wie Material transportiert wird. Aber eigentlich ist das eine gute Transportmöglichkeit. Nach ein paar Fragen war klar, dass der Mann in der Schubkarre einen Autounfall hatte und nach zwei Monaten immer noch an Folgeschäden litt, sodass er mittlerweile nicht mehr gehen kann - deshalb die Schubkarre. Erneut wird mir klar, wie gross das Problem ist, dass keine staatliche Gesundheitsversorgung mehr existiert.

Am Nachmittag beklagte sich eine Mitarbeiterin über Kopfschmerzen. Sofort wurde sie in die Personalklinik geschickt, wo sie untersucht und behandelt wurde. Natürlich wurde sie für den Rest des Tages krankgeschrieben. Wie bitte? Wegen Kopfschmerzen? Ja, denn das könnte auch ein Symptom von Ebola sein. Die restlichen Mitarbeiter waren besorgt und kontaktierten sie später um zu sehen, ob sie sich besser fühlte. Das tat sie glücklicherweise. Es war ein falscher, aber lebenswichtiger Alarm gewesen.

Nach 11 Stunden im Ebola-Behandlungszentrum kam ich ziemlich verschwitzt, hungrig und müde nach Hause.

Damit endet der Blog von Miriam Kasztura aus dem Ebola-Behandlungszentrum von MFS in Liberias Hauptstadt Monrovia. Insgesamt wird die Bernerin sechs Wochen dort im Einsatz sein.

Seit März 2014 sind Ärzte ohne Grenzen (MSF) in Westafrika im Einsatz, um die Ebola-Epidemie einzudämmen und Erkrankte zu behandeln. Die Organisation betreibt Ebola-Behandlungszentren in Guinea, Liberia und Sierra Leone. Fast 3'000 MSF-Mitarbeiter arbeiten zurzeit in den drei Ländern. MSF finanziert sich über Spenden.

Der erste Arbeitstag
  • ...
(Bild: Miriam Kasztura/MSF)

Im Ebola-Behandlungszentrum lernt Miriam Kasztura, im Schutzanzug zu arbeiten, und betreut ein krankes Mädchen.

«Die Fahrt von unserer Unterkunft zum Ebola-Behandlungszentrum dauert ungefähr eine halbe Stunde. Eine vierspurige Strasse verbindet das Zentrum mit den südlichen Stadtvierteln.

Bereits am Morgen waren viele Leute unterwegs, mit dem Auto und zu Fuss. Die Menschen, speziell die Frauen, sind unglaublich farbig angezogen, mit Röcken aus dem typischen Waxprint. Ich höre das ständige Hupen und Ambulanzsirenen. Es stank nach Abgasen, und hin und wieder kam eine schwarze Wolke aus dem Auspuff eines Lastwagens.

Unglaublich farbig: Die Kleider in Monrovia. (Bild: Keystone/AP)

Die vielen gelben Taxis sind oft uralt und tuckerten halb kaputt noch durch die Stadt. Die Fahrer hupten, um potentiellen Kunden mittzuteilen, dass da noch ein Platz frei sei, wie man mir erklärt hat. Aber auch sonst wird oft gehupt auf der Strasse, einfach um zu sagen «Ich überhole dich» oder «Achtung, ich habe Vortritt», aber auch «Geh nur, ich lasse dich in die Strasse einbiegen» und sicher bei vielen anderen Gelegenheiten, die ich noch nicht verstanden habe...

Gehören zum Strassenbild: Die gelben Taxis. (Bild: Keystone/AP)

Im Ebola-Behandlungszentrum wurde ich der Triage zugeteilt. Heute Morgen brachte ein Vater sein 13-jähriges Mädchen zu uns. Es hatte Fieber und fühlte sich müde. Zudem war seine Mutter an Ebola verstorben. Sein Vater und Bruder waren beide an Ebola erkrankt, konnten aber das Behandlungszentrum geheilt verlassen. Das Mädchen erfüllte die Eintrittskriterien, um in die Abteilung für die Verdachtsfälle aufgenommen zu werden.

Mit einer liberianischen Arbeitskollegin ging ich den Schutzanzug anziehen, um die Patientin auf die andere Seite der Sicherheitsabschrankung zu begleiten. Im Ankleideraum befinden sich grosse Spiegel, damit man sich versichern kann, dass kein einziges bisschen Haut unbedeckt bleibt.

Dann begleiteten wir das Mädchen zur Abteilung. «Hast du Angst?», fragte ich sie. Tapfer antwortet sie mir: «Nein, mein Vater ist geheilt von hier zurückgekommen.» Das Mädchen machte einen Ebola-Bluttest, dessen Resultat am Ende des Tages zurückkommen wird. Morgen früh werde ich als erstes die Laborresultate überprüfen.

Mit meiner Kollegin aus Liberia gingen wir alle Schritte durch, um den Schutzanzug sicher auszuziehen. Der ganze Prozess dauert ungefähr 20 Minuten. Ein Helfer stand mir gegenüber und instruierte mich Schritt für Schritt: «Jetzt wasche deine Handschuhe. Gut, und jetzt nimm den Schurz ab» usw. So schälte ich mich Schicht für Schicht aus dem Anzug heraus. «Jetzt geh, ruh dich aus und trink viel Wasser», waren seine letzten Anweisungen, bevor ich total durchgeschwitzt zurück zur Triage ging.

Dauert 20 Minuten: Den Schutzanzug anziehen. (Bild: MSF)

Später kam ein älterer Herr zu uns, dessen Angaben nicht so wirklich die Eintrittskriterien erfüllten. Nach langem Nachfragen erfuhren wir, dass seine Frau an Ebola gestorben war, aber vor mehr als zwei Monaten, was heisst, dass die maximale Inkubationszeit schon vorbei ist, und er sich daher nicht von seiner Frau angesteckt haben kann.

Nach dem Tod seiner Frau wurde seine Tochter von ihrem Vermieter vor die Tür gestellt, und auch er selbst wird von den Nachbarn ausgestossen. Er wollte nur einen Bluttest, um zu beweisen, dass er nicht an Ebola erkrankt ist und erhoffte sich so, seine Nachbarn zu beruhigen. Dies zeigte mir, dass die Stigmatisierung von Ebola-Patienten immer noch ein sehr grosses Problem in Liberia ist.

Am Ende des Tages, so gegen 19 Uhr, fahren wir den gleichen Weg zurück nach Hause. Die Sonne brennt nicht mehr so fest wie tagsüber und eine leichte, angenehme Brise bringt die salzige Meeresluft in die Stadt. Ein anderer langer Tag geht zu Ende in Monrovia.»

Besuch in einem Spital
  • ...
Wegen Ebola so überlastet, dass viele Menschen mit anderen Krankheiten und schwangere Frauen abgeweisen werden: Gesundheitszentrum in Monrovia. (Bild: Keystone/AP)

Miriam Kasztura besucht an ihrem zweiten Tag Gesundheitszentren und das Zentrum von Monrovia. Sie ist erschüttert, wie sehr sich Ebola auf den Alltag der Menschen auswirkt.

«Am zweiten Tag ging ich mit meinem Projektteam Gesundheitszentren besuchen, die keine Ebola-Patienten behandeln. Mittlerweile haben nämlich die Leute in Monrovia kaum mehr Zugang zur allgemeinen Gesundheitsversorgung. So führen zum Beispiel Malaria oder eine Geburt wieder zu erhöhter Sterblichkeit. Der Grossteil der Spitäler in Monrovia ist momentan geschlossen - stellt euch vor, in Zürich wären alle Spitäler geschlossen und einzig zwei Stockwerke im Unispital offen.

Deshalb plant MSF, in Monrovia ein Ebola-Transit-Zentrum zu eröffnen. Damit könnten wir den Gesundheitszentren helfen, die Menschen rasch zu isolieren und an die Behandlungszentren zu überweisen, welche vermutlich an Ebola erkrankt sind. Dann könnten die Spitäler die allgemeine Gesundheitsversorgung langsam wieder übernehmen, ohne das Personal in Gefahr zu bringen.

Interessant war auch ein Spaziergang durchs Zentrum von Monrovia: Es ist voller Menschen, an beiden Strassenrändern gibt es Marktstände. Ein scheinbar normales Leben findet hier statt. Wenn man aber genauer hinschaut, sieht man die Eimer mit Chlorlösung vor fast jedem Geschäft. Oder die grossen Informationsposter mit Erklärungen, wie man sich vor einer Ebola-Ansteckung schützen kann niemandem die Hand geben, Kranke ins Behandlungszentrum bringen, den Körper eines Verstorbenen nicht berühren.

Berühren möglichst keine Fremden: Menschen auf dem Markt. (Bild: Keystone/AP)

Auch die Kinder verhalten sich anders als sonst. Anstatt dass sie angerannt kommen, um fremden Weissen die Hand zu geben, bleiben sie jetzt ein bis zwei Meter vorher stehen. Aber das Leuchten in den Augen und das scheue Lächeln ist noch immer das Gleiche.»

Ankunft in Monrovia
  • ...
(Bild: MSF)

Miriam Kasztura ist im Ebola-Behandlungszentrum von MSF in Liberias Hauptstadt angekommen. Schon am ersten Tag erfährt sie einiges über ihren künftigen Arbeitsplatz.

«Mitten in der Nacht in Monrovia angekommen - nach einem Flug via Casablanca in Marokko und Freetown in Sierra Leone. Die Reise dauerte insgesamt elf Stunden. Trotzdem: Es war ein angenehmer Flug, ich traf Mitarbeiter vom Australischen Roten Kreuz und der WHO.

Am ersten Tag stand ein Besuch des riesigen ELWA-3-Ebola-Behandlungszentrums von MSF auf dem Programm. Natürlich gingen wir vorerst nur in die «low-risk»-Abteilung, wo sich keine Patienten befinden. ELWA 3 hat eine Kapazität von 250 Betten. So ein Zentrum muss genau kontrolliert werden eine gigantische logistische Aufgabe.

In der Patientenzone arbeiten die Ärzte und Pflegefachleute in Schichten und haben im Voraus genau definierte Aufgaben: Medikamenten-Ausgabe, Hygiene-Runde bei den Patienten, Essensausgabe, Ärztevisite und so weiter.

Die Teams machen sich abgestuft alle 15 Minuten mit dem kompletten Schutzanzug bereit, um dann während maximal einer Stunde ihrer spezifischen Aufgabe nachzugehen.

Man schwitzt wahnsinnig viel in diesen Anzügen, denn es ist 36 Grad heiss in Monrovia und die Luftfeuchtigkeit Ende der Regenzeit sehr hoch. Nach einer Stunde in einem Schutzanzug kommen die Pfleger total durchtränkt heraus, als ob sie in einen Platzregen geraten wären... Danach wird die Bekleidung gewaschen. Hunderte von Gummistiefeln werden jeden Tag desinfiziert.

Ich durfte heute zusehen wie fünf geheilte Patienten entlassen wurden, darunter ein 2-jähriger Junge. Dies war ein sehr emotionaler Moment für mich. Ich spürte die Freude der geheilten Patienten, und auch der australische Arzt, der den Jungen behandelte, hatte Tränen in den Augen.»

In der Ebola-Station: «Hunderte Gummistiefel werden täglich desinfiziert.» (Bild: AFP)

Seit März 2014 sind Ärzte ohne Grenzen (MSF) in Westafrika im Einsatz, um die Ebola-Epidemie einzudämmen und Erkrankte zu behandeln. Die Organisation betreibt Ebola-Behandlungszentren in Guinea, Liberia und Sierra Leone. Fast 3'000 MSF-Mitarbeiter arbeiten zurzeit in den drei Ländern. MSF finanziert sich über Spenden.