Ironie des Schicksals

17. August 2012 14:15; Akt: 17.08.2012 15:05 Print

Wenn ein Antisemit plötzlich Jude ist

Ein Rechtsextremist auf dem Weg der Selbsterkenntnis: Csanad Szegedi war Aushängeschild von Ungarns grösster Rechtspartei und hetzte gegen Juden. Bis er erfuhr, dass er jüdischer Abstammung ist.

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Da war seine Welt noch in Ordnung: Der ungarische Rechtsaussen-Politiker und Antisemit Csanad Szegedi während der Wahl des neuen Europaparlamentspräsidenten Jerzy Buzek im Juli 2009 in Strassburg. Nach dem Ausschluss aus der Jobbik-Partei ist unklar, ob er seinen Sitz halten kann. (Bild: Keystone/AP/Lionel Cironneau)

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Er war der neue Superstar der ungarischen Rechtspartei Jobbik. Hervorgetan hat sich unter anderem mit antisemitischen Sprüchen. Csanad Szegedi beschuldigte Juden, Ungarn «aufzukaufen». Er fluchte über das «Jüdischsein» der politischen Elite und behauptete, Juden entweihten nationale Symbole.

Was dann passierte, warf den Ultra-Nationalisten aus der Bahn. Szegedi erfuhr, dass er selbst jüdischer Abstammung ist. Erst versuchte er, dieses pikante Detail seiner Biografie vor der Öffentlichkeit zu verheimlichen. Das hat nicht geklappt. Jetzt begibt er sich auf die Suche nach seinen Wurzeln.

Seine Grossmutter ist Auschwitzüberlebende

Bereits im Juni hat Szegedi öffentlich bestätigen müssen, dass seine Grosseltern mütterlicherseits Juden waren. Nach jüdischem Gesetz macht ihn dies selbst zum Juden – selbst wenn er nicht nach den Regeln der Religion lebt. Seine Grossmutter ist eine Auschwitzüberlebende, sein Grossvater war im Arbeitslager.

Seit dem Outing ist für Szegedi nichts mehr so, wie es einmal war. Der 30-Jährige wurde aus seiner Partei ausgeschlossen. Laut Nachrichtenagentur AP steht seine steile politische Karriere kurz vor dem Zusammenbruch.

Vorbild Nazi-Partei der Pfeilkreuzler

Landesweit bekannt wurde Csanad Szegedi 2007 als Mitglied der Ungarischen Garde, einer Gruppe schwarz uniformierter Männer mit gestreiften Flaggen, die sich auf die Pfeilkreuzler beriefen, eine Nazi-Partei, die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs kurz Ungarn regiert und tausende von Juden getötet hat. Während des Holocaust kamen mehr als eine halbe Million ungarische Juden ums Leben. Die meisten von ihnen in Auschwitz. 2009 ist die Ungarische Garde verboten worden.

Damals war Szegedi schon Mitglied der Jobbik-Partei, die 2003 gegründet wurde und sich zur mächtigsten Kraft am rechten politischen Rand des Landes mauserte. Szegedi war bald eines der prominentesten Mitglieder der Partei. Seit 2009 sitzt er für die Partei im Europäischen Parlament.

Partei will Rücktritt aus Europaparlament

Es erstaunt also wenig, dass sich Szegedi gegen die Entdeckung seiner jüdischen Abstammung gewehrt hat. Während eines Gesprächs mit einem verurteilten Straftäter im Herbst 2010 erfuhr er davon. Der Straftäter konfrontierte Szegedi mit Beweisen zu dessen jüdischen Wurzeln. Szegedi bot dem Mann Geld an, das pikanterweise aus einem EU-Fonds stammt, sowie eine Stelle bei der EU, wenn er die brisanten Erkenntnisse für sich behalten werde. Von dem Treffen existiert eine Tonbandaufnahme.

Doch das Band kommt an die Öffentlichkeit, worauf Szegedi alle Parteiposten aufgibt und aus der Jobbik austritt. Der Partei reicht das noch nicht: Vergangene Woche hat sie ihn gebeten, auch seinen Posten beim Europäischen Parlament aufzugeben – laut Jobbik wegen der versuchten Bestechung, nicht wegen der jüdischen Wurzeln.

«Da dämmerte mir, dass meine Grossmutter wirklich Jüdin ist»

Szegedi selbst hat sich offenbar vom ersten Schrecken erholt und scheint sich auf die Spuren seiner Vergangenheit zu begeben. Er habe lange Gespräche mit seiner Grossmutter geführt, erzählte er in einem Interview. Sie hätten über die Vergangenheit der Familie als orthodoxe Juden gesprochen.

«Da dämmerte mir erst, dass meine Grossmutter wirklich Jüdin ist», sagte Szegedi im Hir TV. «Ich fragte sie, wie es zu den Deportationen kam. Sie war in Auschwitz und Dachau und sie war die einzige Überlebende einer grossen Familie.»

«Er befindet sich im Prozess der Selbsterkenntnis»

Im August traf sich Szegedi mit Rabbi Slomo Koves von der orthodoxen Chabad-Lubawitscher-Gemeinde. «Als Rabbi ist es meine Aufgabe, jede Person zu empfangen, die in einer Krise ist, vor allem Juden, die erst jetzt ihr Erbe erkennen», sagte Koves. Szegedi nutzte die Gelegenheit und entschuldigte sich für Aussagen, in denen er die jüdische Gemeinschaft verletzt haben könnte. Ausserdem versprach er, Auschwitz zu besuchen.

Koves sprach von einer schwierigen und spirituell anstrengenden Unterhaltung. «Szegedi befindet sich in einem schwierigen Prozess der Wiedergutmachung, der Selbsterkenntnis und des Lernens. Das sollte in unserem eigenen Interesse auf positive Art erfolgen. Ob dies passieren wird, liegt an ihm.»

(ske)

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Ausgewählte Leser-Kommentare

E ist bei alledem zuversichtlich stimmend, dass sich ein "strammer Parteigenosse" seiner eigenen Abstammung stellt. Nun bleibt nur noch zu hoffen, dass für ihn aus dem Gelernten auch entsprechende Konsequenzen des Umdenkens folgen. – Jens Liedtke

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Christoph Geiser am 17.08.2012 17:07 Report Diesen Beitrag melden

    Kommunistisches Erbe

    Im Kommunismus gab es keine Religion und so ist es auch nicht verwunderlich, dass er nichts davon wusste.

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  • NoDogma am 17.08.2012 14:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geschichte pur

    ...fantastische Geschichte und eine Konfrontation die ein radikales Umdenken bewirken. Wenn man nun der übrig gebliebenen Menschen mit rassistischem Gedankengut aufzeigen kann dass Ihre Vorfahren zu Zeiten der Völkerwanderung dunkelhäutig waren, so könnte bei dem einen oder anderen die Überheblichkeit weichen und was Vernunft sich ausbreiten.

  • King Kong am 18.08.2012 12:37 Report Diesen Beitrag melden

    @Jens Liedtke

    Die Leute einer rechten Partei nennen sich nicht "Genossen", das machen die Kommunisten. Die Rechten nennen sich "Kameraden" oder ganz einfach Partei "Kollegen".

Die neusten Leser-Kommentare

  • King Kong am 18.08.2012 12:37 Report Diesen Beitrag melden

    @Jens Liedtke

    Die Leute einer rechten Partei nennen sich nicht "Genossen", das machen die Kommunisten. Die Rechten nennen sich "Kameraden" oder ganz einfach Partei "Kollegen".

  • unglaublich am 18.08.2012 04:51 Report Diesen Beitrag melden

    Einfach unglaublich...

    Einfach unglaublich, dieses Unwissen. Da dachte doch tatsächlich ein Grossteil der Forumsteilnehmer, das Judentum sei eine reine Religion. Komisch eigentlich, denn alle Schriften, die über Juden berichten, stellen das Judentum als Volk, nicht als Religion dar. Eben: einfach unglaublich, was gewisse Leute so für sich persönlich zusammenfantasieren...

  • lewis miller am 18.08.2012 01:01 Report Diesen Beitrag melden

    Hoffentlich ein Denkanstoss

    Hoffentlich kommen dadurch gewisse Leute ins Grübeln und wird ihnen das eine Lehre sein ...

  • Simon am 18.08.2012 00:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verfilmen

    Das wäre doch eine super Vorlage für ne Komödie...

  • moek am 17.08.2012 20:09 Report Diesen Beitrag melden

    Zum Lesen

    Es ist nicht wichtig woher man kommt, welcher Religion man angehört oder welche Hautfarbe man hat... man sollte jeden Menschen auf der Welt den nötigen Respekt aufbringen und Ihn nicht auf die oben erwähnten Punkte reduzieren.

    • Mathias B. am 18.08.2012 00:51 Report Diesen Beitrag melden

      @moek

      Sorry, es ist leider wichtig, sehr sogar. Es wird auch leider immer wichtiger. Das ist sehr bedauerlich, auch für mich selbst, denn ich habe für keine Religion etwas übrig. Mit der wachsenden Zahl von anpassungsunwilligen "Rechtgläubigen" in Europa mit einer intoleranten Ideologie droht jedoch eine riesige Gefahr für unsere Demokratien. Noch wird das offiziell geleugnet, doch wird es deshalb nicht weniger wahr. Respekt habe ich dann vor dem Anderen, wenn es mir mit dem gleichen Respekt entgegentritt. Das ist leider bei diesen Leuten überhaupt nicht der Fall. Meinen Respekt haben die nicht !

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