Jahrestag in Tunesien

14. Januar 2012 15:54; Akt: 14.01.2012 15:54 Print

Im Musterland der Revolution herrscht FrustIm Musterland der Revolution herrscht Frust

Vor einem Jahr gab sich mit Ben Ali in Tunesien der erste Diktator der arabischen Welt geschlagen. Zufrieden ist die Bevölkerung nicht. Die Arbeitslosenquote bleibt hoch und der neuen Regierung fehlt die Erfahrung.

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Am 14. Januar 2011 floh der frühere tunesische Machthaber Zine al-Abidine Ben Ali aus dem Land (Bild rechts). Die Situation der Bevölkerung hat sich aber bislang kaum verbessert. Am 14.1.2012 (Bild links) demonstrieren sie in Tunis für mehr Stellen. (Bild: AFP)

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Zum Feiern ist dem 21-jährigen Béchir Habachi ein Jahr nach dem Sturz des früheren tunesischen Machthabers Zine al-Abidine Ben Ali nicht zu Mute. Ganz im Gegenteil: «Ich habe mein Leben umsonst riskiert», bilanziert der magere junge Mann mit schriller Stimme die Lage in seiner Heimat.

Er präsentiert vorwurfsvoll den Inhalt eines kleinen Täschchens, das er in seiner weiten blauen Jacke trägt. Darin: Insulinspritzen und Zuckerwürfel, die er als Folge einer Schussverletzung während der Massenproteste gegen Ben Ali ständig bei sich haben muss.

«Mein Leben hat sich auf das hier reduziert», sagt Habachi resigniert. Als er sich den Demonstrationen angeschlossen habe, die sein Land von Dezember 2010 bis zur Flucht Ben Alis nach Saudi- Arabien am 14. Januar 2011 in Atem hielten, habe er «an ein demokratisches und freies Tunesien geglaubt».

Doch der Lohn für sein riskantes Engagement seien nach bisherigem Stand nicht gesellschaftliche Verbesserungen, sondern ein Schuss ins Bein und ein Leben als Diabetiker. «Ich bereue, dass ich nicht wie die meisten Tunesier zu Hause geblieben bin und die Dinge im Fernsehen verfolgt habe», sagt Habachi.

«Ben Ali ist weg, aber der Rest der Bande ist immer noch da», konstatiert ein anderer junger Mann, der seinen Namen nicht nennen will. Er unterscheidet sich von grossen Teilen seiner Generation durch ein einfaches, aber wesentliches Merkmal: Er hat eine Arbeitsstelle.

Enttäuschte Hoffungen

Die hohe Erwerbslosenquote im Land war ein wichtiger Auslöser der Proteste. Doch auch nach einem Jahr hat im ländlichen Tunesien etwa die Hälfte der Bevölkerung laut Experten weiter kein geregeltes Einkommen, im Landesschnitt sollen es fast 20 Prozent sein. Auch sei das Korruptionsniveau noch immer ausserordentlich hoch, sagt der Transparenzforscher Sami Remadi.

In jüngster Vergangenheit geschah in Tunesien wieder mehrfach das, was dem Aufstand gegen Ben Ali letztlich die enorme Kraft verliehen hatte: Aus Protest und Verzweiflung übergossen sich Menschen mit Benzin und zündeten sich an.

Im Dezember 2010 starb ein junger Strassenhändler aus der Stadt Sidi Bouzid auf diese Weise - es war die Initialzündung für die Unruhen in der arabischen Welt -, im Januar 2012 starb nun ein Arbeitsloser aus der verarmten Provinz Gafsa.

Andere liegen mit schweren Verletzungen in Kliniken. «Ben Ali war ein Trauma, doch er stellt keine Gefahr mehr da», sagt der Jurist Yadh Ben Achour. Das Problem sei weiter «das System», das von einem Umbruch «weit entfernt» sei.

Viel Improvisation

Ben Achour muss wissen, wovon er spricht. Er war in der Übergangsphase von der Flucht Ben Alis bis zur Wahl einer Verfassungsversammlung im Oktober Chef einer Kommission, die erste Reformen umsetzen sollte. Aus der Abstimmung ging die Islamistenpartei Ennahda als Sieger hervor, der auch Regierungschef Hamadi Jebali angehört.

Staatschef ist seit Dezember der Menschenrechtsaktivist Moncef Marzouki. Die Islamisten hätten «Widerstands-, aber keine Regierungserfahrung», beschreibt Ben Achour das aus seiner Sicht derzeit grösste Problem Tunesiens und spricht von «Improvisation» und einem «schlechten Start» der neuen Führung.

Seit dem Umsturz geben sich westliche Politiker in Tunesien die Klinke in die Hand. Erst vor wenigen Tagen besuchte der deutsche Aussenminister Guido Westerwelle die Hauptstadt Tunis und versprach weitere Hilfe beim Aufbau des Landes.

Diese scheint dringend nötig zu sein. Die Behörden hätten bislang nicht einmal abschliessende Angaben zu den Opfern des Aufstands geliefert, beklagt die Menschenrechtsaktivistin Lamia Farhani. Nach Angaben der Vereinten Nationen sollen etwa 300 Menschen gestorben und rund 700 weitere verletzt worden sein. «So können wir den 14. Januar nicht feiern», sagt Farhani.

(sda)

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  • Nubi am 15.01.2012 17:48 Report Diesen Beitrag melden

    Wer sägt am eigenen Ast?

    Erst die Regierung stürzen und dann nicht wissen wie weiter. Bravo. Jetzt brauchts eben Köpfchen auch noch dazu.

  • Sam Orca am 15.01.2012 11:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geduld...

    Die vorherrschende Ungeduld ist Teil der tunesischen Mentalität. In der Euphorie des Frühlings 2011 hiess es alles wird besser, wie lange man darauf warten muss sagte keiner. Es wird Jahre, ja Jahrzehnte! dauern, bis in einem seit Jahrhunderten besetzten oder unterdrückten Land Demokratie gelebt wird. In den Küstengebieten und im Norden ist die neue Freiheit zu spüren, im Landesinneren und im Süden leider nicht - ich hoffe noch nicht.

  • Kampfsocke am 14.01.2012 23:56 Report Diesen Beitrag melden

    Mit dem bestehenden System

    wird sich in diesen Ländern gar nichts ändern, wie auch? Ob Ägypten, Libyen oder Tunsien. Die vorherigen Machtstrukturen sind doch immer noch vorhanden einfach mit neuem Gesicht. Wenn man wirklich etwas ändern will muss man das komplette politische System von neuem aufbauen und zwar nicht von denen die an der Macht sind. Das Volk wird genauso wenig vertreten wie vorher und es funktioniert weltweit so.