Härtere Strafen

25. März 2013 11:09; Akt: 25.03.2013 13:24 Print

Was Indien aus den Vergewaltigungen lernt

Vor 100 Tagen wurde in Indien eine 23-Jährige von einer Gruppe Männer vergewaltigt und getötet. Seither ging einiges in dem Land, wo sexuelle Gewalt immer noch zur Tagesordnung gehört.

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Seit einer brutalen Gruppenvergewaltigung in diesem Bus im Dezember 2012 erschüttern immer mehr vergleichbare Fälle das Land. Das Opfer der Vergewaltigung, eine 23-jährige Medizinstudentin, war an den Folgen des Missbrauchs gestorben. Seither gehen viele Inder auf die Strasse. Viele Frauen wünschen sich besseren Schutz gegen sexuelle Übergriffe. Vor allem in Neu Delhi. Die Polizei ging am 22. Dezember 2012 in der Hauptstadt Neu Delhi bei einer Kundgebung mit tausenden Teilnehmern mit Tränengas und Wasserwerfern gegen wütende Demonstranten vor, die gegen die Gruppenvergewaltigung einer 23-Jährigen protestierten. Zu den Zusammenstössen mit den Sicherheitskräften kam es, als eine Gruppe aus überwiegend jungen Frauen und Männern versuchte, Polizeiabsperrungen zu durchbrechen und zum Haus des Staatspräsidenten vorzudringen. Als sie eine Absperrung in einer Hochsicherheitszone Neu-Delhis zu durchbrechen versuchten, reagierte die Polizei mit Tränengas. Einige Demonstranten griffen die Beamten mit Steinen an. «Wir wollen Gerechtigkeit» und «Hängt die Vergewaltiger», forderten Demonstranten bei den Protesten, die den sechsten Tag in Folge andauerten. Die Regierung rief die Demonstranten zur Ruhe auf. Man sucht nach Antworten zu Fragen, weshalb junge Frauen in Neu-Delhi so oft vergewaltigt werden. Nach der Tat im Dezember kamen immer weitere Fälle ans Licht: In Bihar wurde am Mittwoch die Leiche einer misshandelten Zehnjährigen aus einem Kanal gefischt und eine 14-Jährige war nach abscheulichen Übergriffen in kritischem Zustand. Diese Demonstranten in Neu-Delhi fordern die Todesstrafe: «Hängt die Vergewaltiger» steht auf ihren Schildern. Bei den Protesten kam es auch zu Zusammenstössen zwischen Demonstranten und der Polizei. Eine Welle der Wut schwappt über ein Land, in dem Verbrechen gegen Frauen häufig nicht geahndet werden. Die «Times of India» widmete dem Fall am Mittwoch vier Seiten und verlangte, an den Tätern ein Exempel zu statuieren. «Werden nicht vergewaltigt» wurde auf dem Plakat in «Vergewaltigt nicht» abgeändert. «Todesstrafe für die Vergewaltiger» , fordern diese Demonstratinnen und .. ... dieser junge Mann «schämt sich, ein Inder zu sein».

Zum Thema
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Der Aufschrei in Indien war gross, als eine 23-Jährige im Dezember von mehreren Männern brutal vergewaltigt wurde. Seitdem wurden Gesetze geändert, die Polizei sensibilisiert und eine gesellschaftliche Debatte losgetreten. Ist Indien heute ein besseres Land für Frauen?

100 Tage ist es her, da entführten sechs Männer eine junge Inderin in einem Bus, vergingen sich wie Bestien an ihr und liessen sie blutend am Strassenrand liegen. 13 Tage kämpfte sie um ihr Überleben. Überall in Indien nahmen die Menschen Anteil, nannte sie «Furchtlose», «Lichtgestalt», «Löwenherz». Sie wurde zum Symbol im Kampf gegen sexuelle Gewalt und für mehr Frauenrechte.

Es hat sich etwas getan in Indien in diesen 100 Tagen. Spezielle Notrufnummern für Frauen sind eingerichtet. Nachts sind viel mehr Polizisten in der Hauptstadt Neu-Delhi unterwegs und überprüfen an Strassensperren jedes Auto.

Vergewaltigungsfälle werden in Schnellgerichten verhandelt. Und das Parlament verabschiedete gerade ein Gesetzespaket, das härtere Strafen für sexuelle Gewalttäter vorsieht, darunter auch die Todesstrafe in besonders schweren Fällen.

Wenig gelernt

Doch bei der Debatte über das «Anti-Vergewaltigungsgesetz» im Unterhaus wurde deutlich, wie wenig geläutert und unsensibel die Abgeordneten noch immer mit dem Thema umgehen. Sharad Yadav etwa sagte nach Medienberichten in seiner Rede zum neuen Stalking-Gesetz: «Wer von uns hat denn Frauen nicht nachgestellt?»

Das Haus kicherte. Jeder wisse doch, fuhr Yadav fort, dass das Objekt der Begierde einige Male verfolgt werden müsse, ehe es reagiere.

Der Oppositionspolitiker Bhola Singh erklärte dem Parlament laut Zeitungsberichten, für die steigende Zahl von angezeigten Vergewaltigungen seien Einflüsse aus westlichen Kulturen verantwortlich.

Auch würden Frauen und Männer in den Familien natürlich nicht gleich behandelt. «Wenn eine Tochter ins Haus kommt, gibt es keinen Applaus, die Menschen betrachten das noch immer als Unglück.»

Vergewaltigung in der Ehe straflos

Kein Wunder, dass das Parlament nur wenige der Forderungen umgesetzt hat, die Frauenrechtler nach der Gruppenvergewaltigung erhoben, sagt Kavita Krishnan von der Frauenvereinigung AIPWA. So werde Vergewaltigung in der Ehe noch immer nicht bestraft. Auch Polizisten und Soldaten müssten oft nichts fürchten. «Die Zivilgesellschaft ist da schon weiter als unsere Politiker», sagt Krishnan.

Tatsächlich scheint die Aufmerksamkeit für die Rechte der Frauen in Indien gestiegen zu sein. «Die Mentalität hat sich verändert», meint Om Prasad von der Studentenvereinigung AISA. Auch junge Männer wie er seien nach der Vergewaltigung auf die Strasse gegangen und hätten Plakate gegen Sexualgewalt getragen.

Und seither diskutierten sie auch zu Hause über Gewalt gegen Frauen, über Partnerwahl und sogar über Frauen, die rauchen und trinken sowie abends ausgehen.

Dass das selbst in der Hauptstadt Neu-Delhi keine Selbstverständlichkeit ist, zeigt eine Umfrage der Zeitung «Times of India». Demnach meinen 86 Prozent der befragten Männer, es sei nicht in Ordnung, wenn Frauen mit Freunden nachts in Bars und Clubs gingen.

Mehr als jeder Fünfte (22 Prozent) findet nicht, dass Frauen sich kleiden können, wie sie wollen. Und etwa die Hälfte (46 Prozent) meint demnach, Frauen sollten nachts nicht arbeiten.

Nur ein Tropfen

Trotzdem würden Frauen immer sichtbarer, beobachtet die Schriftstellerin und Verlegerin Urvashi Butalia. Sie arbeiteten heutzutage in Hotels, Läden, Restaurants, IT-Unternehmen - und durch Fernsehen und Handys sehen die Menschen die Welt jenseits ihrer eigenen Grenzen.

«Die Veränderung passiert so schnell, dass die Menschen kaum mithalten können und überall eine riesige Verwirrung herrscht, während das Land sowohl mit dem Gewicht der Traditionen als auch mit den Verheissungen der Moderne kämpft», meint sie.

Wie immer sei es wegen der Grösse und Vielfalt Indiens kaum auszumachen, was denn nun wirklich passiert im Land, fährt Butalia fort. Die neuen Gesetze und alle anderen Massnahmen nach dem 16. Dezember seien richtig, «aber wir müssen uns daran erinnern, dass sie nur ein Tropfen in einem sehr, sehr grossen Ozean sind».

(aeg/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • liatia am 25.03.2013 13:17 Report Diesen Beitrag melden

    alles beim alten

    es wird sich genau NICHTS ändern. Sobald Gras über die Sache gewachsen ist, geht es weiter wie bis anhin - wieso auch nicht? Wirtschaftliche Sanktionen haben sie nicht zu befürchten und Touristen werden weiter kommen.

  • nepomuk007 am 25.03.2013 11:35 Report Diesen Beitrag melden

    Strukturen aufbrechen

    Zum Beispiel sollte Indien die Mitgift für Frauen bzw. Bräute strikte verbieten. Hat eine Familie mehrere Töchter, so muss für jede Tochter eine Mitgift bereitgestellt werden, damit die Tochter "geheiratet wird". Das ist eine riesige Belastung für Familien mit mehreren Töchtern. Aus diesem Grund besteht ein Anreiz, weibliche Föten abzutreiben und daraus resultiert der heutige Männerüberhang in Indien und China.

  • ein Mensch am 25.03.2013 11:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Recht auf Leben

    Die todesstrafe ist ganz klar der falsche weg und wird bestimmt auch keine besserung der aktuellen lage bringen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Peter Besserwisser am 25.03.2013 17:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es wird sich nichts ändern

    Was soll sich denn in einer Gesellschaft ändern, deren Frauenfeindlichkeit bereits im Kinderzimmer beginnt. Solange Mädchen weniger Willkommen sind als Jungen bleibt alles beim alten.

  • liatia am 25.03.2013 13:17 Report Diesen Beitrag melden

    alles beim alten

    es wird sich genau NICHTS ändern. Sobald Gras über die Sache gewachsen ist, geht es weiter wie bis anhin - wieso auch nicht? Wirtschaftliche Sanktionen haben sie nicht zu befürchten und Touristen werden weiter kommen.

  • ein Mensch am 25.03.2013 11:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Recht auf Leben

    Die todesstrafe ist ganz klar der falsche weg und wird bestimmt auch keine besserung der aktuellen lage bringen.

  • nepomuk007 am 25.03.2013 11:35 Report Diesen Beitrag melden

    Strukturen aufbrechen

    Zum Beispiel sollte Indien die Mitgift für Frauen bzw. Bräute strikte verbieten. Hat eine Familie mehrere Töchter, so muss für jede Tochter eine Mitgift bereitgestellt werden, damit die Tochter "geheiratet wird". Das ist eine riesige Belastung für Familien mit mehreren Töchtern. Aus diesem Grund besteht ein Anreiz, weibliche Föten abzutreiben und daraus resultiert der heutige Männerüberhang in Indien und China.