Nordkorea-Krise

30. August 2017 07:07; Akt: 30.08.2017 07:27 Print

«Abschuss ist Zeichen der Zurückhaltung»

von Ann Guenter - Der neue Raketentest zeigt: Kim Jong-un will, dass sein Land als Nuklearmacht anerkannt wird. Der Test zeigt auch, dass Pyongyang nicht aufs Ganze gehen wird.

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Nordkorea hat in der Nacht auf Dienstag eine Rakete über Japan hinweg geschossen. 20 Minuten sprach mit Hans-Joachim Schmidt von der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung, wie diese neuerliche Provokation einzuordnen ist.

Herr Schmidt, wieso fordert Nordkorea die internationale Gemeinschaft erneut heraus?
Der Abschuss ist als Zeichen des Protests gegen die multinationalen Manöver in Südkorea zu sehen. Dass das nordkoreanische Regime eine Mittelstreckenrakete verwendet hat, soll demonstrieren, dass es in der Lage ist, amerikanische Einrichtungen in der Region – nicht nur in Südkorea, sondern auch in Japan und Guam – zu bedrohen. Aber: Der Abschuss über Japan, das mag paradox klingen, ist auch ein Zeichen der Zurückhaltung. So haben sich die Nordkoreaner nicht getraut, diese Rakete gegen die Insel Guam zu senden, ein nichtinkorporiertes Territorium der USA. Da hatte das Regime doch zu grosse Angst vor einer weiteren Eskalation des Konflikts. Insofern zeigt der Raketentest ein Stück weit Eskalationskontrolle.

Herrscht zwischen den USA und Nordkorea mittlerweile ein Gleichgewicht des Schreckens?
Nein. Die USA verfügen als globale Weltmacht über deutlich mehr militärische Fähigkeiten als Nordkorea. Ausserdem ist Nordkorea derzeit nicht in der Lage, US-Territorium zu bedrohen – auch wenn es jetzt schon zweimal erfolgreich Interkontinentalraketen getestet hat, die theoretisch die Reichweite hatten, weite Teile der USA zu erreichen.

Wie verändert der neuste Raketenabschuss die aufgeheizte Korea-Krise?

Das verschärft natürlich die Spannungen in der Region. Man hatte gehofft, dass nach den wechselseitigen Drohungen zwischen Nordkorea und den USA, insbesondere vonseiten des US-Präsidenten, wieder etwas Ruhe einkehrt und es Möglichkeiten für Gespräche geben wird. Aufgrund des jüngsten Tests ist es ein klares Signal, dass Nordkorea keine Gespräche will. So muss man davon ausgehen, dass die Spannungen weiter zunehmen.

China spricht von einem «Wendepunkt» der Spannungen auf der koreanischen Halbinsel …
China setzt sich schon lange für direkte Verhandlungen zwischen den USA und Nordkorea ein, um diesen Konflikt zu managen. Es gibt aber einen erheblichen Dissens über die Bedingungen, die zu solchen Gesprächen führen können. So verlangen die Amerikaner, dass die Nordkoreaner ihre Nuklear- und Raketentests einstellen und alle Atomwaffen abrüsten, während Nordkorea als Nuklearmacht anerkannt werden will.

Die Tweets des US-Präsidenten zu Nordkorea erinnern an eine martialische Version von Barack Obamas «Roter Linie» im syrischen Bürgerkrieg – ein statthafter Vergleich?
Das kann man schon so sehen. Im Falle Syriens hätten die USA ihre Drohung sicherlich wahrmachen können, dann wären sie aber zur Kriegspartei geworden. Im Falle Nordkoreas aber ist ein Militärschlag viel zu risikoreich, das würde enorme Schäden vor allem für Südkorea mit sich bringen. Man muss bedenken: In Seoul lebt rund ein Viertel der südkoreanischen Bevölkerung, und die Hauptstadt ist in voller Reichweite der nordkoreanischen Artillerie. Zudem werden in der Region Seoul 50 Prozent der südkoreanischen Wirtschaftsleistung erbracht. So würde ein Krieg gegen Nordkorea unter Beteiligung der USA und vielleicht Japans sicherlich gewonnen – aber nur zum Preis der grossflächigen Zerstörung Südkoreas, die niemand will.

Ist die Tatsache, dass Generäle sehr starken Einfluss auf das Weisse Haus haben, in Bezug auf die Koreakrise eher beruhigend oder beunruhigend?
Die Äusserungen des US-Präsidenten gegenüber Nordkorea waren beunruhigend. Sie wurden aber sofort von den Generälen eingefangen. Verteidigungsminister James Mattis etwa machte nach Trumps «Fire and Fury»-Bemerkung schnell klar, dass die USA militärisch nur auf einen Angriff Nordkoreas reagieren würden und keinen Präventivangriff auf das Land beabsichtigten. Das wiederholte Trump dann einen Tag später auch. So fuhren die USA die Drohungen wieder stark herunter, was wiederum eine Mässigung der Nordkoreaner nach sich zog.

Barack Obama hatte Trump gewarnt: Pyongyang werde für ihn zum Problem. Wie beurteilen Sie die bisherige Handhabung der Koreakrise durch die US-Regierung?
Als durchaus widersprüchlich. Es gibt keine klare Linie, vielmehr gibt es unterschiedliche Fraktionen innerhalb der Trump-Regierung. Eine Seite will sicherlich den Druck auf China erhöhen, damit es seine Sanktionen gegen Nordkorea verschärft. Das könnte aber zu einem Handelskrieg mit China führen, den niemand will. Eine weitere Fraktion, zu der etwa Aussenminister Rex Tillerson und die Handelsbefürworter mit China gehören, befürwortet baldige Gespräche mit Pyongyang, auch um das Risiko eines Handelskriegs zu vermeiden. Die Bedingungen dafür stehen aber schlecht. Nordkorea will als Nuklearmacht anerkannt werden, was für die übrigen Staaten und besonders für die USA, Japan und Südkorea derzeit nicht annehmbar ist.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Lebensarchitekt am 30.08.2017 07:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nur das Symptom

    Kim stampft auf und schmeisst mit Bauklötzen. Weil er nicht mitspielen darf mit den großen Jungs und Mädchen. Ich kann es nicht glauben dass die Weltgemeinschaft mit diesem Kerl nicht fertig wird. Oder ist gar die Weltgemeinschaft das Problem und Kim nur das Symptom?

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  • Spectre121 am 30.08.2017 07:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verrückte Welt

    Eskalationkontrolle ? Und sonst gehts noch gut ? Trump und Kim spielen mit dem 3. Weltkrieg und man nennt das Eskalationskontrolle ? Kranke Welt

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  • Te Rasse am 30.08.2017 07:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kann man

    Diesem Kim kein anderes Hobby schmackhaft machen?

Die neusten Leser-Kommentare

  • M. K. am 30.08.2017 20:21 Report Diesen Beitrag melden

    Natürlich...

    Israel ist die grössere Gefahr als Nordkorea. Aber das darf man ja so nicht sagen.

  • Cavi33 am 30.08.2017 19:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Welche Zurückhaltung ist da gemeint

    Für was haben die Amis denn Patriot stationiert, zum anschauen. Jede dieser Raketen könnte ohne Probleme runter geholt werden.

  • wauti am 30.08.2017 18:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Solche "Experten" braucht die Weltz

    Wenn nur hier nicht der einfältigste sich positionieren würde.

  • pingpong am 30.08.2017 15:19 Report Diesen Beitrag melden

    Wo waren die Abfangraketen

    Der Abschuss zeigt vor allem, dass Japan und SK nicht sicher sind und diese sogenannte Abwehrraketen mehr Bluff sind als eine Sicherheitgarantie. Die USA mag vielleicht ein bisschen sicher sein, doch das Gebiet voller Unschuldigen nicht. Darf die USA Japan und Südkorea opfern, nur damit sie nicht von nuklearen Waffen bedroht werden?

    • Willi Maurer am 30.08.2017 19:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @pingpong

      Ach bitte sei einfach ruhig danke! Ernsthaft Japan hätte die Rakete sehr wohl abschiessen können. Die Regierung kam zum Schluss, dass dies gar nicht notwendig sei. So hatten das Experten berichtet.

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  • Doktor am 30.08.2017 14:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schaltet euer Hirn ein

    Nordkorea hat genau das selbe Recht, mit Raketen zu experimentieren wie alle anderen Staaten auch. Dasselbe gilt leider auch für Atomwaffen. Wie will ein Land wie die USA (die selbst 1000e Gefechtsköpfe haben) den Koreanern verbieten, Atomwaffen zu haben. Wasser predigen und Wein trinken? Am Hunger der Bevölkerung sind hauptsächlich auch die Westlichen Sanktionen Schuld, wie in Syrien auch. Finger weg von diesen Ländern. Der Krieg kommt immer nur durch äussere Einmischung, meist von Seiten der USA und ihren Verbündeten, weil Ihnen die Politik des Landes nicht in den Kram passt. Erinnert euch an das Gewaltverbot der UNO, bevor es zu spät ist.

    • Al Bundy am 30.08.2017 16:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Doktor

      Würde mal sehen wollen was Sie sagen wenn Frankreich oder Deutschland eine atomwaffenfähige (und vielleicht tragende) Rakete über schweizer Hoheitgebiet schiessen würde.Ziel unbekannt und nicht angekündigt.

    • Chris74 am 30.08.2017 17:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Al Bundy

      Ein hinkender Vergleich, da Frankreich eine Atommacht und in Deutschland Atomwaffen stationiert sind oder waren. Ausserdem sind uns diese Länder nicht feindlich gesinnt...

    • z.icke am 30.08.2017 20:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Doktor

      Genau! Sind die USA etwa freidliebender als Nordkorea??? Wie viele Kriege haben die USA schon angezettelt?, wie viele Regierungen in Mittelamerika zu ihren Gunsten gestürzt?, wie viele Kriege durch Lügen zu legitimieren versucht? Wie sieht es diesbezüglich in Nordkorea aus? Wer sind hier die Bösen und wer die Guten? Kann man wirklich nicht verstehen, dass sich Nordkorea inmitten der Atommächte das Recht nimmt, auch Atomwaffen zu besitzen? Ich wünsche mir den Tag herbei, wo es KEINE Atomwaffen mehr gibt. Aber so lange es Staaten gibt, welche von sich behaupten: "Ich bin gut, ich darf", bleibt dieser Wunsch wohl Utopie!

    • FernLeser am 30.08.2017 20:36 Report Diesen Beitrag melden

      @AlBundy

      Die USA fliegt Routinemässig mit Bombern welche Scharfe Nuklearköpfe mit sich führen über verbündete Länder. Wenn ich nicht irre war es Spanien welches einer der Bomben abbekam und noch immer eine Versrhalte Region deswegen hat. Das Ding Zündete zwar nicht, ging aber beim Aufrpall kapputt.

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