Mann tötet Familie

22. August 2012 22:14; Akt: 22.08.2012 22:26 Print

«Der Vater muss von Sinnen gewesen sein»

von Jens Kiffmeier, dapd - Eine unfassbare Tat hat sich in Berlin zugetragen. Ein 69-Jähriger tötet seine Frau, seine zwei Kinder und schliesslich sich selbst. In der deutschen Hauptstadt herrscht Entsetzen.

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Dem kleinen Mädchen kullern die Tränen über die Wangen. Die Mutter streichelt ihr sanft über die Schulter. Zusammen legen sie Blumen vor die Tür des schmucklosen Gebäudes in Berlin-Gatow, in dem sich wenige Stunden zuvor eine Familientragödie offenbart hat. Dann stellen sie ein Spielzeugpferdchen auf. Und ein rotes Plakat. Darauf ist von Kinderhand ein kleiner Junge gemalt worden, der einen Hund an der Leine hält. Darüber steht in grossen Buchstaben geschrieben: «Für Julian.»

Der Junge ist tot. Am Dienstagabend wurde der Sechsjährige zusammen mit seinem drei Jahre alten Bruder und seiner 28-jährigen Mutter von Einsatzkräften der Berliner Feuerwehr leblos in der Wohnung entdeckt. Sie alle wurden getötet - offenbar vom Vater -, bevor sich der 69-Jährige selber das Leben nahm. Nur die kleine Schwester überlebte das Familiendrama. Das knapp ein Jahr alte Mädchen wurde vom Vater in der Babyklappe eines nahe gelegenen Krankenhauses abgegeben und ist nach Angaben einer Sprecherin bereits in einem Kinderheim untergebracht.

Wenige Stunden nach dem Fund der Leichen herrscht bei Bekannten und Nachbarn vor allem Trauer, Entsetzen und Ratlosigkeit. «Ich bin sprachlos», sagt Danuta Wojciechowska. Sie wohnt in dem Haus, das direkt am Ufer der Havel steht und in dem sich die Tragödie abspielte. Wie das passieren konnte? Auf diese Frage hat sie noch keine Antwort gefunden. «Ich kann das nicht verstehen», sagt sie.

Den ganzen Vormittag über kommen Menschen, um Blumen vor dem Unglückshaus niederzulegen. Unter den Trauernden sind auch vier junge Mütter. Sie kannten die Familie aus der Kindertagesstätte. Dort haben sie von dem Drama erfahren. «Der Mann muss einen Aussetzer gehabt haben», sagt eine junge Mutter, die ihren Namen nicht nennen möchte. Die 33-Jährige kämpft immer wieder mit den Tränen. Ihr Sohn war in einer Gruppe mit einem der getöteten Kinder. «Der Vater muss von Sinnen gewesen sein», sagt sie.

Keine Beziehungsprobleme bekannt

Die Polizei kann an diesem Tag noch nichts Konkretes zum Motiv sagen. Die Ermittler fanden zwar am Tatort einen Abschiedsbrief, aber zunächst muss noch die Authentizität geprüft werden. Ersten Angaben zufolge soll die Familie hohe Schulden gehabt haben - auch wenn sich das in der Nachbarschaft nicht herumgesprochen hat. «Von einer Verschuldung habe ich nichts gewusst», sagt ein Anwohner, der ebenfalls seinen Namen nicht preisgeben will. Er habe den Vater ab und zu getroffen, unter anderem in der Sauna. Zuletzt habe er ihm nur erzählt, dass die Familie eine neue Wohnung suche. «Eine grössere», weil sie mehr Platz brauchten.

Nach aussen wirkte die Familie jedenfalls auf viele glücklich. «Es gab keine Erziehungs- oder Beziehungsprobleme», sagt eine der Kita-Bekannten. Die Mutter sei lebenslustig und liebevoll gewesen. In der Tagesstätte habe sie viel und gerne mitgeholfen, unter anderem bei der Organisation des Sommerfestes. Und auch der Familienvater sei immer nett gewesen und habe sich um die Kinder gekümmert.

Auch in der Nachbarschaft war die Familie bekannt. Es waren Anwohner, die sich Sorgen machten und die Feuerwehr alarmierten. Sie hatten die Eltern und die Kinder seit Tagen nicht mehr gesehen - während das Auto unbewegt vor der Haustür stand. Das sei ungewöhnlich gewesen.

Ermittler warten auf Obduktion

Auch am Mittwochvormittag steht der bronzefarbene Van noch an der gleichen Stelle, nachdem die Ermittler den Innenraum nach Hinweisen abgesucht haben. Viele Fragen sind schliesslich noch ungeklärt. Dazu zählen die Todesursache und der Todeszeitpunkt. Einen Medienbericht, wonach die Kinder und die Mutter vom Vater erstickt worden sein sollen, wollte ein Polizeisprecher am Vormittag vorerst nicht bestätigen. Eine Obduktion sollte Aufschluss bringen.

Und so müssen sich Bekannte, Freunde und Nachbarn gedulden. Es fällt ihnen schwer, alleine zu bleiben mit ihrer Ratlosigkeit. Was soll man den Kindern sagen? Wie soll man mit so einer Tragödie umgehen? Das Ausmass des Dramas scheint unbegreiflich. Die Frauen aus der Kita haben sich mit ihren vielen Fragen erst einmal zusammengesetzt. «Wir überlegen, ob wir uns vielleicht professionelle Hilfe holen sollen», sagt eine junge Mutter.

Unterdessen haben sich die Nachbarn in ihr Haus zurückgezogen. Das kleine Mädchen und ihre Mutter sind wieder hineingegangen. Vor dem Eingang liegen die Blumen, das Spielzeug und das rote Plakat. Es ist plötzlich ganz still.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • atat am 23.08.2012 00:51 Report Diesen Beitrag melden

    wiso

    Gebt doch einfach wieder den Killergames die Schuld. Das macht ihr doch sonst auch immer. Vieleicht hat der Vater vor zehn Jahen kurz mal Counter strike gespielt.

  • Beni Hochuli Emch Bestattungen am 23.08.2012 09:57 Report Diesen Beitrag melden

    Verzweiflung

    Eine so tiefe Verzweiflung, welche es zu so einer Tat braucht, können wir nicht nicht nachvollziehen. Und Gott bewahre, wir sollten dies auch nicht. Der Schmerz und die Dunkelheit wäre unerträglich.

  • S.h am 23.08.2012 00:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kinder sind unschuldig

    Unklarheit ist immer was schwieriges. Braucht viel Zeit die Wahrheit herauszufinden und es gleichzeitig zu begründen wie, wer und was. Schreckliche Geschichte

Die neusten Leser-Kommentare

  • Beni Hochuli Emch Bestattungen am 23.08.2012 09:57 Report Diesen Beitrag melden

    Verzweiflung

    Eine so tiefe Verzweiflung, welche es zu so einer Tat braucht, können wir nicht nicht nachvollziehen. Und Gott bewahre, wir sollten dies auch nicht. Der Schmerz und die Dunkelheit wäre unerträglich.

  • Erika am 23.08.2012 07:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Grauenhaft

    Arme Menschen! Was muss in diesem Mann vorgegangen sein, dass er nur noch diesen Ausweg wusste? Einfach nur himmelschreiend, dass das niemand bemerkt hat! Aber eben, jeder ist sich selbst der Nächste. Auch darf man ja nicht zugeben, dass es einem schlecht geht. Einfach nur grauenhaft!!!

  • Tintina am 23.08.2012 07:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unglaublich!!

    Was ist nur los? Schon wieder so eine Meldung! Fast täglich hört und liest man von Morden an den eigenen Kindern. Die einen haben Kinder und bringen sie um, andere versuchen seit Jahren welche zu bekommen und es klappt einfach nicht. Das macht mich richtig wütend!

  • Broke82 am 23.08.2012 07:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unterstützung holen!!

    Ich kann es auch nicht verstehen.. Wenn man überschuldet ist, keine Ausweg mehr sieht oder sonst was in der Familie nicht mehr stimmt, holt Euch professionelle Hilfe (auch wenns peinlich / unangenehm ist) und ist das nicht besser, nehmt euch das Leben, aber bitte nicht deren Kindern! Die haben nichts dafür und schaffen es mit Unterstützung, ohne Elternteil, ihren eigenen Weg finden..! Werde selber bald Mami und mein Kind soll weiterleben!

  • 9 JAHRIGE am 23.08.2012 06:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Beileid

    Mein Beileid an die Verwandten. Ich versteh nicht wieso man so was machenkann! Wunsche dem kleinen Mädchen viel Kraft.