Tabubruch

20. Oktober 2015 12:50; Akt: 20.10.2015 12:50 Print

Serbischer Prominenter will den Kosovo aufgeben

Als erster prominenter Serbe verlangt Wissenschaftsfunktionär Vladimir Kostic, die frühere serbische Provinz Kosovo in die Selbstständigkeit zu entlassen. Gut kam das nicht an.

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Vladimir Kostic beging einen Tabubruch: Serbien soll seinen Anspruch auf Kosovo fallen lassen. (Bild: Screenshot Youtube)

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«Jemand muss dem Volk sagen, dass Kosovo weder de facto noch de jure noch in unseren Händen ist», zitierten die Medien Vladimir Kostic, den Präsidenten der Serbischen Akademie der Wissenschaften, in Belgrad. «Die einzige politische Weisheit» sei jetzt, den Kosovo zu verlassen.

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Hat Wissenschaftsfunktionär Vladimir Kostic recht: Soll Serbien seine Ansprüche auf die ehemalige serbische Provinz Kosovo aufgeben?
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Kosovo hatte 2008 seine Unabhängigkeit erklärt, was Serbien jedoch nie anerkannte. Es betrachtet das Land weiterhin als seine Provinz und setzt seither alles daran, den fast nur noch von Albanern bewohnten und inzwischen von über 110 Ländern völkerrechtlich anerkannten Kosovo wieder zurückzubekommen und wieder in sein Staatsgebiet einzugliedern. Die völlig überraschende Äusserung Kostics löste in Serbien entsprechend einen Sturm der Entrüstung aus.

«Grosse Schande und Schmach für Serbien»

Staatspräsident Tomislav Nikolic zeigte sich entsetzt und verlangte von der Akademie, ihren Präsidenten abzusetzen. Der serbische Premierminister Aleksandar Vucic distanzierte sich ebenfalls von Kostics Aussage, fügte aber an, dass jeder das Recht auf seine Meinung habe und deswegen noch lange kein Verräter sei. Viele Minister und Medien sprachen indes von «grosser Schande und Schmach» für ihr Land.

Nach den mitunter doch recht heftigen Reaktionen wehrte sich Kostic: Er habe seine eigene Meinung wiedergegeben und nicht als Präsident der Akademie der Wissenschaften gesprochen. Auch lasse er sich seine Meinung nicht verbieten.

«Ich lasse niemanden darüber bestimmen, was ich sagen oder nicht sagen darf», sagte der 62-Jährige gemäss dem serbischen TV-Sender b92.

«Es geht nicht um Patriotismus»

Den Vorwurf, seine Ansichten seien unpatriotisch, konterte Kostic: «Es geht nicht um Patriotismus. Ich hätte Serbien bereits 20-mal verlassen und im Ausland einiges mehr verdienen können. Doch ich bin hier geblieben, mit meinen Kindern und Grosskindern.»

Der prominente Serbe hatte der «Vecernje Novosti» ein längeres Interview gegeben, in dem er sich gegen eine stärkere Anbindung Serbiens an Russland aussprach. Das Land solle sich Richtung EU orientieren, auch wenn es sich dabei «übergeben muss».

(gux/sda)