Finnland

07. Juli 2016 10:35; Akt: 07.07.2016 10:35 Print

Mut gegen Mobbing – Games zeigen, wie es geht

Ein finnisches Schulprogramm bringt Kindern bei, wie sie sich verhalten sollen, wenn andere gepiesackt werden. Ein Hilfsmittel: Computersimulationen.

Bildstrecke im Grossformat »
Mithilfe eines Online-Games lernen finnische Schüler, wie sie anderen Kindern helfen, wenn diese gemobbt werden. Zu Beginn wählen die Spieler einen Charakter aus. Diese tragen sprechende Namen wie etwa «Farah Fearless» («Farah Furchtlos»). Ihren Avatar können die Kinder optisch anpassen. Haar- und Hautfarbe und andere Merkmale wie Kleidung oder Brille lassen sich frei wählen. Das Spiel gehört zum finnischen Anti-Mobbing-Programm Kiva. In verschiedenen Situationen lernen die Kinder, wie sie aggressiven Schülern begegnen können. Hier macht sich etwa ein Bub einen Spass daraus, seinem Mitschüler die Mütze zu klauen. Als Beobachter des Mobbings kann man sich für verschiedene Optionen entscheiden: Spreche ich das Opfer an? Spreche ich den Täter an? Wende ich mich an einen Lehrer? Auch unter Mädchen geht es mitunter wenig zimperlich zu. «Was ist los, Lehrer-Liebling? Mal sehen, ob dein lieber Lehrer jetzt kommt und dir hilft», drohen diese Schülerinnen ihrem Opfer und schubsen es hin und her. Wie kann der Spieler die Situation am besten lösen? Das Game gibt folgende Möglichkeiten vor: Den Täterinnen klarmachen, wie dumm sie sind. Mit dem Opfer woanders hingehen. Oder einfach gar nichts tun. Zusammen mit anderen Kindern sollen die Spieler überlegen, wie man am besten reagiert. Für abgeblockte Mobbingversuche gibt es Extrapunkte. Ausserdem lernen die Schüler, wie sie nett zu anderen Kindern sein können. «Du hast coole Haare» lautet ein Vorschlag für ein Kompliment. Auch dieser Einsatz wird belohnt (siehe links unten). Das Spiel hat verschiedene Level. Die Entscheidungen des Spielers in bestimmten Situationen beeinflussen den weiteren Verlauf des Games. Kiva umfasst neben den Computerspielen auch Unterrichtseinheiten für die Schüler und Schulungen für Lehrer und Eltern.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Finnlands Bildungssystem erfährt international viel Lob. Erfolgreich sind die Finnen aber nicht nur darin, ihren Kindern Lesen und Schreiben beizubringen – Zivilcourage steht an den Schulen ebenfalls auf dem Stundenplan. Ein spezielles Programm, das mittlerweile an fast allen finnischen Schulen etabliert ist, bringt Kindern bei, wie sie mit Mobbing umgehen und gegen pöbelnde Mitschüler einschreiten können. Vor allem in Online-Games trainieren sie ihren Mut zum aktiven Handeln.

Umfrage
Könnten von einem solchen Anti-Mobbing-Programm auch Schweizer Schüler profitieren?
83 %
6 %
9 %
0 %
2 %
Insgesamt 216 Teilnehmer

Das Programm nennt sich Kiva, eine Abkürzung für «kiusaamista vastaan», auf Deutsch «gegen Mobbing». Gleichzeitig erinnert die Abkürzung an das finnische Wort für «gut» oder «prima». Kiva umfasst Schulungen für Lehrer und Eltern, aber eben auch Computerspiele, Simulationen und Unterrichtseinheiten für die Schüler.

Mobbing in verschiedenen Situationen

In den Games müssen sich die Kinder zum Beispiel entscheiden, wie sie sich in bestimmten Situationen verhalten würden: Mischen sie sich etwa ein, wenn einem Mitschüler die Mütze gestohlen wird und sich seine Peiniger über ihn lustig machen? Tun sie gar nichts? Oder informieren sie zumindest einen Lehrer? Die Kinder wählen einen von mehreren Avataren – einen Schüler, der im Laufe des Games rund 50 unterschiedliche Situationen erlebt, die alle mit Mobbing zu tun haben. Die Entscheidung des Spielers beeinflusst den weiteren Verlauf des Games. Die Simulationen gibt es für unterschiedliche Altersgruppen.

«In dem Spiel lernen die Kinder, wie man andere gut behandelt, oder auch, welche netten Dinge man zu neuen Schülern sagen kann, damit sie sich in der Gruppe wohlfühlen», zitiert Upworthy.com die Projektleiterin Johanna Alanen.

Andere Länder machen mit

Entwickelt wurde Kiva von der Universität Turku und dem finnischen Bildungsministerium. An 90 Prozent der finnischen Gesamtschulen wird es angewendet. Inzwischen haben auch Schulen in anderen Ländern das Programm getestet, etwa in den Niederlanden, Schweden, Italien oder Spanien. Selbst in den USA und in Südafrika zeigen Experten Interesse.

Untersuchungen haben gezeigt, dass es häufig gemobbten Kindern am meisten hilft, wenn ihre Mitschüler spielerisch lernen, den Opfern zuhilfe zu kommen. Die University of California in Los Angeles (UCLA) fand heraus, dass Kiva viel effektiver gegen Mobbing an Schulen wirkt als andere Massnahmen. Demnach ist die Wahrscheinlichkeit für einen Schüler, gemobbt zu werden, an einer normalen Schule doppelt so hoch wie an einer Kiva-Schule.

Nachgewiesen werden konnte laut Angaben der Initiatoren auch, dass Kinder an Kiva-Schulen weniger depressiv und ängstlich sind und mehr Freude am Lernen haben.

In einem Video erklären die Macher, wie ihr Programm funktioniert.

(mlr)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Priska am 07.07.2016 11:40 Report Diesen Beitrag melden

    Endlich - mein Wunsch wurde erhört

    Das ist das Gescheiteste, was ich in diesem Jahr in den Medien gelesen habe.

  • ToniMacheroni am 07.07.2016 11:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    gute Idee

    Man weiss ja bereits von Egoshootern das Realität und inGame-Aktionen keinen Zusammenhang auf das Verhalten haben. Aber vlt. bringts ja was, weil lernen tut man auch bei Games.

  • CookingSamurai am 07.07.2016 11:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gute Idee

    So gesehen ist die Interesse sicher grösser bei den jungen Leuten, sich das mal anzuschauen, jetzt kommt es noch darauf an wie gut das Spiel bei denen ankommt. Ich hoffe Sie haben damit viel Erfolg, damit es so was auch für andere Länder mal geben wird.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Tuuli am 07.07.2016 13:17 Report Diesen Beitrag melden

    Sollte man auch hier machen

    Das lernen wir Skandinavier auch schon von den Eltern. Auch meine Kinder werden so erzogen. Sie kennen auch Gerechtigkeit, was m. E. sehr wichtig ist.

  • Priska am 07.07.2016 11:40 Report Diesen Beitrag melden

    Endlich - mein Wunsch wurde erhört

    Das ist das Gescheiteste, was ich in diesem Jahr in den Medien gelesen habe.

  • CookingSamurai am 07.07.2016 11:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gute Idee

    So gesehen ist die Interesse sicher grösser bei den jungen Leuten, sich das mal anzuschauen, jetzt kommt es noch darauf an wie gut das Spiel bei denen ankommt. Ich hoffe Sie haben damit viel Erfolg, damit es so was auch für andere Länder mal geben wird.

  • ToniMacheroni am 07.07.2016 11:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    gute Idee

    Man weiss ja bereits von Egoshootern das Realität und inGame-Aktionen keinen Zusammenhang auf das Verhalten haben. Aber vlt. bringts ja was, weil lernen tut man auch bei Games.