Redaktorin erzählt

14. Januar 2015 08:23; Akt: 14.01.2015 09:24 Print

So entstand die neue «Charlie Hebdo»-Ausgabe

Die Journalistin Zineb El Rhazoui ist dem Anschlag auf die «Charlie Hebdo»-Redaktion entgangen. Jetzt erzählt sie, wie die neuste Ausgabe entstand.

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Am Mittwoch, 14. Januar, erschien in Frankreich die erste Ausgabe der Zeitung «Charlie Hebdo» nach den Terroranschlägen, natürlich mit einer Mohammed-Karikatur auf der Titelseite. In der Deutschschweiz war die Zeitung ab Freitag, 16. Januar, erhältlich. In der Ausgabe vom 7. Januar 2015 widmete sich «Charlie Hebdo» dem neuen Roman des französischen Skandalautors Michel Houellebecq, der darin die Machtübernahme durch einen muslimischen Präsidenten in Frankreich im Jahr 2022 beschreibt. Mit ihren provokativen Mohammed-Karikaturen hat die Satirezeitschrift in der Vergangenheit schon mehrfach für Schlagzeilen gesorgt. Aus Angst vor einem Anschlag überwachte die Gendarmerie das «Charlie Hebdo»-Gebäude nach dem Skandal um die dänischen Karikaturen schon 2006. Nicht unbegründet, wie sich später zeigte. Nach der Veröffentlichung der Sonderausgabe mit dem Titel «Scharia Hebdo» wurde am 2. November 2011 auf die Redaktion der Zeitung am Boulevard Davout in Paris ein Brandanschlag verübt. Der Stein des Anstosses: Diverse Karikaturen, die den Propheten Mohammed zeigen. Die Karikaturen lösten immer wieder wütende Reaktionen von Muslimen aus, die Abbildungen des Religionsgründers ablehnen. Im Januar 2013 wurde dann ein Comicheft mit dem Titel «Das Leben Mohammeds» an den Kiosken verkauft. Religionen stehen immer wieder im Visier der Satirezeitung. Dabei werden nicht nur Muslime auf die Schippe genommen. Auch vor dem Beschuss des Korans wird nicht zurückgeschreckt.

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Heute Mittwoch erscheint in Frankreich die erste Ausgabe des Satire-Magazins «Charlie Hebdo» nach den Terroranschlägen in Paris – in der Deutschschweiz wird sie ab Freitag erhältlich sein. Redaktorin Zineb El Rhazoui hat das Heft zusammen mit 15 Kollegen produziert. Die 32-Jährige war zum Zeitpunkt des Anschlags auf die Redaktion für eine Recherche in Marokko unterwegs. Acht ihrer Arbeitskollegen wurden getötet, vier weitere verletzt. Einige sind noch immer im Spital.

«Wir haben die Zuversicht verloren, das Vertrauen ins Leben», sagt El Rhazoui in einem Gespräch mit dem «Spiegel». «Aber wir machen weiter. Wir können nicht zulassen, dass sie umsonst gestorben sind.» Die grosse internationale Solidarität macht El Rhazoui Mut: «Es hat uns Kraft gegeben, dass uns so viele unterstützen und in der ganzen Welt auf die Strasse gegangen sind.» Weiter: «Es half auch, dass wir alle zusammen waren und gemeinsam das Heft gemacht haben. Zusammen können wir lachen.»

«Eine Ausgabe, die wirklich uns gehört»

Die neue Ausgabe erscheint in einer Sonderauflage von drei Millionen Exemplaren und wird in mehrere Sprachen übersetzt. Nur ein kleiner Teil davon schafft den Weg in die Schweiz.

Entstanden ist das neue Heft ist in der Räumen der Tageszeitung «Libération». Die Redaktion von «Le Monde» hat die Computer zur Verfügung gestellt. Die «Charlie Hebdo»-Macher erhielten eine Flut von Gastbeiträgen, dennoch erhält die neue Ausgabe nur eigenes Material. «Wir wollten eine Ausgabe machen, die wirklich uns gehört», sagt El Rhazoui zum «Spiegel».

«Perfekte Antwort auf Tragödie»

Auf der Titelseite der aktuellen Ausgabe ist eine Mohammed-Karikatur abgebildet. Über der Zeichnung des weiss gekleideten Propheten, der weint, ist die Zeile «Alles ist vergeben» zu lesen.

«Das Cover ist fast die perfekte Antwort auf die Tragödie», sagt Hussein Rashid, Islam-Professor an der Hofstra University in New York, zu CNN. «Sie machen keinen Rückzieher der Mohammed-Karikaturen, praktizieren die Medienfreiheit. Dennoch ist die Message versöhnlich, bescheiden und wird hoffentlich den Zorn gegenüber muslimischen Gemeinschaften in Frankreich reduzieren», erklärt Rashid.

Die muslimische Einrichtung Dar al-Ifta in Kairo bezeichnete die Karikatur dagegen als «ungerechtfertigte Provokation» für Millionen Muslime, die ihren Propheten respektieren und liebten. Kurz darauf registrierte die auf die Beobachtung von Terroraktivitäten spezialisierte US-Gruppe SITE auf einschlägigen Websites Aufrufe zu neuen Anschlägen auf «Charlie Hebdo» sowie anonyme Drohungen von Extremisten.

(woz)