Tschetschenien

12. April 2017 15:53; Akt: 12.04.2017 15:53 Print

Behörden verschleppen und foltern Schwule

Berichte aus Tschetschenien machen Menschenrechtler sprachlos: Homosexuelle werden dort festgenommen und in geheimen Gefängnissen misshandelt.

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In der russischen Teilrepublik Tschetschenien wurden Berichten zufolge mehr als hundert homosexuelle Männer in ein Geheimgefängnis verschleppt und gefoltert. Drei Opfer sollen an den Folgen gestorben sein. Zuerst berichtete Anfang des Monats die russische Zeitung «Nowaja Gaseta» über die Vorfälle, seitdem haben mehrere Menschenrechtsorganisationen Berichte darüber erhalten. Unter den Festgenommenen sollen auch zwei bekannte TV-Moderatoren und ein muslimischer Geistlicher sein.

In der «Nowaja Gaseta» schilderte ein «Zeuge Nummer zwei» genannter Mann, wie er mit Dutzenden anderen Schwulen in ein offiziell nicht existierendes Gefängnis in der Stadt Argun im Nordkaukasus gebracht wurde. Dort wurden die Gefangenen seinen Aussagen zufolge mehrmals täglich aus ihren Zellen geholt, geschlagen und gefoltert. Die Männer wurden mit Stromschlägen traktiert und gezwungen, einander mit Stöcken zu schlagen.

Folter in zwei Gefängnissen

Wie die «Welt» schreibt, zwangen die Gefängniswärter die Opfer, ihre Mobiltelefone angeschaltet zu lassen. «Jeder Mann, der in dieser Zeit anrief oder schrieb, war für sie eine neue Beute», sagte der Zeuge.

Das zu Radio Free Europe gehörende Radio Svoboda berichtete vor wenigen Tagen, dass es in Tschetschenien bereits im Dezember 2016 zu ersten Massenverhaftungen schwuler Männer gekommen sei. Diese seien nicht nur nach Argun, sondern auch in ein zweites Gefängnis in Zozin-Jurt gebracht worden. Die zweite Verfolgungswelle habe im Februar begonnen.

Die Menschenrechtsaktivistin Swetlana Gannuschkina sagte gegenüber der «Welt», auch sie habe seit Mitte März Berichte über Massenverhaftungen und Folterungen von Schwulen erhalten. Ekaterina Sokirianskaia von der International Crisis Group berichtete dem «Guardian», sie habe von Vorfällen in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny und Umgebung erfahren. Die Opfer kämen aus allen Altersklassen und verschiedenen beruflichen Umfeldern.

Hotline für Betroffene

Laut Radio Svoboda sind die Toten «versehentlich» zu Tode gequält worden. Ausserdem seien einige Männer an ihre Verwandten übergeben worden, mit der Auflage, dass diese sogenannte Ehrenmorde an den Homosexuellen begehen. Viele der Männer wurden in ihren Wohnungen festgenommen, einige auch am Arbeitsplatz.

Laut Queer.de hat das russische LGBT-Network eine Hotline für verfolgte Schwule im Nordkaukasus eingerichtet, um ihnen bei einer möglichen Flucht nach Moskau, St. Petersburg oder in andere Landesteile Russlands zu helfen. Immer mehr tschetschenische Schwule tauchen demnach ab und löschen ihre Profile aus den sozialen Netzwerken.

Kadyrow dementiert

Die tschetschenische Regierung weist die Foltervorwürfe zurück – mit einer bezeichnenden Begründung: Der Bericht der «Nowaja Gaseta» sei eine Lüge. «Man kann nicht jemanden festnehmen und unterdrücken, den es in der Republik gar nicht gibt», sagte der Sprecher des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow. Selbst wenn es Schwule im Land gebe, so der Sprecher weiter, hätten die Behörden keine Probleme mit ihnen, «denn ihre eigenen Verwandten hätten sie dorthin geschickt, woher niemand zurückkommt».

Die Europäische Union forderte Russland Ende vergangener Woche dazu auf, die Berichte über die Verschleppungen schwuler Männer aufzuklären. Sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, habe man es mit schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen zu tun, sagte die EU-Aussenbeauftragte Federica Mogherini. Am Wochenende fand in Berlin ein Solidaritätsmarsch für die tschetschenischen Homosexuellen statt.

(mlr)