Mord an Ausländern

08. November 2012 13:46; Akt: 08.11.2012 14:13 Print

Rechtsterroristin Zschäpe angeklagt

Die NSU-Terroristin Beate Zschäpe ist von der deutschen Bundesanwaltschaft angeklagt worden. Die NSU-Terrorzelle wird des Mordes an zehn Ausländern verdächtigt.

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Die Hauptverdächtigen in der NSU-Mordserie: (v.l.). Die Gruppe soll verantwortlich sein für den Mord an der Heilbronner Polizistin Michele K. im April 2007 und der an acht türkischstämmigen und einem griechischen Opfer in den Jahren 2000 bis 2006 (Details zu den Mordopfern finden Sie in dieser Bildstrecke). Ein vierter Verdächtiger wurde am 13. November 2011 festgenommen. Holger G. (nicht im Bild) soll im Hintergrund die Strippen gezogen haben, wie deutsche Medien berichteten. Die Mordserie war aufgeflogen, nachdem Bönhardt und Mundlos eine Bank in Eisenach überfallen hatten und ... ... die Polizei ihnen dabei auf die Spur kam. Bevor die Beamten die Männer allerdings schnappten, nahmen sie sich in diesem Wohnwagen das Leben. Die Polizei fand im Wohnwagen mehrere Schusswaffen... ... darunter eine Dienstwaffe der niedersächsischen Polizei vom Typ «Heckler und Koch P2000» (Foto vom 8.4.02). Es soll sich bei der Pistole um die Waffe handeln, die bei einem Polizistenmord in Heilbronn im Jahr 2007 gestohlen worden ist. Uwe Bönhardt und Uwe Mundlos hatten vor ihrem Selbstmord noch Beate Zschäpe angerufen. Die Männer trugen der Komplizin auf, sämtliche Spuren in der gemeinsamen Wohnung in Zwickau zu vernichten. Die 36-Jährige sprengte in der Folge die Wohnung in die Luft und ... ... stellte sich später auf der Polizeiinspektion Jena. «Ich bin die, die ihr sucht», soll sie gesagt haben. In der Folge schwieg sie. Wie am Sonntag, 13. November 2011, bekannt wurde mit dem Ziel eines Deals mit dem Gericht: Sie will nur aussagen, wenn sie als Kronzeugin gegen ihre toten Komplizen aussagen kann. Sie erhofft sich dadurch Strafmilderung. Die Polizei fand im Haus mehrere DVDs mit Geständnissen der Neonazis. Sie prahlten auf den Videos mit dem Tod von acht Türken und einem Griechen, die auf ihr Konto gehen sollen. Ausserdem fanden die Beamten mehrere Waffen. Die Polizei fand auch die Pistole, die in der Mordserie benutzt wurde, die Deutschland während Jahren in Atem hielt: Eine Pistole der Marke Ceska, Modell 83, Kaliber 7,65 Millimeter «Browning». Die roten Kreise auf dem oberen Bild zeigen die Stellen, an denen die Waffennummer eingraviert ist. Das Terrortrio soll auch für den Nagelbombenanschlag in Köln am 9. Juni 2004 verantwortlich sein. In der überwiegend von Türken bewohnten Keupstrasse wurden damals 22 Personen zum Teil lebensgefährlich verletzt. Nun zu ihren Mordopfern 14. Dezember 1961 bis 11. September 2000 Ort: Nürnberg Blumenhändler Enver Simsek aus Schlüchtern in Hessen übernimmt an einem Samstag in Nürnberg eine Urlaubsvertretung und wird in den Mittagsstunden an seinem Marktstand mit acht Schüssen aus zwei Pistolen niedergestreckt. Er erliegt zwei Tage später im Spital seinen Verletzungen. Rechts im Bild seine Tochter Semiya bei der Vorstellung ihres 2013 erschienenen Buches «Schmerzliche Heimat. Deutschland und der Mord an meinem Vater». 1952 bis 13. Juni 2001 Ort: Nürnberg Abdurrahim Özüdogru lebt über 20 Jahre in Deutschland. Der geschiedene Vater einer Tochter, die zum Tatzeitpunkt 19 Jahre alt ist, arbeitet in einer Fabrik und verdient sich mit Scheiderarbeiten nach Feierabend ein karges Zubrot. Er wird ebenfalls in Nürnberg ermordet: Zwei Kopfschüsse töten ihn auf offener Strasse. 1970 bis 27. Juni 2001 Ort: Hamburg Süleyman Tasköprü wird in einem kleinen Gemüseladen in einer Seitenstrasse im Stadtteil Bahrenfeld erschossen. Ermittler spekulieren, das Opfer habe Kontakt zu kriminellen Kiez-Grössen. «Ich bin froh, dass nichts an den Gerüchten dran war», sagt später Esma M. aus der benachbarten Bäckerei gegenüber der «Hamburger Morgenpost». «Seine Mutter hatte sehr drunter gelitten.» 1963 bis 29. August 2001 Ort: München Eine Kundin betritt um elf Uhr morgens den Gemüseladen von Habil Kilic. Als sie dem Geräusch eines Röchelns in einen Seitenraum folgt, findet sie den Besitzer blutüberströmt am Boden liegend. Er stirbt noch am Tatort und hinterlässt neben seiner Frau eine damals zwölf Jahre alte Tochter. Die Polizei sieht Zusammenhänge zwischen den ersten vier Morden, vermutet die Täter aber unter Landsleuten der Opfer. Stichworte: Drogen, Schutzgeld oder Ehrenmord. 1979 bis 25.Februar 2004 Ort: Rostock Zweieinhalb Jahre hält die NSU die Füsse still, dann trifft es Mehmet Turgut, der auf der Strasse erschossen wird. Er war erst zehn Tag vor seinem Tod von Hamburg nach Rostock gezogen, um in einer Imbissbude zu arbeiten. Die Polizei sucht nach Verbindungen zum Hamburger Opfer, wird aber nicht fündig. 1955 bis 5.Juni 2005 Ort: Nürnberg Fünf Schüsse in Kopf und Herz nehmen smail Yaar 2005 das Leben. Er wird in seinem Dönerladen ermordet. Zeugen beobachten zwei Verdächtige auf Velos und sehen die Männer später, wie sie die Räder in einem Auto verstauen. Ihre Phantombilder ähneln denen der Verdächtigen vom Nagebombenattentat von 2004, doch die Ermittler aus Köln und München finden keine weiteren Gemeinsamkeiten und verfolgen die Spur nicht weiter. Stattdessen wird die SoKo Bosporus gegründet (, die 2008 wieder aufgelöst wird. Einige Polizisten arbeiten anschliessend privat an dem Fall weiter). 1964 bis 15. Juni 2005 Ort: München Erst vor zwei Wochen hatte der Schlüsseldienst seine Pforten geöffnet, als der Angestellte Theodoros Boulgarides seinen Mördern begegnet. Sie schiessen dem Mann hinter dem tresen ins Gesicht und umqueren ihn anschliessend, um das einzige griechische Opfer der Mordserie anschliessend mit zwei Kopfschüssen hinzurichten. Boulgarides hatte seit 32 Jahren in München gelebt und hinterlässt seine Frau sowie zwei Töchter (15 und 18). 1967 bis 4. April 2006 Ort: Dortmund Der Kioskbesitzer Mehmet Kubasik ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Er wird gegen Mittag in seinem Geschäft an einer stark befahrenen Strasse erschossen. Nach wie vor schliesst die Polizei einen rechtsextremen Hintergrund der Mordserie aus. 1985 bis 6. April 2006 Ort: Kassel Halit Yozgat hat gerade in Kassel ein Internet-Cafe eröffnet und ist nur noch vor Ort, weil sich ein Mitarbeiter verspätet. Er wird mit zwei Schüssen getötet. Fünf Kunden sind zur Tatzeit im Geschäft, vier davon melden sich bei der Polizei. Der fünfte ist ein V-Mann des Verfassungsschutzes, stellt sich später heraus. Ebenso, dass ein Mitarbeiter der Pathologie dem Toten das Handy aus der Hosentasche nimmt und einsteckt. Warum die Polizei es nicht am Tatort beschlagnahmt hat, ist unklar. 1985 bis 25. April 2007 Ort: Heilbronn Die junge Polizisten Michèle Kiesewetter parkiert mit ihrem Kollegen gegen Mittag an einer Wiese, wohl um Pause zu machen. Nachdem Passanten mehrere Schüsse hören, finden sie die 22-Jährihe tot und ihren zwei Jahre älteren Kollegen schwer verletzt. Im November 2011 wird die Tat der NSU zugerechnet.

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Die deutsche Bundesanwaltschaft hat Anklage gegen die mutmassliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe erhoben. Der Fall soll in München vor dem Staatsschutzsenat verhandelt werden, wie das Oberlandesgericht München am Donnerstag mitteilte.

Zschäpe ist die einzige Überlebende des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Die Terrorzelle soll für zehn Morde verantwortlich sein. Die Opfer waren neun Kleinunternehmer türkischer und griechischer Herkunft sowie eine Polizistin.

Im November 2011 war die Gruppe nach einem Banküberfall im thüringischen Eisenach aufgeflogen. Zschäpes Kameraden Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt wurden tot in ihrem Wohnmobil gefunden, Zschäpe stellte sich kurz darauf der Polizei.

(sda)