Naiver Geheimdienst

19. Januar 2012 23:47; Akt: 19.01.2012 23:53 Print

England blamiert sich mit Plastik-Spionage-Stein

Grossbritannien hatte versucht, Russland auszuspionieren. Das Spionage-Material war aber so stümperhaft, dass Russland das Manöver rasch entlarvte. Doch auch Wladimir Putin gerät in die Kritik.

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Es hört sich an, wie ein Agententhriller aus den 1970er Jahren. Ein Mann läuft durch die Strassen Moskaus, verlangsamt seine Schritte und deponiert einen Stein auf dem Boden. Ein zweiter nähert sich kurze Zeit später dem Stein und hebt ihn auf. Doch bei dem Stein handelt es sich nicht um einen echten Stein. Nein – es ist ein Stein aus Plastik. Innen hohl und mit einem Funksender ausgestattet, der Informationen übermitteln kann. Der Vorfall ereignete sich im Jahr 2006. Inzwischen ist klar – dahinter steckte der britische Geheimdienst. Doch die Spionage-Technik erinnerte mehr an den Dödel-Agenten Johnny English als an den galanten Geheimagenten James Bond. Denn der britische Geheimdienst hat sich so stümperhaft angestellt, dass es nicht lange gedauert hat, bis Russland Grossbritannien der Spionage beschuldigte. Das Vereinigte Königreich hatte die Vorwürfe erst verneint, doch inzwischen ist klar: Britannien steckt dahinter und hat sich zünftig blamiert.

Jonathan Powell, der ehemalige Stabschef des damaligen Premierministers Tony Blair hat in einer Doku-Serie des britischen Senders BBC2 zum Thema Russland, Putin und der Westen nämlich zugegeben, dass Grossbritannien für den Spionageversuch verantwortlich gewesen sei. Die Bilder des Mannes, der den Stein in den Strassen Moskaus deponiert hatte, hatte das russische Staatsfernsehen bereits vor sechs Jahren gezeigt. Russland warf Grossbritannien daraufhin vor, mit dem Stein Informationen heruntergeladen zu haben.

Politisch ausgeschlachtet

«Der Spionagestein war peinlich», sagte Powell in der Dokumentation, wirft aber gleichzeitig der russischen Regierung vor, den Vorfall für politische Zwecke genutzt zu haben. «Sie wussten schon länger von diesem Stein, sparten sich die Geschichte aber auf, um sie politisch zu nutzen.» Tatsächlich habe Russland den Skandal erst einige Tage später politisch wirksam ausgeschlachtet, schreibt «The Guardian». Russland warf dem britischen Sicherheitsdienst vor, geheime Zahlungen an Demokratie- und Menschenrechtsgruppen getätigt zu haben. Das ausspionierte Land nutzte die Gelegenheit prompt, um zahlreiche Nichtregierungsorganisationen (NGOs) zu verbieten. Dies nachdem Putin ein Gesetz eingeführt hatte, das es diesen Organisationen nicht mehr erlaubt, Gelder von fremden Regierungen anzunehmen.

«Wir haben erlebt, wie Geheimdienste versuchten, sich mit NGOs zu verbünden. NGOs wurden von Geheimdiensten finanziert. Niemand kann bestreiten, dass dieses Geld stinkt», sagte Putin damals. Das Gesetz sei eingeführt worden, um die ausländische Macht daran zu hindern, sich in die Inneren Angelegenheiten Russlands einzumischen. «Es ist inzwischen für viele klar geworden, warum Russland ein Gesetz bewilligt hat, das es erlaubt, NGO-Aktivitäten zu regulieren», meinte er.

Günstiger Zeitpunkt

Tatsächlich kam Putin der Zeitpunkt des Skandals im Jahre 2006 entgegen, meint «The Guardian». Damals hätten Demokratiebewegungen in den russischen Nachbarländern Georgien und der Ukraine an Bedeutung gewonnen. Laut Kritikern sei dieses Gesetz damals ein weiterer Schritt in Richtung autoritäres Regierungssystem gewesen. Die Geschichte mit dem falschen Spionage-Stein gab Putin entsprechend Aufwind und sorgte für die nötige Zustimmung, um die Handlungsfreiheit nichtstaatlicher Organisationen zu beschränken.

Der britische Botschafter in Moskau, Tony Brenton, hatte damals noch bestritten, dass die Regierung des Vereinigten Königreichs hinter der Spionage-Aktion stecke. «Alle unsere Aktivitäten mit NGOs waren auf unserer Website aufgelistet, man fand dort die Geldsummen und die Projekte. Alles war öffentlich.» Heute ist klar – das entsprach nicht der Wahrheit.

Plastikstein wird instrumentalisiert

Der gegenwärtige Zeitpunkt dieser Enthüllungen sei aber ebenfalls heikel, schreibt «The Guardian». Wladimir Putin hat seine Angriffe auf Menschenrechts- und Oppositions-Aktivisten nach den Protesten wegen der Parlamentswahlen im Dezember 2011 nämlich erneut verstärkt. Er beschuldigte mehrfach den Westen, vor allem die USA, Aktivisten dazu zu nutzen, einen Plan zu entwickeln, um einen Regimewandel in Russland herbeizuführen.

Für Menschenrechtsaktivisten und Oppositionelle ist denn auch klar, dass dieser Vorfall ein gefundenes Fressen für Putin ist. «Putin als ehemaliger Spion und KGB-Agent versucht uns mit den einzigen Methoden zu diskreditieren, die er kennt», sagt Lev Ponomaryov, ein prominenter Menschenrechtsaktivist. «Für jede Person, die normal denkt, bedeutet dieser Stein nichts – es war nur eine Provokation, ein billiger Trick, den ein ehemaliger KGB-Agent benutzt», sagt er und hofft, dass Putin mit dem neuerlichen Aufrollen des Skandals nicht noch mehr Restriktionen für Menschenrechtsgruppen einführen kann.

(ske)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Hans Gerber am 20.01.2012 07:36 Report Diesen Beitrag melden

    Traum und Wirklichkeit

    Typisch englisch - eine Gentleman-Bastlerei.

  • Sulaji Mathaisli am 20.01.2012 03:05 Report Diesen Beitrag melden

    Bond

    Schickt doch Bond!! Der kriegts gebacken.....

  • JonnyEnglish am 20.01.2012 10:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fehlinformation!!

    Vielleicht war es ja nur englischer Geocacher der seinem Hobby nach ging. Ich habe in Schweizer Städten schon viele Plastiksteine mit "Inhalt" gefunden..

Die neusten Leser-Kommentare

  • JonnyEnglish am 20.01.2012 10:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fehlinformation!!

    Vielleicht war es ja nur englischer Geocacher der seinem Hobby nach ging. Ich habe in Schweizer Städten schon viele Plastiksteine mit "Inhalt" gefunden..

  • P.S. am 20.01.2012 09:07 Report Diesen Beitrag melden

    Gibts ja gar nicht...

    Schon wieder...

  • Hans Gerber am 20.01.2012 07:36 Report Diesen Beitrag melden

    Traum und Wirklichkeit

    Typisch englisch - eine Gentleman-Bastlerei.

  • Sulaji Mathaisli am 20.01.2012 03:05 Report Diesen Beitrag melden

    Bond

    Schickt doch Bond!! Der kriegts gebacken.....

  • Pius am 20.01.2012 01:37 Report Diesen Beitrag melden

    Kalter Krieg kommt wieder

    Die Wirtschaft schrumpft, jetzt gilt hol was noch zu holen ist, auch mit unfairen Mitteln.