Acht Sekunden Unabhängigkeit

11. Oktober 2017 10:14; Akt: 11.10.2017 15:02 Print

Gesichter eines Traums – vorher und nachher

Regionalchef Puigdemont rief die Unabhängigkeit Kataloniens aus – und widerrief sie umgehend. Was das mit den Gesichtern der Befürwortern machte und wie es jetzt weitergeht, lesen Sie hier.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Der katalanische Regionalpräsident Puigdemont hat eine Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet – und sie acht Sekunden später wieder ausgesetzt. Der geplatzte Traum von der Unabhängigkeit spielte sich in den Gesichtern der Zuschauer wieder, die die Rede Puigdemonts auf Grossleinwänden in Barcelona verfolgten (siehe Bildstrecke). Hier ein Vorgeschmack:


Wie ist die beschwichtigende Geste Puigdemonts einzuschätzen und wie geht es jetzt weiter? Antworten von Spanien-Experte Kai-Olaf Lang von der Stiftung für Wissenschaft und Politik.

Herr Lang, Puigdemont will mit der Unabhängigkeitserklärung noch warten und mit Madrid in den Dialog treten. Wie schätzen Sie seine Ankündigung ein?
Es war eine sehr vorsichtige Rede. Puigdemont hat versucht, einen Spagat hinzubekommen. Auf der einen Seite kann er das Ergebnis des eigenen Referendums nicht ignorieren, sonst würde er von seiner Basis nicht mehr ernst genommen. Es ist auch seine Überzeugung, dass er sich daran halten muss. Der Druck auf ihn, die Unabhängigkeit auszurufen war gross. Gleichzeitig hat er sich gegen einen raschen Marsch Richtung Eigenständigkeit entschieden: Er will die Tür für Gespräche mit Madrid nicht zuschlagen. Jetzt hat er Zeit gewonnen und den Ball Madrid zugespielt.

War das richtig?
In der jetzigen Situation ja. Hätte er den Startschuss zur Eigenstaatlichkeit gegeben, wäre Madrid sofort und sehr hart gegen die katalanische Regierung vorgegangen: Eine neue Eskalation wäre hereingebrochen, eine Kollision mit dem spanischen Staat. Insofern hat er jetzt nochmals versucht, einen Gesprächskorridor zu öffnen – das ist staatsmännische Verantwortung.

Madrids Voraussetzung für den Dialog war, dass Katalonien von einer Unabhängigkeitserklärung absieht. Das ist jetzt passiert, Puigdemont kann den Spiess jetzt quasi umdrehen und das Gespräch verlangen.

Was passiert jetzt?
Man muss Madrids Reaktion abwarten. Der Zentralregierung wird es aber sehr schwer fallen, Gespräche zu eröffnen. Das gilt auch dafür, eine internationale Vermittlung zuzulassen. Das wäre ein Eingeständnis von Schwäche. Rajoy steht ebenfalls unter grossem Druck, von seiner Partei, der spanischen Öffentlichkeit. Akzeptiert er jetzt internationale Vermittler, wäre das ein Signal von «Ich habe es nicht im Griff». Er wird davon ausgehen, dass seine Strategie der Härte gefruchtet hat und Barcelona im letzten Moment vor der Unabhängigkeitserklärung zurückgeschreckt ist. Madrid wird aber in keinem Fall über die Abhaltung eines Referendums mit sich reden lassen.

Welche Reaktionen sind seitens Puigdemonts Basis zu erwarten?
Teile seiner Anhängerschaft sind sicher nicht zufrieden. Die antikapitalistische CUP-Partei und andere Befürworter der Unabhängigkeit halten das Abstimmungsresultat für ein klares Mandat, das die Regionalregierung dazu ermächtigt, effektive Schritte zu unternehmen. Dieser Teil ist zwar nicht die Mehrheit, aber doch relevant. Die zu allem Entschlossenen und die Gemässigten zusammenzuhalten, ist nun die Herausforderung für Puigdemont.

Was, wenn Madrid den Dialog nicht will?
Dann verhungert Puigdemont. Das wäre das Zeichen, dass all die Kompromiss- und Gesprächsbereitschaft nicht funktioniert hat. Puigdemont wäre dann in der Situation, entweder abzutreten oder aber alle Kräfte der Entschlossenen zu bündeln und die einseitige Unabhängigkeit doch noch auszurufen. Die Unabhängigkeitserklärung ist zunächst ausgesetzt, aber ewig durchhalten kann er das nicht. Es ist immer noch eine heikle Phase. Puigdemont hat einen Befreiungsschlag gemacht. Das Konzept kann aber nur aufgehen, wenn Madrid den Dialog annimmt. Und das ist offen. Die grosse Eskalation ist vorerst abgewendet, aber die Ungewissheit geht weiter.

(kko)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Denis am 10.10.2017 21:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Spanien

    Das ist doch ein rieses Theater das Geld Kostet.

    einklappen einklappen
  • Observateur am 10.10.2017 22:47 Report Diesen Beitrag melden

    Rajoy gewinnt Pokerspiel!

    Da muss man weiss Gott kein Experte sein - Puidgdemont hat hoch gepokert und sogar seine eigene Bevölkerung für sein "Unabhängigkeitswille" instrumentalisiert und aufgehetzt; nun weiss er aber selber, dass er keine Verbündete im In- und Ausland hat und versucht auf Gespräche mit Madrid zu hoffen... Rajoy weiss jedoch genau, dass er das überhaupt nicht machen muss um zu gewinnen und wird die Sache ganz einfach aussitzen lassen und warten. Bestenfalls kann Puigdemont abtreten, ansonsten wartet eine Gefängniszelle auf ihn.... Absolut schlecht gepokert von Puigdemont, not very smart...voilà tout!

    einklappen einklappen
  • Bob70 am 10.10.2017 21:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Muss nicht sein

    Schade!So eine simpatische Land.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • pedro am 12.10.2017 00:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    glauben sie nicht alles

    nur ne kleine Anmerkung...von den Leuten die am Sonntag demonstriert haben waren viele viele aus Rest Spanien und wurden mit Busen gratis oder fast gratis von der Regierung geschickt...und wartet mal ab was die basken noch machen werden!!! leider leider war das nur der Anfang

    • Freier Politberater am 12.10.2017 11:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @pedro

      Das zeigt klar, dass Spaniens Kolonialzeit am Ende ist. Die Völker wollen frei leben und nicht von einer Zentralregierung regiert werden. Ich denke, dass ein neues Paradigmawechsel in Spanien her muss, sonst droht Abspaltungen in der EU-Spanien. Mit diktatorischen Mittel aus der Kolonialzeit kann man heute keine Menschen mehr führen.

    einklappen einklappen
  • Ady am 11.10.2017 22:31 Report Diesen Beitrag melden

    Alle gleich

    Wo ist merkel? Wo sind die alle wo sonst über andere länder entscheiden? Das zeig wiedermal das gesicht von europäern. Demokratie ja, aber nicht für alle gleich... wir sind so dreckig.. Was wir immer vergessen.. wir sind alle menschen, nur zufällig sind wir als spanier oder italiener geboren.. rein nur zufällig!!

  • L. Lorenzo am 11.10.2017 21:22 Report Diesen Beitrag melden

    Nur 1 Lösung

    Puigdemont verhaften, Regierung in Madrid zum Rücktritt zwingen und Rajoy wegen 900-facher Körperverletzung verklagen. Und das Königshaus sollte auch gleich dicht gemacht werden. Verstehe nicht, weshalb fast alle Länder auf der Welt von völlig unfähigen Typen regiert oder geführt werden - es gibt doch auch Menschen, die denken können! Die haben mit ihrem Kindergarten bereits einen riesigen Schaden angerichtet. Insbesondere der finanzielle Schaden wird gewaltig sein (Wegzug von Firmen etc.).

  • LiberalMitVorsatz am 11.10.2017 20:51 Report Diesen Beitrag melden

    Grundsätzlich...

    ...bin ich Befürworter möglichst kleiner Staaten. Hier bin ich nicht für eine einseitige Abspaltung. Trotzdem hat die Zentralregierung praktisch alles falsch gemacht. Ein Referendum kann in einem demokratischen Staat nie illegal sein (und mit Polizeigewalt verhindert werden). Trotzdem kann man sich auf die Verfassung berufen und das Resultat nicht anerkennen. Die Zentralregierung sollte sich mindestens zu Gesprächen bereit erklären, sonst riskiert sie einen Bürgerkrieg.

  • Moses am 11.10.2017 20:50 Report Diesen Beitrag melden

    Über die Bücher

    Spanien was nun? Die Spanische Regierung und der König provozieren einen Bürgerkrieg. Mal zu erst eine neue Regierung und weg mit dem König. Es geht da nicht nur um Katalonien, man kann 2017 kein Land mit einer zentralen, gewaltbereiten Diktatur auf die Länge regieren.